In der Luftfahrtbranche stehen nach dem Geschäftseinbruch durch die Corona-Krise immer mehr Arbeitsplätze auf dem Spiel. So plant der britische Billigflieger Easyjet, Flotte und Belegschaft am Standort Berlin fast zu halbieren. Entsprechende Informationen der deutschen Gewerkschaft Verdi bestätigte ein mit den Überlegungen Vertrauter am Mittwoch.

Laut Verdi sollen künftig nur noch 18 Jets abheben, rund 740 Jobs sollen wegfallen. Easyjet geht so wie die gesamte Branche von einer nur langsamen Erholung des Passagierflugverkehrs vom Corona-Schock bis 2023 aus. Die Airline müsse sich an die Nachfrage anpassen und profitabel fliegen, erklärte Easyjet-Chef Johan Lundgren. Gespräche mit den Gewerkschaften sollen jetzt beginnen.

Bei der Alitalia soll die Flotte von 113 auf 89 Maschinen verkleinert werden. - © APAweb / AFP
Bei der Alitalia soll die Flotte von 113 auf 89 Maschinen verkleinert werden. - © APAweb / AFP

Die Briten hatten 2017 einen großen Teil der pleitegegangenen deutschen Fluggesellschaft Air Berlin übernommen. Ende Mai hatte die Billigairline angekündigt, bis zu 4500 ihrer rund 15.000 Arbeitsplätze wegen der Corona-Krise zu streichen.

"Wir werden um die Arbeitsplätze in Berlin kämpfen", kündigte Verdi-Sekretär Holger Rößler an. Easyjet wolle außerdem den innerdeutschen Flugverkehr ganz einstellen. Der Abbauplan sei nicht mit Pandemiefolgen zu erklären, da es mit Eröffnung des Flughafens BER im Herbst neue Geschäftschancen gebe, sagte Rößler.

Auch bei den Ferienfliegern TUIfly und Sunexpress, einem Gemeinschaftsunternehmen von Lufthansa und Turkish Airlines, dem Auftragsflieger Luftfahrtgesellschaft Walter oder den Ryanair-Töchtern Malta Air und Laudamotion droht in Deutschland Personalabbau. Die mit neun Milliarden Euro Staatshilfen gerettete AUA-Mutter Lufthansa verhandelt noch mit Verdi und der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) über Kostensenkungen, um Kündigungen zu vermeiden. Mit der Flugbegleitergewerkschaft UFO gibt es eine Einigung. Wie viele von den überzähligen 22.000 Vollzeitstellen bei der größten europäischen Airline-Gruppe gerettet werden können, ist unklar.

"Ihr fliegt in den Urlaub, wir fliegen raus!"

"Den Beschäftigten steht das Wasser bis zum Hals", kritisierte Verdi-Vizechefin Christine Behle. Die Gewerkschaft wirft Airlines, Tourismusunternehmen, Flughäfen und Bodenverkehrsdiensten vor, in der Krise Sozialdumping zu betreiben. Es sei ein Fehler, milliardenhohe Staatshilfen für Lufthansa oder den Reisekonzern TUI nicht an die Bedingung Arbeitsplatzerhalt zu knüpfen. Verdi will am Donnerstag der deutschen Regierung Forderungen an die Tourismusbranche und ein Luftverkehrskonzept übergeben. Darin fordert die Gewerkschaft eine Abkehr vom liberalisierten Airline-Markt in Europa, der zu Billigtickets auf dem Rücken der Beschäftigten geführt hätte.

"Ihr fliegt in den Urlaub, wir fliegen raus!" - unter dem gleichen Motto wie die Verdi-Aktion rufen die Pilotengewerkschaft VC und UFO zu einer Demonstration in Berlin am Donnerstag auf. Ryanair zum Beispiel fordert von den Beschäftigten bis zu 20 Prozent Gehaltseinbußen. In den Verhandlungen droht die größte Billigairline Europas immer wieder mit Standortschließungen. Rund 3000 der insgesamt 19.000 Stellen müssten wegfallen, falls es keine Zugeständnisse der Beschäftigten gibt. "Wenn wir diese Lohnkürzungen vereinbaren können, können wir so gut wie alle Stellenstreichungen vermeiden", sagte Ryanair-Chef Michael O'Leary dem TV-Sender BBC. Ryanair-Piloten in der britischen Gewerkschaft BALPA stimmten den Gehaltskürzungen zu. Damit seien 260 von 330 gefährdeten Jobs im Cockpit gesichert.

Die Airlines fahren nach dem Wegfall der Reisebeschränkungen in Europa das Fluggeschäft wieder hoch - Laudamotion-Konzernmutter Ryanair nach den Worten von O'Leary mit den niedrigsten Ticketpreisen in der Sommersaison, die der Billigflieger je im Programm hatte.

Lufthansa-Schulden explodieren

Indes ist die Lufthansa mit der Staatshilfe noch lange nicht aus der Corona-Krise gerettet. Trotz der mehr als elf Steuermilliarden aus Deutschland, Schweiz, Österreich und möglicherweise Belgien muss der Kranich-Konzern mit seinen 138.000 Beschäftigten hart um seine Zukunft kämpfen. Das MDax-Unternehmen habe sich lediglich Luft verschafft, warnt Luftfahrtexperte Sven Diermeier von Independent Research. Nun drängen die hohen Schulden, die überdimensionierte Flotte, die hohen Betriebs- und Personalkosten sowie der schwierige Wiederanlauf das Management zu schmerzhaften Entscheidungen.

Der Schuldenberg der Lufthansa dürfte nach Berechnungen des Bernstein-Analysten Daniel Roeska in den nächsten eineinhalb Jahren um 10 Milliarden auf bis zu 26 Milliarden Euro wachsen. Zugleich will der Konzern bis 2023 die 9 Milliarden Euro aus dem staatlichen Hilfspaket des Bundes zurückzahlen, schon um exorbitant hohe Zinsen von bis zu 9,5 Prozent bei der stillen Einlage zu vermeiden. Allein aus dem operativen Geschäft dürfte das aber nicht zu schaffen sein, meint nicht nur der streitbare Großaktionär Heinz Hermann Thiele. Der Vorstand werde voraussichtlich auch Flugzeuge und Konzerntöchter zu Geld machen müssen, schätzt Roeska.

Neue Alitalia wird eine geschrumpfte Airline sein

Einer Schrumpfung muss sich auch die neue Alitalia mit staatlicher Beteiligung - sie soll in den nächsten Wochen aus der Taufe gehoben werden - unterziehen. Die Flotte soll von 113 auf 89 Maschinen verkleinert werden, geht aus dem Entwicklungsplan der neuen Airline hervor, an dem das neuernannte Management arbeitet.

Die neue Fluggesellschaft will sich auf Mittel- und Langstreckenflüge konzentrieren und mehr Plätze in der Business-Class garantieren, berichtet die römische Tageszeitung "Il Messaggero". Weiters will die Airline neue Allianzen abschließen, um stärker auf dem nordamerikanischen Markt zu punkten. Die Luftfahrtallianz mit Delta Airlines ist abgelaufen, nach neuen Partnerschaften wird zurzeit gesucht.

Der Hub Rom Fiumicino soll weiterhin strategisch für die Airline bleiben. Zugleich soll es zu Investitionen für Landstreckenflüge und Warentransport ab dem Mailänder Flughafen Malpensa kommen. Drei Milliarden Euro steckt die Regierung in die Alitalia. 232 Millionen Euro befinden sich noch in den Kassen Alitalias.

Alitalia macht seit 2002 keinen Profit mehr. Zahlreiche Versuche, einen privaten Käufer zu finden, scheiterten. Das Unternehmen ist seit 2017 insolvent. Der Staat hatte dem Unternehmen in jüngerer Zeit bereits Überbrückungskredite in Milliardenhöhe gewährt. (reuters/dpa/apa/kle)