Binnen weniger Tage ist der Aktienkurs des skandalgebeutelten deutschen Zahlungsdienstleisters Wirecard tief in den Keller gerasselt - um fast 90 Prozent auf rund 13 Euro. Mehr als 10 Milliarden Euro Börsenwert lösten sich dabei in Luft auf. Viele Anleger wollen derzeit nur eines: raus aus dem Papier. Und das drückt den Kurs des DAX-Titels immer tiefer nach unten - so auch am Mittwoch.

Analyst Robert Halver von der Baader Bank rät jedoch davon ab, in den Wirecard-Aktien aktuell ein Schnäppchen zu sehen: "Das ist ein reines Zockerpapier." Halver sagte zwar, dass sich der Kurs auch verdoppeln könnte, wenn die Banken bei der Rettung Wirecards mitspielen. Dies sei jedoch unsicher, für eine ernsthafte Beurteilung fehle derzeit die Grundlage. "Ich glaube, da ist Lottospielen seriöser", so der Börsenprofi.

Adithya Metuku von der Bank of America ist - mit Blick auf den hohe Wellen schlagenden Bilanzskandal um mutmaßliche Fantasiebuchungen in Höhe von 1,9 Milliarden Euro - ungleich pessimistischer als Halver. Er setzt als neues Kursziel für Wirecard nur noch einen Euro. Zur Begründung verweist er auf die derzeitige Nachrichtenlage, die darauf hindeute, dass Gläubiger und Kunden dem Unternehmen den Stecker ziehen könnten.

Zwar hat Wirecard für seine auslaufende Kreditlinie vorerst Aufschub von den Banken erhalten. Die Institute hätten sich entschieden, zunächst die langfristige Überlebensfähigkeit des Unternehmens zu prüfen, bevor sie die ausstehende Summe von 1,75 Milliarden Euro zurückfordern, meldete die US-Finanznachrichtenagentur Bloomberg am Mittwoch. Der Aufschub dürfte aber nur für kurze Zeit gelten, wie es weiter hieß.

Braun nicht mehr größter Wirecard-Aktionär

Indes hat Ex-Wirecard-Chef Markus Braun - er steht in der Bilanzaffäre als Haupttäter unter Verdacht - einen großen Teil seiner Wirecard-Aktien abgestoßen. In einer Serie von Verkäufen hat der aus Österreich stammende Manager am Donnerstag und Freitag voriger Woche insgesamt 155 Millionen Euro erlöst, wie Wirecard am Dienstagabend in Pflichtmitteilungen bekanntgab. Zur Begründung der Verkäufe wurde auf sogenannte Margin Calls verwiesen, das sind Nachschusspflichten bei Wettgeschäften an der Börse.

Braun war demnach gezwungen, die Aktien zu verkaufen. Bis dato war der studierte Wirtschaftsinformatiker mit 7 Prozent Anteil auch größter Wirecard-Aktionär.

Von dem 1999 gegründeten Konzern, der ursprünglich mit der digitalen Verarbeitung von Zahlungen für Online-Glücksspiele und Pornoseiten begonnen hat, sind in Summe fast 123,6 Millionen Aktien im Umlauf, überschlägig hat Braun nun mehr als 5 Millionen seiner rund 8,7 Millionen Wirecard-Papiere veräußert. Ihn selber dürften die jüngsten Kursverluste über eine halbe Milliarde Euro gekostet haben.

Geheimprojekt "Panther" zielte auf Fusion mit Deutscher Bank

Braun war am vergangenen Freitag wegen des Bilanzskandals zurückgetreten, die Münchner Staatsanwaltschaft nahm ihn am Montagabend fest. Gegen hohe Auflagen setzte das Münchner Amtsgericht den Haftbefehl am Dienstag außer Kraft. Braun musste 5 Millionen Euro Kaution hinterlegen, um wieder auf freiem Fuß zu sein. Außerdem muss er sich jede Woche bei der Polizei melden.

Bei Wirecard hatte Braun stets als der große Macher gegolten. Im Vorjahr soll er laut Bloomberg sogar erwogen haben, Wirecard im Rahmen des Geheimprojekts "Panther" mit Deutschlands größtem Finanzhaus, der Deutschen Bank, zu fusionieren. Zur Führungsebene der Deutschen Bank sei Kontakt aufgenommen worden, um ein solches Szenario durchzuspielen. Entsprechende Vorgespräche seien dann jedoch vonseiten der Deutschen Bank beendet worden.

Gute Verbindungen zur heimischen Politik

In Österreich war Braun politisch gut vernetzt. In den Jahren 2014 bis 2016 spendete er den Neos alles in allem 125.000 Euro. 2017 unterstützte er den Wahlkampf der ÖVP mit 70.000 Euro, dabei trat Braun auch gemeinsam mit Sebastian Kurz auf. Nach seinem Einzug ins Kanzleramt berief Kurz ihn als Experten für Themen wie Innovationen, Finanzierungen und Start-ups in seine Strategieberater-Gruppe "Think Austria". Doch jetzt geht Kurz auf Distanz zu ihm: "Seit es die neue Regierung gibt, ist Herr Braun nicht mehr im Thinktank eingebunden", lässt er via Sprecher ausrichten. Die SPÖ wittert dennoch ein "Naheverhältnis".