In der Realwirtschaft hoffen sie noch darauf, an der Börse ist sie schon da: die V-förmige Erholung. Viele Anleger trauen dem Braten aber nicht und befürchten einen zweiten Absturz von Dax, Dow Jones & Co. Die Coronakrise habe die Spielregeln verändert, sagt Alan Ruskin, Chef-Anlagestratege der Deutschen Bank. Das mache es schwierig, den fairen Wert einer Aktie zu bestimmen.

Nach dem Ausbruch der Pandemie brachen die weltweiten Aktienmärkte ab Mitte Februar binnen weniger Wochen um mehr als 30 Prozent ein. Derzeit notieren sie aber wieder gut 40 Prozent über ihren Tiefs vom März und flirten bereits mit ihren Rekordhochs vom Jahresbeginn.

Da sich wegen des beispiellosen weltweiten Konjunktureinbruchs die Gewinnaussichten der Unternehmen aber verschlechtern, liegen die Kurs/Gewinn-Verhältnisse (KGV) des US-Index S&P 500, des Dax und des pan-europäischen EuroStoxx50 derzeit jeweils über 20. Dies bedeutet, dass der durchschnittliche Aktienkurs der Index-Mitglieder den Gewinn je Aktie um mehr als das Zwanzigfache übersteigt. Das langjährige KGV-Mittel liegt bei allen Dreien bei etwa 15.

Die Flut billigen Notenbank-Geldes und die billionenschweren Konjunkturpakete der Regierungen zwängen Investoren geradezu "wider besseres Wissen" in die Aktienmärkte, sagt Benjamin Bowler, Chef-Analyst für Aktienderivate bei der Bank of America.

Der Blick in die Geschichte der vergangenen neun Jahrzehnte lehre, dass beispielsweise der US-Index S&P 500 nach einem Kursrutsch von 30 Prozent während einer Rezession die Talsohle frühestens nach sechs Monaten erreicht habe, warnen Bowlers Kollegen. Damit drohe ein Test seines Tiefs von 2192 Punkten vom 23. März. Das würde einen erneuten Kursrutsch von etwa 30 Prozent bedeuten.

Die Experten der Bank Societe Generale (SocGen) untersuchten sogar die Baissen der vergangenen 150 Jahre und kommen zu dem Ergebnis, dass der S&P 500 nach einem vergleichbaren Absturz üblicherweise erst nach zwei Jahren 40 Prozent über seinem Tief notiert und nicht wie derzeit nach zweieinhalb Monaten.

Zweifel als Basis für weitere Kursgewinne

Die Furcht vor Kursrückschlägen sei aber ein guter Nährboden für eine Fortsetzung der Rally, sagt Marktanalyst Milan Cutkovic vom Brokerhaus AxiTrader. "Für viele Investoren erweist sich ihre Zurückhaltung im Nachhinein als sehr teuer, weil sie entweder jetzt zu höheren Kursen in den Markt einsteigen oder als Leerverkäufer ihre verlustreichen Positionen schließen müssen. Beides dürfte trotz aller weiter bestehenden Risiken die Rally am Leben halten."

Analyst Jochen Stanzl vom Online-Broker CMC Markets diagnostiziert Anlegern Schwierigkeiten beim Umschwenken von Pessimismus zu Optimismus. Allerdings hätten in den vergangenen Wochen Schnäppchenjäger jeden Rücksetzer zum Einstieg genutzt. "Das ist das Verhalten eines kraftvollen Bullenmarktes." Der Bulle repräsentiert an der Börse die Optimisten.

Rally vorhersehbar

Gleichzeitig hellten sich die Konjunkturaussichten auf, betonen die Experten der Bank of America. Die Barometer für die Stimmung der europäischen Einkaufsmanager würden bis August wieder über die Schwelle von 50 Punkten steigen, die Wachstum signalisiert. Auf dieser Basis seien dem breit gefassten europäischen Index Stoxx600 zusätzliche Kursgewinne von zehn Prozent zuzutrauen.

Charttechnische Faktoren sprächen ebenfalls für eine Fortsetzung der Börsenrally, sagt Andrew Thrasher, Portfoliomanager des Vermögensverwalters Financial Enhancement. Derzeit notierten 90 Prozent der S&P-500-Werte über dem Durchschnittskurs der vorangegangenen 50 Tage. "Diese Stärke sehen wir üblicherweise erst, nachdem ein Abschwung beendet ist."

Ganz geheuer ist dies Investoren dennoch nicht: Die Kurse an den Terminmärkten signalisieren, dass sie die Wahrscheinlichkeit eines S&P-500-Rücksetzers um mehr als zehn Prozent innerhalb der kommenden drei Monate auf 29 Prozent taxieren. Die Chance für ein Plus von mehr als zehn Prozent sehen sie nur bei zwölf Prozent. (reuters)