Jeder schaut auf sich, nur ich schau auf mich." Die gerne zitierte Redewendung beschreibt nicht nur manche Entwicklung zu Beginn der Corona-Krise, als Regierungen am Weltmarkt um Schutzkleidung und Masken konkurrierten und plötzlich wie im Dominoeffekt längst versenkte Grenzbalken hochfuhren. Sie passt mitunter auch zum aktuellen wirtschaftlichen Hochfahren nach den nationalen Lockdowns. Aktuell besonders im Fokus der jeweiligen nationalen Interessen: der Sommertourismus.

Dass beim Tauziehen um schrittweise Grenzöffnungen - inklusive bilateraler Verhandlungen - die Entwicklung der Corona-Zahlen einzelner Länder nicht der alleinige Gradmesser ist, ist dabei augenscheinlich. Zu hoch ist das wirtschaftliche Volumen der Nächtigungen, zu gewichtig der gesamte Sektor bei der Entwicklung des BIP inmitten der Wirtschaftskrise.

Reise nach Jerusalem

Die strategische Komponente bei der Abstimmung der Grenzöffnungen gleicht dabei der Reise nach Jerusalem: Tourismus-Öffnungen erfüllen einerseits den Wunsch der Bevölkerung nach Auslandsreisen und ermöglichen umgekehrt die Beherbergung ausländischer Gäste im eigenen Land - für zahlreiche europäische Staaten ein entscheidender Wirtschaftsfaktor. Sie führen aber andererseits auch zur Urlaubsabwanderung der "eigenen" Bevölkerung ins Ausland - während man deren Kaufkraft naturgemäß gerne in der eigenen Volkswirtschaft gehalten sieht.

Im internationalen Wettrennen um ausländische Urlauber rücken jene aus Deutschland gerade besonders ins Zentrum. Die Gäste aus der Bundesrepublik - mit ihren 83 Millionen Einwohnern das mit Abstand bevölkerungsreichste EU-Land - lassen sich aufgrund ihrer traditionellen Reisefreudigkeit und hohen Kaufkraft wohl für viele Tourismus-Nationen als "systemrelevant" bezeichnen.

Deutschlands Außenminister Heiko Maas (SPD) beriet am Montag mit seinen Amtskollegen aus bei Deutschen beliebten Urlaubsländern über Möglichkeiten zur weiteren Lockerung bei Reisebeschränkungen. Zur Videokonferenz waren neben Österreich auch Italien, Spanien, Griechenland, Kroatien, Portugal, Malta, Slowenien, Zypern und Bulgarien geladen.

Damit soll ein koordiniertes Vorgehen bei der Öffnung der Grenzen für Touristen eingeleitet werden. In Deutschland gilt vorläufig noch bis zum 14. Juni eine weltweite Reisewarnung für Urlauber. Maas gab sich nach der Konferenz aber zuversichtlich, dass die generelle Reisewarnung ab dem 15. Juni durch landesspezifische Reisehinweise ersetzt werden könne.

Österreichs Außenminister Alexander Schallenberg (ÖVP) betonte nach der Videokonferenz, dass für Österreich bei der Wiederaufnahme der Reisefreiheit Faktoren wie Gesundheit, Mobilität und Sicherheit entscheidend seien. "Es ist uns bewusst, dass vielen Österreicherinnen und Österreichern das Thema Reisefreiheit besonders im Hinblick auf die bevorstehende Urlaubssaison sehr wichtig ist", betonte Schallenberg gleichzeitig.

Deutsche wichtigste Gruppe

Sofern etwaige steigende Corona-Zahlen nicht noch zu einer Planänderung führen, dürfte die generelle Reisewarnung durch Deutschland jedenfalls rechtzeitig zum Start in die Haupturlaubszeit zwischen Juni und August aufgehoben werden. Österreich sei immer "das verlängerte Wohnzimmer der Deutschen" gewesen, hatte kürzlich schon Petra Nocker-Schwarzenbacher, Obfrau der Bundessparte Tourismus- und Freizeitwirtschaft in der Wirtschaftskammer, gesagt. Sie hoffte, dass trotz des Coronavirus-Hotspots in Ischgl und weiteren Tiroler Skiorten weiterhin viele Deutsche ihren Urlaub in Österreich verbringen werden.

Die Deutschen sind - neben den Inlandstouristen - sowohl im Winter als auch im Sommer die mit Abstand wichtigste Gästegruppe. Auf deutsche Urlauber entfielen im Sommer 2019 rund 7,9 Millionen Ankünfte und 29,5 Millionen Nächtigungen. Inländische Gäste waren indessen für 23,3 Millionen Übernachtungen verantwortlich.

Von den insgesamt rund 152 Millionen Nächtigungen in Österreich pro Jahr entfielen 37,1 Millionen auf deutsche Urlauber, sagte Tourismusexperte Oliver Fritz vom Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) zur "Wiener Zeitung". Betrachtet man ausschließlich die Nächtigungen ausländischer Gäste, entfällt laut Fritz die Hälfte auf deutsche Urlauber.

Doch auch andere Länder werben aktiv um Gäste aus der Bundesrepublik. Griechenland komme Schritt für Schritt aus der Krise und kehre zur Normalität zurück, sagte der griechische Außenminister Nikos Dendias. "Die Bewegungsfreiheit wird innerhalb des Landes wiederhergestellt, unsere Hotels bereiten sich auf ihre Wiedereröffnung vor."

Slowenien rudert zurück

Auch Frankreichs Staatssekretär für Tourismus, Jean-Baptiste Lemoyne, betonte, er wünsche sich, dass zum Sommerbeginn am 21. Juni möglichst viele Sehenswürdigkeiten im Land wieder Besucher empfangen können. Je nach Entwicklung der Corona-Pandemie sei das vielleicht auch schon früher möglich.

Italiens Außenminister Luigi Di Maio erklärte in der Videokonferenz, ab dem 3. Juni werde man zwischen den italienischen Regionen reisen können. "Wir sind bereit, europäische Bürger, die ihren Urlaub in Italien verbringen wollen, sicher zu empfangen", betonte er. An seine Kollegen aus Deutschland und Österreich gerichtet, meinte Di Maio, es sei nicht gerechtfertigt, dass Italien weiter auf der Schwarzen Liste der EU-Länder stehe.

Unterdessen ruderte Slowenien bei der Grenzöffnung zu Österreich wieder zurück - und machte die erst am Freitag eingeführte Regelung wieder rückgängig. Seit Sonntagabend gilt ein neues Grenzregime: Österreicherinnen und Österreicher können ohne triftigen Grund nicht mehr nach Slowenien einreisen. Nunmehr können nur Bürger jener EU-Länder ohne Einschränkungen einreisen, mit denen es bilaterale Vereinbarungen gibt. Die Liste der Länder steht noch nicht fest.