Der Konjunktureinbruch im Zuge der Corona-Krise könnte nach Einschätzung von Experten die Nachfrage nach Energie so stark wie noch nie einbrechen lassen. Der weltweite Energiebedarf könnte in diesem Jahr um sechs Prozent schrumpfen, teilte die Internationale Energieagentur (IEA) am Donnerstag mit. Ursache hierfür seien die Folgen der Beschränkungen, die viele Länder im Kampf gegen die Ausbreitung des Virus verhängt haben. Geht die Industrieproduktion zurück, sinkt auch der Ausstoß klimaschädlichen Kohlendioxids.

Laut IEA werden heuer weltweit 2,6 Milliarden Tonnen CO2 weniger ausgestoßen als im Jahr davor – und zwar alleine durch den gesunkenen Energieverbrauch. Das entspricht laut IEA den Emissionen des Jahres-Energiebedarfs von ganz Indien. Der Rückgang wäre sechsmal so groß wie der bisherige Rekordabsturz 2009 infolge der Finanzkrise.

Die IEA mit Sitz in Paris berät Industriestaaten in Energiefragen. Der Rückgang der Nachfrage könne noch stärker sein, wenn einige Staaten mit der Lockerung der Beschränkungen zögerten oder eine zweite Welle der Virus-Krise die Menschen heimsuche, sagte IEA-Exekutivdirektor Fatih Birol der Nachrichtenagentur Reuters.

Die Nachfrage nach Kohle und Gas ist bereits deutlich zurückgegangen. Bei Kohle lag das Minus im ersten Quartal gegenüber dem Vorjahreszeitraum bei acht Prozent. Dieser Wert wird auch für das Gesamtjahr erwartet. Die Nachfrage nach Gas könnte 2020 um fünf Prozent schrumpfen. Shell-Vorstandschef Ben van Beurden sagte, die Coronavirus-Pandemie könnte das Ölgeschäft für immer verändern, da sich die Nachfrage nicht mehr erholen könnte..

Die Stromerzeugung ging insgesamt im ersten Quartal um 2,6 Prozent zurück. Anlagen der Erneuerbaren Energien legten allerdings durch den Zubau von Wind- und Solarenergie im selben Zeitraum um drei Prozent zu. In der weltweiten Stromerzeugung kamen die Erneuerbaren im ersten Quartal auf knapp 28 Prozent. Bis Ende des Jahres könnten es 30 Prozent werden. Angesichts der Zahl der Menschen, die an dem Virus sterben, und dem Einbruch der Wirtschaft, sei der historische Rückgang der CO2-Emissionen kein Grund zum Jubeln, sagte Birol.

Zu früh gefreut

Der Rückgang sei auch nicht nachhaltig. "Wenn wir aus den Entwicklungen nach der Finanzkrise von 2008 irgendwelche Schlüsse ziehen können, werden wir demnächst einen steilen Anstieg der Emissionen sehen, wenn sich die Wirtschaft erholt", sagte Birol. Um die CO2-Emissionen auch in den folgenden Jahren weiter zu reduzieren und damit den UN-Klimazielen  näher zu rücken, müsse das gesamte Energiesystem umgebaut werden. "Regierungen können aus vergangenen Entwicklungen lernen, indem sie saubere Energie-Technologien – erneuerbare Energie, Energieeffizienz, Speicher, Wasserstoff und Carbon Capture – ins Zentrum ihrer Pläne für den wirtschaftlichen Neustart stellen", so Birol. (apa/reuters)