Der Rohölmarkt befindet sich seit mehreren Wochen in Turbulenzen: Es gibt Machtkämpfe zwischen den drei - mit Abstand - größten Ölförderländern USA, Saudi-Arabien und Russland sowie eine coronabedingte sinkende Nachfrage bei gleichzeitigem Überangebot. Vorläufiger Tiefpunkt war der erstmals negative Preis für das US-Rohöl WTI am Montagabend, der einen Tag später auch den Preis für das europäische Rohöl Brent nach unten zog.

Klingt verwirrend, ist es auch. Ein Überblick in acht Fragen für ein besseres Verständnis:

Welche Sorten Rohöl bestimmen den Weltmarkt?

Es gibt zwei führende Ölsorten am Weltmarkt. Zum einen europäisches Brent Blend. Es stammt aus der Nordsee zwischen den Shetlandinseln und Norwegen. Von dort gelangt es per Unterwasserpipeline zum Festlandterminal Sullom Voe (Shetlandinseln). Zu der Sorte werden drei weitere Ölfelder in der Nordsee gezählt. Brent Blend wird an der Londoner Börse gehandelt. Die zweite bestimmende Ölsorte ist US-amerikanisches West Texas Intermediate (WTI). Die Ölfelder befinden sich in den Bundesstaaten Texas und New Mexico. WTI ist an der New Yorker Börse notiert.

Warum werden Benzin und Diesel nicht billiger?

Das hat zwei Gründe. Zum einen hat der Autoverkehr in den vergangenen Wochen drastisch abgenommen, es wird somit weniger getankt. Die Kosten für die Tankstellen bleiben aber gleich. Mitarbeiter, Pacht, Strom müssen weiter bezahlt werden. Zum anderen hat der kürzliche Preisverfall nicht nur mit physisch gehandeltem Öl zu tun. Es handelt sich hier um Rohöl-Futures.

Was sind Rohöl-Futures?

Futures sind Finanzmarktderivate, also Termingeschäfte mit Ablaufdatum auf ein bestimmtes Gut wie etwa Rohöl. Sie werden zum Tageskurs abgeschlossen, ihre Erfüllung erfolgt jedoch zu einem vereinbarten späteren Termin. Der Preissturz von WTI am Montag betraf auch künftige Öllieferungen und deren Preise im Mai. Viele Händler handeln Futures nur spekulativ. Sie wetten auf den Preis und stoßen diese kurz vor Ende des vereinbarten Ablaufdatums wieder ab. Das Termingeschäft für Ölpreise im Mai endete am Dienstag. Daher verkauften sie ihre Rohöl-Derivate am Montag. Weil aber derzeit kaum jemand auf Rohöl setzt, sank der Preis in historischem Ausmaß und landete sogar im Minus.

Wie wirkt sich die Corona-Krise auf den Ölpreis aus?

Für gewöhnlich bewegen sich die Preise der beiden Ölsorten Brent Blend und WTI etwa im gleichen Bereich. Doch nicht in der aktuellen Corona-Krise. So rutschte der Preis für WTI am Montagabend erstmals in seiner Geschichte ins Minus. An der New Yorker Börse lag der Schlusspreis bei minus 37,63 Dollar pro Barrel. Das wirkte sich auch auf den Brent-Ölpreis aus. Diese notierte am Dienstag um 11 Uhr in London bei 22,00 Dollar je Barrel (159 Liter) und damit um satte 14 Prozent weniger als noch am Vortag.

Warum führen Russland und Saudi-Arabien einen Ölkrieg?

Als sich das Coronavirus Anfang März immer rascher global ausbreitete, läuteten bei der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) die Alarmglocken wegen des bevorstehenden Nachfrageeinbruchs. Es kam zu Verhandlungen, bei denen Saudi-Arabien in einer gemeinsamen Aktion die Fördermenge von Öl reduzieren wollte, um den Preis stabil zu halten. Russland war jedoch dagegen und ließ die Verhandlungen platzen, um den Wüstenstaat zu schwächen. Im Gegensatz zu Russland ist Saudi-Arabien von einem höheren Ölpreis abhängig. Für einen ausgeglichenen Staatshaushalt benötigt das Land einen Ölpreis von 70 Dollar. Russland reichen hingegen etwa 40 US-Dollar pro Fass. Saudi-Arabien war daher zum Handeln gezwungen und kündigte an, den Ölpreis seiner Sorten zu senken. Die Raffinerien in Europa, aber auch in Asien und den USA sollten so als Käufer für ihr Rohöl gewonnen werden. Mit fatalen Konsequenzen: Der Preis für Brent Blend brach um bis zu 31,5 Prozent auf 31,02 US-Dollar je Barrel (159 Liter) ein. Russland lenkte ein. Es kommt zu einer historischen Einigung der Opec - die weltweite Rohölproduktion sollte um 10 Prozent heruntergefahren werden, so die Abmachung. Doch das Coronavirus hatte den Ölpreis mittlerweile im Würgegriff.

Wie wurden die USA zum größten Ölproduzenten?

Der Vorstoß Saudi-Arabiens erinnert an das Jahr 2016. Auch damals überschwemmte der Staat den Markt mit billigem Öl, nachdem die USA dank der neuen Fördertechnik Fracking seine Ölproduktion verdoppeln konnte. Dank billiger Kredite überlebten jedoch die meisten US-Anbieter. Saudi-Arabiens Vorstoß lief damit ins Leere, die USA zogen sogar vorbei und liegen heute bei einer konkurrenzlosen Tagesproduktion von 13,1 Millionen Fass.

Haben die USA Lagerprobleme?

Die strategische Ölreserve der USA (Strategic Petroleum Reserve) beträgt etwa 100 Millionen Tonnen Rohöl und wird in Krisensituationen angezapft. Die Depots wurden aufgrund der Erfahrungen der Ölkrise 1973 angelegt. Das Öl wird in mehr als 1000 Metern Tiefe in unterirdischen Salzstöcken gelagert. Die vier Lagerstätten liegen am Golf von Mexiko in Texas und Louisiana. Die Öllager in den USA drohen aktuell aber überzulaufen. Seit Ende Februar sind die Lagerbestände im wichtigen Auslieferungsort Cushing (Bundesstaat Oklahoma) um fast 50 Prozent gestiegen. Das Öl bei privaten Anbietern zu lagern, ist für die USA auch keine Option. So hieß es am Dienstag vom weltweit größten Anbieter Royal Vopak aus Rotterdam, dass seine Lagerkapazität ebenso nahezu erschöpft sei.

Setzt das US-Präsident Trump unter Druck?

Viele von den Rohöl-Firmen in den USA sind hoch verschuldet. Die Krise lässt ihr Minus nun noch weiter anwachsen. Ein Kollaps der Öl- und Gasindustrie mit ihren mehr als zehn Millionen Beschäftigten würde ein Heer von Arbeitslosen bedeuten. Donald Trump fürchtet, dass dies seine Chancen für eine Wiederwahl im November verschlechtern könnte. Der US-Präsident versprach nun Hilfsgelder für betroffene Unternehmen. Zudem wolle er den niedrigen Ölpreis nutzen, um die strategischen Reserven aufzufüllen. Er werde den Kongress um die nötigen Mittel bitten, damit sich die Regierung den "Niedrigpreis-Rekord" am Ölmarkt zunutze machen könne. Wo das Öl gelagert werden soll, ließ er offen.