Bisher sind es nur Gerüchte über mögliche Werkschließungen beim Autohersteller Renault - doch die französische Mitte-Regierung reagierte sofort und heftig. Premierminister Edouard Philippe kündigte an, man werde sich unbeugsam beim Bewahren von Standorten im Land zeigen. "Wir sind äußerst wachsam", lautet das Credo Philippes, der in der Corona-Krise erheblich an Statur gewann.

Philippe und seine Minister erwarten von dem Traditionshersteller einen milliardenschweren Sparplan, der dem Vernehmen nach Ende nächster Woche vorgelegt werden soll. Neu sind die Probleme am Konzernsitz in Boulogne-Billancourt überhaupt nicht. Aber die Corona-Pandemie und der damit verbundene Absatzeinbruch führen zu einer offenen Krise. Renault - das ist in Frankreich ein sehr emotionales Thema: Zahlreiche Bürger haben Oldtimer der Marke in der Garage stehen. 1968, im Jahr des Studentenaufstands, war Renault eines der Epizentren des Protests.

Das Enthüllungsblatt "Le Canard Enchaine" löste mit einem unscheinbar auf Seite drei platzierten Bericht Unruhe, Wut und Kritik aus. Demnach sind vier Standorte im Heimatland gefährdet, dazu gehöre auf längere Sicht auch die große Fabrik Flins im Pariser Großraum. Renault ließ die Informationen unkommentiert. Die Zeitung "Le Figaro" berichtete am Donnerstag, Flins mit bisher rund 2400 Stammbeschäftigten könnte möglicherweise weiterarbeiten, aber etwa als Recyclingzentrum, nicht als Autofabrik.

Renault wird zum Testfall

Die Covid-19-Pandemie forderte in Frankreich über 28.000 Todesopfer, und sie ist noch längst nicht vorbei. Renault wird nach Ansicht von Kommentatoren so etwas wie ein Testfall, wie die Wirtschaft und der Staat den beispiellosen Einbruch überwinden. Und Renault ist ein besonders heikler Fall. Der Staatsanteil schrumpfte im Laufe der Zeit zwar auf 15 Prozent, doch Wirtschafts- und Finanzminister Bruno Le Maire hat bei dem Autobauer immer noch viel zu sagen. Falls Renault ins Straucheln gerät, ist die Regierung mit im Boot - die parlamentarische Opposition bringt deswegen ihre Geschütze schon einmal in Stellung.

Le Maire will in der kommenden Woche seinen Plan für die gesamte Autobranche vorlegen. "Renault braucht öffentliche Unterstützung", kündigte der mächtige Ressortchef bereits in einem Interview an. Die EU-Wettbewerbshüter erlaubten der Regierung, den Hersteller mit einer Garantie für Kredite bis fünf Milliarden Euro zu unterstützen.

Schon nach dem Skandal um den früheren Konzernchef Carlos Ghosn war Renault in Turbulenzen geraten. Ghosn war Ende 2018 wegen Vorwürfen in Japan festgenommen worden, er flüchtete am vergangenen Jahreswechsel in den Libanon. Der einst schillernde Architekt des Autobündnisses mit Nissan und Mitsubishi rühmt weiter seine Qualitäten: "Heute sind vier Menschen nötig, um mich zu ersetzen" sagte er einmal einer französischen Zeitschrift: "Addieren Sie ihre Gehälter, die ihrer Mitarbeiter, ihre Reisen, ihre Kosten: Sie werden sehen, dass ich in Wirklichkeit ein Low-cost-Chef war!"

Ob das stimmt oder nicht- die Ära Ghosn und ihre Folgen beschäftigen auf jeden Fall Behörden auf der ganzen Welt. Fahnder stellten in den USA zwei Männer, die Ghosn zu seiner spektakulären Flucht verholfen haben sollen. Die 27 und 59 Jahre alten Männer wurden am Mittwoch in Harvard im US-Bundesstaat Massachusetts wegen Fluchtgefahr zum Zweck der Auslieferung nach Japan vorläufig festgenommen, wie Justizministeriums-Sprecherin Nicole Navas auf Anfrage bestätigte. Michael und Peter T. - es handelt sich um Vater und Sohn - sind in Japan angeklagt.

Seit 2019 in der Verlustzone

Renault war nach dem Rücktritt Ghosns 2019 erstmals seit zehn Jahren in die roten Zahlen gerutscht. Nun muss richtig gespart werden. Die Kosten sollen um mehr als zwei Milliarden Euro sinken. Interimschefin Clotilde Delbos hatte schon im Februar deutlich gemacht, dass Fabriken in Frankreich und weltweit auf dem Prüfstand stehen. "Wir haben kein Tabu, wir schließen nichts aus", so ihre Devise.(dpa/kle)