Noch in der Nacht auf Freitag veröffentlichte Wirecard ein Video auf Youtube, in dem Konzernchef Markus Braun das Unternehmen als mögliches Betrugsopfer sieht. Ein paar Stunden später trat der gebürtige Österreicher mit sofortiger Wirkung als Vorstand zurück, wie der deutsche Zahlungsabwickler am Freitag mitteilte. Interimschef wird der erst am Vorabend in den Vorstand berufene US-Manager James Freis. Angesichts der bilanziellen Unklarheiten hatten immer mehr Investoren den Rücktritt von Braun gefordert.

Trotz des Chefwechsels stand der Aktienkurs von Wirecard weiterhin massiv unter Druck. Im Handelsverlauf rasselte er um bis zu 52 Prozent auf 19,26 Euro in den Keller.

Bei Anlegerschützern stieß der Führungswechsel jedoch auf Zustimmung. "Der Rücktritt ist konsequent und überfällig", sagte Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Durch Brauns Abgang sei der Weg für eine Aufklärung freier geworden. Dass Freis nun Interims-Chef geworden ist, könne "aber erst der Anfang sein", betonte Tüngler. "Wir erwarten weitere Schritte. "Vor allem muss geklärt werden, wo das Geld geblieben ist."

Die Ungereimtheiten bei Wirecard haben bei Aufsichtsräten Sorgen vor einer Beschädigung des Börsenstandorts Deutschland ausgelöst. "Der Fall macht einen sprachlos. Die Kontrollmechanismen haben offenbar versagt", sagte Peter Dehnen, Vorstandschef der Vereinigung der Aufsichtsräte in Deutschland (VARD). Zwei Wirtschaftsprüfungsgesellschaften sei es bisher nicht gelungen, Klarheit zu schaffen. Die offenen Fragen müssten rasch geklärt werden. "Geschieht dies nicht oder erweist sich, dass die genannten Gelder weg sind, werden noch mehr aus der Aktie aussteigen.", so Dehnen. Schon jetzt sei der Börsenwert so stark gefallen, dass ein Investor das Unternehmen vergleichsweise günstig übernehmen könnte. "Es ist viel Vertrauen verspielt worden. Dies ist eine Gefahr für den Börsenstandort Deutschland. Wir brauchen mehr Aktionäre und nicht weniger."

Staatsanwaltschaft nimmt Wirecard weiter unter die Lupe

Indes will sich die Staatsanwaltschaft München bei ihrem Vorgehen in demm Fall vorerst nicht in die Karten schauen lassen. "Wir ermitteln insgesamt ergebnisoffen im gesamten Sachverhalt Wirecard, einschließlich der aktuellen Ereignisse", teilte eine Sprecherin am Freitag mit.

Die Strafverfolger hatten Ermittlungen gegen die bisherigen vier Vorstandsmitglieder aufgenommen. Diese werden beschuldigt, den Markt über eine Sonderprüfung durch KPMG nicht korrekt informiert zu haben. Wirecard hat die Vorwürfe zurückgewiesen. Zudem steht eine Reihe von Anlegern und Journalisten seit längerer Zeit im Visier der Ermittler - ebenfalls wegen des Verdachts der Marktmanipulation.

Im Zusammenhang mit dem Bilanzskandal hat die Staatsanwaltschaft München nach eigenen Angaben keine Anzeige der Wirecard erhalten und erwartet auch keine. "Möglichweise sollte diese Anzeige im Ausland erstattet werden", erläuterte die Sprecherin. Die Ermittlungen in Deutschland seien laut Gesetz in diesem Fall ohnehin nicht davon abhängig, ob jemand Anzeige erstatt.

1,9 Milliarden Euro auf Konten in Asien

Am Donnerstag hatte Wirecard schließlich offenbart, dass die Bilanzprüfer Zweifel an der Existenz von 1,9 Milliarden Euro haben, die auf Treuhandkonten in Asien verbucht wurden. Es gebe Hinweise auf falsche Angaben zu Täuschungszwecken. Daher hatte Wirecard die Vorlage der Jahresbilanz erneut verschoben. Wirecard selbst fürchtet einen "gigantischen" Milliardenbetrug und will Strafanzeige erstatten.

Wirecard wickelt bargeldlose Zahlungen für Händler ab, sowohl an Ladenkassen als auch online. Aktionärsvertreter hatten den Rücktritt Brauns mehrfach gefordert, um rasch für Aufklärung zu sorgen. Auch droht eine Klagewelle.

Zudem droht Wirecard der Verlust von Milliardenkrediten. Wenn das Unternehmen noch heute keinen von Wirtschaftsprüfern testierten Jahres- und Konzernabschluss vorlegt, könnten Kredite von etwa zwei Milliarden Euro gekündigt werden, hatte Wirecard am Donnerstag bekannt gegeben. (dpa-AFX/reuters)