Der in einen milliardenschweren Bilanzskandal verwickelte deutsche Zahlungsabwickler Wirecard wird voraussichtlich in Einzelteile zerlegt und verkauft. Der vorläufige Insolvenzverwalter Michael Jaffe meldete in der Nacht zum Mittwoch, dass sich bereits "zahlreiche Interessenten weltweit für den Erwerb von Geschäftsbereichen gemeldet" hätten.

Auf der Suche nach Beweisen für die mutmaßlich frei erfundenen Scheingeschäfte im Mittleren Osten und in Südostasien durchsuchten dutzende Staatsanwälte, Polizisten und Computerfachleute am Mittwoch fünf Gebäude in Deutschland und Österreich, darunter zum zweiten Mal binnen eines Monats die Wirecard-Zentrale im Münchner Vorort Aschheim.

Okay für Käufersuche

Der vorläufige Gläubigerausschuss hat laut Jaffe bereits grünes Licht für die internationale Suche nach Investoren unter Einbindung von Investmentbanken gegeben. Ein schwacher Trost für die weltweit 5800 Mitarbeiter: Der Betrieb soll nach Möglichkeit nicht unterbrochen oder eingestellt werden: "Vordringlichstes Ziel im vorläufigen Insolvenzverfahren ist es, den Geschäftsbetrieb der Konzerngesellschaften zu stabilisieren", hieß es in Jaffes Mitteilung. Der Rechtsanwalt hat Erfahrung mit großen Unternehmenspleiten, Jaffe war in der Vergangenheit unter anderem Insolvenzverwalter des Kirch-Medienkonzerns.

Bei den Durchsuchungen ging es laut Staatsanwaltschaft in erster Linie um die Vorwürfe, die unter anderem gegen den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Markus Braun erhoben werden - falsche Angaben in den Wirecard-Büchern und Marktmanipulation. Zwölf Staatsanwälte vor Ort wurden dabei von 33 Polizeibeamten und weiteren IT-Fachleuten des Polizeipräsidiums München und ihren österreichischen Kollegen unterstützt. In Österreich wurden zwei Objekte durchsucht. Ex-Chef Braun ist Österreicher - ebenso Ex-Vorstand Jan Marsalek.

Marsalek ist untergetaucht

Marsaleks Spur verliert sich nach aktuellem Kenntnisstand auf den Philippinen. Der Manager reiste laut Datenbank der philippinischen Einwanderungsbehörde am 23. Juni ein und am 24. wieder aus - wiewohl sich die Regierung in Manila nicht sicher ist, ob die Einträge im Computersystem dieser Behörde korrekt sind.

Auch jenseits der strafrechtlichen Ermittlungen mehren sich die Anzeichen, dass der Wirecard-Aufsichtsrat Braun und Marsalek zumindest Mitverantwortung für die Affäre um mutmaßliche Luftbuchungen in Höhe von 1,9 Milliarden Euro gibt. Der Aufsichtsrat hat Braun nachträglich fristlos entlassen. Der Anstellungsvertrag des langjährigen Konzernchefs sei "mit sofortiger Wirkung" außerordentlich gekündigt worden. Auch Marsalek war schon fristlos gefeuert worden. In dieser Hinsicht gelten bei Managern ähnliche Standards wie für normale Angestellte, üblicherweise gehen fristlosen Kündigungen Vorwürfe gravierenden Fehlverhaltens voraus.

Allerdings sind sowohl der Aufsichtsrat als auch die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY, die die Jahresbilanzen von Wirecard testierte, selbst mit Klagen und Klagedrohungen wütender Anleger konfrontiert. Unangenehmen Fragen im Zusammenhang mit dem Wirecard-Skandal muss sich auch Felix Hufeld stellen, der Präsident der Finanzaufsicht Bafin. Hufeld war am Mittwoch im Finanzausschuss des Deutschen Bundestags vorgeladen, um zu erklären, warum die mutmaßlichen Scheingeschäfte bei Wirecard unentdeckt blieben.

Erlöse und Gewinne erfunden

Nach derzeitigem Stand haben Wirecard-Manager einen beträchtlichen Teil der Umsätze und Gewinne des im deutschen Börsenleitindex DAX gelisteten Unternehmens in Südostasien und im Mittleren Osten frei erfunden. Die mutmaßlichen Scheingeschäfte wurden als Umsätze und Gewinne mit Subunternehmern verbucht. Anfang vergangener Woche hatte Wirecard schließlich eingeräumt, dass insgesamt 1,9 Milliarden Euro Guthaben auf südostasiatischen Treuhandkonten mit "überwiegender Wahrscheinlichkeit" nicht existieren.(dpa/kle)