Dramatisch hat sich der Bilanzskandal beim deutschen Zahlungsdienstleister Wirecard zugespitzt: Die verschwundenen 1,9 Milliarden Euro auf vermeintlichen Treuhandkonten in Asien existierten mit "überwiegender Wahrscheinlichkeit" nicht, teilte der Dax-Konzern in der Nacht zum Montag mit. Die vorläufigen Ergebnisse des vergangenen Geschäftsjahres sowie die Prognosen für 2020 und darüber hinaus seien daher nicht mehr zu halten.

Das Unternehmen prüfe nun Kostensenkungen, einen Umbau sowie den Verkauf oder die Einstellung von Firmenteilen und Produkten. Der Finanzkonzern, der für Händler und Kunden Zahlungen in Online-Shops und an Ladenkassen abwickelt musste vergangene Woche seinen Jahresabschluss 2019 zum vierten Mal verschieben, weil die Wirtschaftsprüfer von EY ein 1,9 Milliarden Euro schweres Loch in der Bilanz gefunden hatten.

Stellungnahme des Unternehmens. - © Screenshot, Wirecard
Stellungnahme des Unternehmens. - © Screenshot, Wirecard

Kreditwürdigkeit entzogen

Die Wirecard-Aktien wurden am Montag noch tiefer in den Abwärtsstrudel gerissen. Sie büßten im frühen Handel weitere knapp 38 Prozent auf 15,10 Euro ein, nachdem sie bereits am Donnerstag und Freitag um bis zu 82 Prozent eingebrochen waren. Damit schrumpft der Börsenwert auf knapp 1,9 Mrd. Euro, womit sich seit Mittwoch 11 Mrd. in Luft aufgelöst haben.Nachdem die Wirtschaftsprüfer von EY das Testat für den Jahresabschluss wegen der fehlenden Gelder verweigert hatten, könnten Banken Wirecard nun den Geldhahn abdrehen. Außerdem nahm Wirecard in der Folge nicht nur seine vorläufige Einschätzung für das Geschäftsjahr 2019 zurück, sondern auch die Zahlen für das erste Quartal. Mögliche Auswirkungen auf die Jahresabschlüsse vorangegangener Geschäftsjahre werden zudem nicht ausgeschlossen.

Die Ratingagentur Moody's hat Wirecard die Bonitätsnote nun komplett entzogen. Die Experten hätten beschlossen, die Ratings zurückzuziehen, weil es Unregelmäßigkeiten in der Bilanz gebe, die noch aufzuklären seien, teilte Moody's am Montag mit. Die Agentur verfüge nicht mehr über ausreichende Informationen, um eine Bewertung über die Kreditwürdigkeit des Zahlungsabwicklers aus der Nähe von München abzugeben. Am Freitag hatte Moodys's die Bonitätsnote von Wirecard um ganze sechs Stufen auf Ramschniveau zurückgestuft.

Verzweifelte Ermittlungen

Die Staatsanwaltschaft München erwägt eine Ausweitung ihrer Ermittlungen. "Wir prüfen alle in Betracht kommenden Straftaten", sagte eine Behördensprecherin am Montag auf die Frage, ob die jüngste Adhoc-Mitteilung des Unternehmens Anlass zu weiteren Ermittlungen sei. "Ermittlungsmaßnahmen können wir nicht vorab kommentieren", fügte sie hinzu.

Der Chef der Finanzaufsicht BaFin Felix Hufeld hat Fehler eingeräumt bei der Aufsicht über Wirecard. Was dort passiert sei, sei ein "totales Desaster", sagte er am Montag bei einer Bankenkonferenz in Frankfurt. "Es ist eine Schande, dass so etwas passiert ist." Private und öffentliche Institutionen, inklusive seiner eigenen Behörde, hätten versagt. "Wir sind nicht effektiv genug gewesen, einen solchen Fall zu verhindern. Ich nehme die öffentliche Kritik voll und ganz an."

Auch Raiffeisen und RBI unter den Gläubigerbanken

Zu den Kreditgebern des im deutschen Leitindex DAX börsennotierten Zahlungsdienstleisters Wirecard, bei dem sich 1,9 Mrd. Euro auf vermeintlichen Treuhandkonten in Luft aufgelöst haben, gehören auch österreichische Banken - das berichtete die Finanznachrichtenagentur Bloomberg und berief sich dabei auf "mit der Angelegenheit vertraute" Informanten. Dem Bericht zufolge hat Wirecard Kreditlinien in Höhe von insgesamt 1,75 Mrd. Euro bei mindestens 15 Banken, davon seien rund 800 Mio. Euro noch ausständig.

Zu den größten Gläubigerbanken gehören ABN Amro, Commerzbank, ING, LBBW, Barclays, Credit Agricole, DZ Bank, Lloyds, Bank of China, Citi und Deutsche Bank. Aber Wirecard hat laut Bloomberg auch Kredite bei der Raiffeisenlandesbank Niederösterreich-Wien (60 Mio. Euro) und der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich (45 Mio. Euro). Die meisten der betroffenen Banken seien für eine Verlängerung der Zahlungsverpflichtungen, heißt es in dem Bericht. Die RLB NÖ-Wien und die RLB ÖÖ haben den Bericht auf APA-Anfrage nicht kommentiert.

Vollbanklizenz inklusive

Der langjährige Vorstandschef, der Österreicher Markus Braun, trat zurück und ein weiterer, ebenfalls aus Österreich stammender Vorstand, Jan Marsalek, der zuvor suspendiert worden war, wurde nun gefeuert. Beiden Managern droht die U-Haft.

Das Problem für Wirecard ist nun, dass Banken eine Kreditlinie kündigen können und Wirecard das Geld zurückzahlen müsste. Wirecard stehe in "konstruktiven Gesprächen" mit seinen Banken hinsichtlich der Fortführung der Kreditlinien und der weiteren Geschäftsbeziehung, teilte das Unternehmen mit Sitz in Aschheim bei München mit. Die Investmentbank Houlihan Lokey prüfe Möglichkeiten für eine nachhaltige Finanzierungsstrategie. Wirecard betonte darüber hinaus, die Systeme des Konzerns liefen ohne Einschränkung. Zu dem Konzern gehört auch die Wirecard Bank, die eine Vollbanklizenz hat und sämtliche Finanzdienstleistungen anbieten darf.

Die Hoffnung auf ein Stillhalten der Banken wurde von einem Zeitungsbericht gestützt: Wie die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" berichtete, wollen die Banken das Unternehmen nicht fallen lassen. "Keiner hat ein Interesse daran, den Kredit zu kündigen", hieß es demnach am Samstag aus einem der beteiligten Geldhäuser. "Alle wollen jetzt das Ding kurzfristig stabilisieren." Aus dem Umfeld von Wirecard hieß es dem Bericht zufolge, man hoffe auf eine Einigung bis Ende kommender Woche. Zudem will Wirecard Schritte prüfen, das Geschäft fortzuführen. Darunter seien Kostensenkungen sowie Umstrukturierungen, Veräußerung oder Einstellungen von Unternehmensteilen und Produktsegmenten. Die IT Systeme von Wirecard liefen ohne Einschränkungen, hieß es weiter. Doch Wirecard muss jetzt auch damit rechnen, dass die Kunden angesichts des Vertrauensverlustes das Weite suchen.

Fehlalarm in Asien

Der Konzern war bis Donnerstag davon ausgegangen, dass die nun fehlenden 1,9 Milliarden Euro - ein Viertel der Bilanzsumme - auf Konten über einen Treuhänder bei Banken in Asien angelegt sind. Die Verlässlichkeit dieser Treuhandbeziehung werde nun infrage gestellt, erklärte die Gesellschaft. Der Vorstand gehe davon aus, dass die bisherigen Beschreibungen des sogenannten Drittpartnergeschäfts unzutreffend seien. Man untersuche, ob, in welcher Art und Weise und in welchem Umfang das Geschäft tatsächlich zugunsten von Wirecard geführt worden sei.

Verschiedene Medien, vor allem die "Financial Times", hatten Wirecard in den vergangenen Monaten mehrfach die Manipulation von Bilanzen vorgeworfen. Ex-Firmenchef Braun hatte dies stets bestritten. Eine durch den Aufsichtsrat in Auftrag gegebene Sonderprüfung durch KPMG sollte die Vorwürfe entkräften, die Prüfer fanden aber schwerwiegende Mängel bei internen Kontrollen sowie Hinweise darauf, dass es Unregelmäßigkeiten im Geschäft mit den Drittpartnern geben könne. Die Prüfer von EY, die nun den Jahresabschluss 2019 testieren sollten, hatten vergangenen Donnerstag erklärt, Dokumente zu Geldern auf Treuhandkonten bei Banken in Asien seien offenbar gefälscht worden.

BPI Philippinen: Plumpe Fälschung

Die angeblichen Bankbestätigungen für Treuhandkonten von Wirecard bei der philippinischen Bank BPI waren nach Angaben ihres Vorstandschefs eine plumpe Fälschung. "Als man uns das sogenannte Zertifikat gezeigt hat, war sehr klar, dass es falsch war", sagte der Chef der Bank of the Philippine Islands (BPI), Cezar Consing, am Montag der Nachrichtenagentur Reuters. Auf Konten der Bank sei nie Geld von Wirecard gelandet. Er habe am vergangenen Montag (15. Juni) davon erfahren, als die Wirtschaftsprüfer von EY angefragt hätten, ob das Dokument echt sei. Die Bank habe umgehend festgestellt, dass ein "sehr niedrigrangiger" Manager das gefälschte Zertifikat unterzeichnet habe. Die Bank habe ihn entlassen.  (apa, dpa, reuters)