Der Verdacht auf Bilanzfälschung bei Wirecard hat sich erhärtet. Wirtschaftsprüfer von EY hätten Hinweise auf falsche Angaben zu Täuschungszwecken gefunden, teilte der Dax-Konzern am Donnerstag mit. Konkret fehlten Nachweise über Bankguthaben auf Treuhandkonten in Höhe von 1,9 Milliarden Euro. Die Summe entspreche etwa einem Viertel der Konzernbilanzsumme.

Die Vorlage des Jahresabschlusses 2019 verschob Wirecard nun zum vierten Mal. Bereits am Freitag könnten Banken deshalb Kredite in Milliardenhöhe fällig stellen. Die Aktien brachen zeitweise um fast 70 Prozent ein und waren deshalb vorübergehend vom Handel ausgesetzt. Laut einem Index-Experten sind die Wirecard-Aktien nun von einem Hinauswurf aus dem Leitindex DAX im September bedroht, wie dpa-AFX berichtete.


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"Frühere erteilte Bestätigungen der Banken wurden vom Wirtschaftsprüfer nicht mehr anerkannt", erklärte Firmenchef Markus Braun, ein Österreicher, am Donnerstag. "Alle Beteiligten sind um schnellstmögliche Aufklärung bemüht. Ob betrügerische Vorgänge zum Nachteil der Wirecard AG vorliegen, ist derzeit unklar. Die Wirecard AG wird Anzeige gegen unbekannt erstatten." Tochtergesellschaften der Wirecard hätten auf Treuhandkonten Sicherheitsleistungen von insgesamt 1,9 Milliarden Euro eingezahlt, um für das Risikomanagement für teilnehmende Händler zu garantieren. Es handle sich um zwei asiatische Banken.

Hinweise auf Täuschung

Konkret erklärte Wirecard laut AFP, es gebe "Hinweise" auf eine Täuschung: Von einem Treuhänder bzw. aus dem Bereich der Banken, welche die Treuhandkonten führen, könnten demnach unrichtige Saldenbestätigungen zu Täuschungszwecken vorgelegt worden sein, damit der Abschlussprüfer ein unrichtiges Vorstellungsbild über das Vorhandensein der Bankguthaben zugunsten der Wirecard-Gesellschaften erhalte. "Der Vorstand arbeitet mit Hochdruck daran, den Sachverhalt in Abstimmung mit dem Abschlussprüfer weiter aufzuklären."

Ein neuer Termin für die Vorlage des Jahresabschlusses 2019 stehe noch nicht fest. Dadurch könnte Wirecard nun Probleme mit Darlehen bekommen: Solange ein testierter Jahres- und Konzernabschluss nicht bis 19. Juni vorgelegt werde, könnten Kredite der Wirecard AG in Höhe von circa zwei Milliarden Euro gekündigt werden, erklärte der Konzern.

"Frühere erteilte Bestätigungen der Banken wurden vom Wirtschaftsprüfer nicht mehr anerkannt", erklärte Firmenchef Markus Braun (hier auf einem Archivbild), ein Österreicher, am Donnerstag. "Alle Beteiligten sind um schnellstmögliche Aufklärung bemüht. Ob betrügerische Vorgänge zum Nachteil der Wirecard AG vorliegen, ist derzeit unklar. Die Wirecard AG wird Anzeige gegen unbekannt erstatten." - © REUTERS
"Frühere erteilte Bestätigungen der Banken wurden vom Wirtschaftsprüfer nicht mehr anerkannt", erklärte Firmenchef Markus Braun (hier auf einem Archivbild), ein Österreicher, am Donnerstag. "Alle Beteiligten sind um schnellstmögliche Aufklärung bemüht. Ob betrügerische Vorgänge zum Nachteil der Wirecard AG vorliegen, ist derzeit unklar. Die Wirecard AG wird Anzeige gegen unbekannt erstatten." - © REUTERS

Wirecard sieht sich seit Jahren in Medienberichten Vorwürfen der Bilanzfälschung ausgesetzt, hatte diese jedoch bis jetzt immer bestritten. Eine Sonderprüfung durch KPMG sollte die Vorwürfe aus dem Weg räumen, die KPMG-Prüfer konnten jedoch einige nicht entkräften. Die Staatsanwaltschaft München ermittelt darüber hinaus gegen Firmenchef Markus Braun und die drei anderen Vorstände wegen des Verdachts auf Marktmanipulation.

Deutsche BaFin erstattete Strafanzeige gegen Wirecard

Die Finanzaufsicht BaFin hat den gesamten Wirecard-Vorstand um Firmenchef Markus Braun bereits Anfang Juni wegen des Verdachts auf Marktmanipulation angezeigt. Die Staatsanwaltschaft München I und die Polizei durchsuchten am Freitag die Firmenzentrale des Zahlungsdienstleisters im Münchener Vorort Aschheim, wie eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft sagte. Die Behörden gehen dem Verdacht nach, ob die Vorstände des Dax-Konzerns im Rahmen einer Sonder-Bilanzprüfung durch KPMG irreführende Angaben gemacht und dadurch den Börsenkurs manipuliert haben. Die Aktien rauschten im Frankfurter Späthandel um mehr als zehn Prozent in die Tiefe.

Wirecard bestätigte die Durchsuchungen und erklärte: "Die Ermittlungen richten sich nicht gegen die Gesellschaft, sondern gegen ihre Vorstandsmitglieder." Das Unternehmen kooperiere mit den Ermittlungsbehörden und der Vorstand sei zuversichtlich, dass der Sachverhalt sich aufklären werde und die Vorwürfe sich als unbegründet erweisen würden. Angeklagt sind sind alle vier Vorstände des Unternehmens - neben Firmenchef Braun sind das Finanzchef Alexander von Knoop, der für das operative Geschäft zuständige Jan Marsalek und Produktvorständin Susanne Steidl.

Vorstand soll Untersuchung behindert haben

Konkret wird ihnen vorgeworfen, in zwei Pflicht-Mitteilungen am 12. März und 22. April irreführende Signale gesendet zu haben mit Blick auf die Untersuchungen durch KPMG, wie die Sprecherin der Staatsanwaltschaft sagte. Wirecard hatte damals erklärt, die Wirtschaftsprüfer hätten nichts zu beanstanden. Bei der Vorlage ihres Berichts Ende April erklärten die Prüfer aber, dass sie ein paar der Vorwürfe, die in Medienberichten in den vergangenen Jahren immer wieder gemacht wurden, nicht entkräften konnten. Zudem warfen sie dem Vorstand vor, die Untersuchungen teilweise behindert zu haben.

Braun ist so eng wie kein anderer Vorstandschef eines Dax-30-Konzerns mit seinem Unternehmen verbandelt. Der Wiener lenkt den Zahlungsabwickler seit fast zwei Jahrzehnten, er ist der größte Aktionär und hat die einstige Neue-Markt-Bude in die Königsklasse der Frankfurter Börse geführt. Der Aufsichtsrat entzog ihm nach heftigen Vorwürfen im Rahmen der KPMG-Prüfung Teile seiner Macht und sortierte die Aufgaben im Vorstand neu. Großanleger wie die Fondsgesellschaft Deka fordern den Rücktritt des Österreichers. Die Investoren fürchten, dass sich die Reputationsschäden auf das Tagesgeschäft auswirken.

Herabstufung auf Ramschniveau droht

Die Ratingagentur Moody's drohte vor wenigen Tagen mit einer Herabstufung der Kreditwürdigkeit auf Ramschniveau. Die Experten setzten das "Baa3"-Rating auf die Beobachtungsliste für eine mögliche Herabsetzung. Die aktuelle Note ist gerade noch im sogenannten Investmentbereich - eine Stufe tiefer fängt der Ramschbereich an.

Die Untersuchungen der BaFin, ob Wirecard über die beiden Börsen-Pflichtmitteilungen hinaus möglicherweise irreführend kommuniziert und Marktmanipulation begangen hat, laufen weiter, wie eine Sprecherin der Bonner Behörde sagte. KPMG prüft die Bilanzen nach wie vor, zudem sind die Wirtschaftsprüfer von EY noch mit dem Jahresabschluss 2019 zugange. Diese Vorlage der finalen Geschäftszahlen wurde mehrfach verschoben und zuletzt von Wirecard auf den 18. Juni terminiert. Die Hauptversammlung des Konzerns soll nicht wie ursprünglich geplant Anfang Juli sondern erst am 26. August stattfinden.

In Sachen Wirecard war die BaFin bislang nur gegen Anleger und Journalisten vorgegangen, die sie im April 2019 wegen Leerverkaufs-Attacken bei der Staatsanwaltschaft München I anzeigte. Die Ermittlungen der Behörde gegen diese Personen dauerten an, sagte die Sprecherin der Staatsanwaltsschaft. Daneben prüfe die Staatsanwaltschaft verschiedene Anzeigen, in denen Wirecard-Kritiker dem Unternehmen unter anderem Geldwäsche vorwerfen.

Nach einer Achterbahnfahrt der Wirecard-Aktie hatte die BaFin im Februar 2019 für zwei Monate Leerverkäufe der Wirecard-Aktie verboten und damit erstmals Wetten auf einen fallenden Kurs einer bestimmten Aktie untersagt. Wegen dieses ungewöhnlichen Schritts sah sich die Behörde massiver Kritik ausgesetzt. (apa/reuters)