Ex-Wirecard-Chef Markus Braun hat einen großen Teil seiner Aktien an dem von einem Bilanzskandal existenzbedrohten DAX-Konzern abgestoßen. In einer Serie von Verkäufen hat Braun am Donnerstag und Freitag voriger Woche insgesamt 155 Millionen Euro erlöst, wie Wirecard in mehreren Ad-hoc-Mitteilungen am Dienstagabend mitgeteilt hat.

Als Grund wurden sogenannte Margin Calls genannt, das heißt Braun war im Grunde gezwungen, die Aktien zu verkaufen.

Der im Bilanzskandal um mutmaßliche Luftbuchungen in Höhe von 1,9 Mrd. Euro als Mittäter unter Verdacht stehende Österreicher war bisher mit sieben Prozent Anteil auch größter Wirecard-Aktionär.

Der DAX-Konzern hat insgesamt knapp 123,6 Millionen Aktien im Umlauf, überschlägig hat Braun nun über fünf Millionen seiner rund 8,7 Millionen Wirecard-Papiere verkauft. Die Wirecard-Papiere haben seit Mittwochabend mehr als 10 Mrd. Euro an Wert eingebüßt, Braun selbst dürften die Kursverluste um über eine halbe Milliarde Euro ärmer gemacht haben.

Braun war am vergangenen Freitag wegen des Bilanzskandals um mutmaßliche Luftbuchungen in Höhe von 1,9 Mrd. Euro zurückgetreten, die Münchner Staatsanwaltschaft hatte ihn am Montagabend festgenommen. Das Münchner Amtsgericht hat den Haftbefehl gegen hohe Auflagen außer Vollzug gesetzt. Braun muss 5 Mio. Euro Kaution hinterlegen und sich wöchentlich bei der Polizei melden.

Kanzler Kurz geht auf Distanz zu Markus Braun

Die vorübergehende Verhaftung des mittlerweile abgesetzten Wirecard-CEOs Markus Braun bringt nach einem Bericht der "Kleinen Zeitung" auch Bundeskanzler Sebastian Kurz in Erklärungsnotstand. Braun - gegen den derzeit ermittelt wird - gehörte dem wirtschaftspolitischen Think-Tank (unter Leitung der Unternehmensberaterin Antonella Mei-Pochtler) von Sebastian Kurz an. Mei-Pochtler hatte Braun erst im Jänner als Mitglied dieses informellen Kreises ernannt. Gegenüber der "Kleinen Zeitung" wiegelt die Umgebung des Kanzlers ab: Das Gremium hätte unter Türkis-Grün noch gar nicht getagt, heißt es. Die "Presse" berichtete wiederum vor einigen Tagen, dass Braun während der Amtszeit von SP-Kanzler Christian Kern Braun als Digitalisierungsexperte herumgereicht wurde. Und in Wirtschaftsmedien galt der Mann, der zur Zeit auf Kaution frei ist, als Überflieger. 2018 kürte ihn das deutsche "Handelsblatt" wie auch der österreichische "Trend" zum Aufsteiger des Jahres.

Finanzaufsicht BaFin erweitert Strafanzeige gegen Wirecard

Die deutsche Finanzaufsicht BaFin legt bei ihrer Strafanzeige gegen Wirecard wegen des Verdachts der Marktmanipulation nach. "Wir haben heute eine Nachtrags-Anzeige bei der Staatsanwaltschaft München I wegen des Verdachts der Marktmanipulation erstattet", sagte eine BaFin-Sprecherin am Dienstagabend.

Durch die Ad-hoc-Mitteilung vom Montag, in der der Zahlungsdienstleister Wirecard einräumte, dass die verschwundenen 1,9 Milliarden Euro mit "überwiegender Wahrscheinlichkeit" gar nicht existent seien, habe sich der Verdacht der Marktmanipulation erhärtet. "Die Ad-hoc-Mitteilung der Wirecard AG vom 22. Juni 2020 verstärkt den Verdacht, dass die bilanzielle Darstellung zu Umsatzerlösen und Vermögensgegenständen in den Geschäftsberichten (zum 31.12.2016, 31.12.2017 und 31.12.2018) unrichtig war", erklärte die BaFin-Sprecherin.

Die Behörde hatte bereits Anfang Juni Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft München I gegen den gesamten damaligen Wirecard-Vorstand um Ex-Firmenchef Markus Braun erstattet. Damals ging es zunächst nur um mutmaßlich irreführende Aussagen in zwei Pflicht-Mitteilungen vom 12. März und 22. April. Die Behörde, die seit Anfang 2019 in Sachen Wirecard auch gegen den Konzern ermittelt, hatte ihre Untersuchung zu anderen Aspekten fortgeführt. Mit der heutigen Strafanzeige dürften die Untersuchungen der BaFin zur Marktmanipulation abgeschlossen sein. Nun liegt der Fall bei der Staatsanwaltschaft München I. (APA/dpa-AFX/Reuters)