Drei Milliarden Dollar sind kein Pappenstiel, das waren sie weder vor der Zeit, in der die Coronavirus-Pandemie über Amerika hereinbrach, noch sind sie es heute. Und doch nimmt sich diese Summe angesichts des volkswirtschaftlichen Schadens, den Covid-19 und seine Begleiterscheinungen in den Vereinigten Staaten bisher angerichtet haben, eher bescheiden aus. Bis hin zum Achselzucken.

Am Donnerstagnachmittag gab der Ridesharing-Gigant Uber seine neuen Quartalszahlen bekannt. Die Verluste beliefen sich auf besagte drei Milliarden und lösten bei den Investoren umgehend Kauflust aus. Der Wert der Uber-Aktie schoss ungeachtet des extrem schlechten Ergebnisses (das vor allem Verlusten im Asien-Geschäft geschuldet war) steil nach oben, woran sich auch in den Stunden nach dem ersten Schock nichts änderte. Am Ende des Handelstages an der New Yorker Börse ergab sich ein Firmenwert von 53 Milliarden Dollar - das in einer Zeit, in der etwa der S&P-500-Index, an dem die 500 wichtigsten US-Unternehmen notiert sind, seit Jahresbeginn bisher über zehn Prozent an Wert einbüßte.

Den Tech-Riesen geht es gut

Im Uber-Hauptquartier an der Market Street in San Francisco nahm man die Nachricht mit Jubel auf und nicht nur dort; die gesamte Region atmete ein wenig auf. Das der ehemaligen Metropole der US-amerikanischen Gegenkultur geografisch wie geistig angeschlossene Silicon Valley, Herzstück des Technologie-Wunders Made in USA, nahm es nur als weiteres Zeichen dafür, dass selbst das Coronavirus dem Glauben an den vermeintlich unaufhaltsamen digitalen Fortschritt nicht beizukommen vermag.

Rein intuitiv erscheint diese optimistische Sicht der Dinge logisch: Wenn praktisch die ganze Welt wochen- oder gar monatelang zuhause mehr oder minder total eingesperrt ist, profitieren allen voran jene Firmen, deren Produkte den Menschen das Leben in der Isolation erleichtern. Von der Online-Bestellung der Pizza über das Blättern im Netflix-Filmkatalog bis zum Auswählen des hausfrei gelieferten Geburtstagsgeschenks für die Schwiegermutter - für jedes legale und bisweilen auch halblegale Service gibt es mittlerweile eine App oder zumindest eine Website, die die Bedürfnisse der Quarantäne-Konsumentinnen und Konsumenten befriedigt. Von den Sozialen Medien ganz zu schweigen, die Menschen in Zeiten von Corona beanspruchen wie nie zuvor, sei es zur Unterhaltung, zur Selbst-Diagnose oder einfach nur zum Suchen nach der neuesten Verschwörungstheorie.

Entsprechend geht es den Giganten des Silicon Valley - denen, die dort ihre Headquarter stehen haben ebenso wie denen, deren Chefs vielleicht woanders sitzen, aber in diesem Fleck Nordkaliforniens riesige Niederlassungen unterhalten - heute besser als je zuvor. Während der Rest des Landes angesichts von nunmehr über 30 Millionen arbeitslos Gemeldeten die Angst vor einer Neuauflage der Großen Depression der Dreißigerjahre plagt, suchen Facebook, Microsoft, Apple, Amazon und die Google-Mutter Alphabet derzeit allein in Kalifornien tausende neue Mitarbeiter. Es scheint nicht nur, als wären die fünf größten Tech-Unternehmen der USA, die zusammen 40 Prozent des Werts der Technologie-Börse Nasdaq ausmachen, von den Auswirkungen des Virus bisher verschont geblieben. Im Gegenteil sieht es derzeit danach aus, als ob sie davon sogar nachhaltig profitieren würden. So sieht man es jedenfalls definitiv etwa in Menlo Park, wo Facebook seinen Sitz hat. Sheryl Sandberg, Chief Operating Officer (COO) der Gruppe, zu der unter anderem auch Instagram und WhatsApp gehören, kündigte jetzt persönlich auf dem Wirtschafts-Kabelsender CNBC an, bis Ende 2020 sage und schreibe 10.000 Leute in den Sparten Produktbetreuung und -entwicklung anheuern zu wollen.

Alles also mehr als dulli im Nerd-Paradies? Ganz und gar nicht - denn jener Trend, der sich in der US-Wirtschaft bisher zwar noch nicht zur Gänze manifestiert hat, aber nichtsdestoweniger mehr als deutlich abzeichnet, ist eindeutig: Die Großen, die es sich leisten können, werden die Krise relativ ohne lebensbedrohende Kratzer überstehen; aber die Mittelgroßen und Kleinen, die weder von den Kunden noch von der Politik als "systemrelevant" angesehen werden, werden es schwerer haben als je zuvor, wenn sie nicht ohnehin schon bald untergehen. Indizien für die Bestandskraft dieser These finden sich schon jetzt genug, und es wäre nicht Amerika, wenn es nicht eine eigene Website gäbe, die sich der Erfassung genau dieses Phänomens annehmen würde, tagtäglich und Entlassung für Entlassung.

Kündigungswelle bei Start-ups

Wer heute zwischen San Jose und San Francisco um seinen Job fürchtet, der klickt die URL layoffs.fyi/tracker/ an. Die Website wird maßgeblich von einem Mann namens Roger Lee betrieben, selber namhafter Investor und Tech-Entrepreneur. Stand Freitagmorgen zählte man dort rund 400 Start-ups, die seit 11. März bisher rund 45.000 Mitarbeiter entlassen haben. Seit dem Inkrafttreten des weitgehenden Lockdowns des öffentlichen Lebens im 40-Millionen-Bundesstaat Kalifornien, der am 15. Mai erste Lockerungen erfahren soll, schießen die Zahlen stetig nach oben, und die Tendenz zeigt wenig Aussicht auf Besserung. Auch wenn diese Zahlen relativ sind - im März lag die Arbeitslosenquote im Silicon Valley offiziell bei 3,1 Prozent, ein starker Anstieg, aber angesichts der Umstände und im Vergleich zum Rest des Landes noch mehr als im Rahmen - warnen die renommierten Wirtschaftsforscher des Silicon Valley Institute for Regional Studies bereits jetzt vor einer baldigen Entlassungswelle, die an die des Krisenjahres 2009 heranreichen könnte.

Airbnb, Uber und Lyft leiden

Damals fanden sich aufgrund der globalen Finanzkrise über zehn Prozent der Arbeitnehmer im Tal der Techies ohne Job wieder. Bisher leiden in der Branche allen voran Firmen wie die Online-Wohnungsbörse Airbnb, der Veranstaltungsvermarkter EventBrite oder eben Ridesharing-Services wie Uber und Lyft unter dem weltweiten Rückgang der Geschäfte; aber anders als viele noch relativ namenlose Start-ups, deren Geschäftsmodelle ebenfalls im pur physischen Leben verankert sind, haben es diese bekannten Marken dank ihrer Größe noch immer um einiges leichter, sich aufgrund der in den vergangenen Jahren erwirtschafteten Profite über Wasser zu halten. Für sie kommt es in Zeiten von Corona auf die eine oder andere Milliarde nicht wirklich an, weil sie schon vor Ausbruch der Krise einen Marktanteil hatten, den viele gestern wie heute als "Too big too fail" ansehen und denen die Investoren nicht zuletzt deshalb in der Hoffnung auf bessere Zeiten treu bleiben; aber für viele der kleinen Player im Tal der Milliardengräber bedeutet die durch das Virus ausgelöste Krise den potenziellen Tod, noch bevor sie überhaupt das erste Mal online gehen.