Aktionärsschützer fordern den sofortigen Rauswurf der Skandalfirma Wirecard aus dem DAX. Der bisherige Verbleib von Wirecard im deutschen Leitindex tue dem DAX, der Börse und dem Standort Deutschland nicht gut, sagte der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Marc Tüngler, der "Neuen Osnabrücker Zeitung".

Die nächste Überprüfung der Zusammensetzung des DAX steht im September an. Dies ist für Tüngler jedoch zu spät. Die Deutsche Börse könne jetzt nicht an ihrem Regelwerk festhalten, sondern müsse reagieren - "zum Schutz anderer Unternehmen und der Aktienkultur". Im DAX sollten nur "gute Unternehmen" sein und nicht solche, "die pleite sind oder betrogen haben".

Der Aktionärsschützer hob hervor, dass andere Indizes wie der EuroStoxx bereits gehandelt und Wirecard nach dem Insolvenzantrag des Unternehmens verabschiedet hätten. "Wir brauchen keinen Untoten und kein Mahnmal im DAX", sagte Tüngler.

Wirecard hatte eingestanden, dass in der Jahresbilanz 1,9 Milliarden Euro fehlen und das Geld vermutlich gar nicht existiert. Vor einer Woche stellte das Unternehmen einen Insolvenzantrag. An diesem Donnerstag wird sich der Bundestag auf Antrag der Grünen in einer Aktuellen Stunde mit dem Wirecard-Skandal befassen.

Altmaier sieht bei Wirecard Finanzministerium am Zug

Indes ist in der deutschen Bundesregierung wegen der Wirecard-Affäre ein offener Streit zwischen Finanz- und Wirtschaftsministerium ausgebrochen. Das CDU-geführte Wirtschaftsministerium betonte am Donnerstag, dass das SPD-geleitete Finanzministerium jetzt am Zug sei. Wirtschaftsminister Peter Altmaier erwarte eine umfassende Aufklärung und Prüfung möglicher Schwachstellen in der Finanzaufsicht."Die BaFin und Finanz-Staatssekretär Kukies, als Vorsitzender des BaFin-Verwaltungsrates, müssen jetzt jeden Stein umdrehen", sagte eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums.

Am Mittwoch hatten Vertreter des Ministeriums von Finanzminister Olaf Scholz im Finanzausschuss laut Teilnehmern gefordert, die Rolle der Abschlussprüferaufsichtsstelle (Apas) zu überarbeiten, die die Abschlussprüfer kontrollieren soll. SPD-Politiker sehen hier vor allem Altmaier in der Pflicht, weil die Apas beim Wirtschaftsministerium angesiedelt ist.

Kritiker bemängeln, dass der Wirecard-Prüfer EY über Jahre die Bilanzen des börsennotierten Konzerns testiert und erst zuletzt auf Ungereimtheiten hingewiesen hat. Andere Experten betonen dagegen, es sei lediglich Aufgabe der Apas, in Stichproben zu bewerten, ob bestimmte Prüfstandards eingehalten worden seien, nicht aber im Einzelfall nachzurechnen.

Die Apas sei unabhängig, betonte die Sprecherin des Wirtschaftsministeriums. "Das EU-Recht sieht die Einrichtung einer unabhängigen Abschlussprüferaufsichtsstelle in allen EU-Mitgliedstaaten vor, die der Rechtsaufsicht einer staatlichen Stelle unterliegt, aber nicht der Fachaufsicht." Alle müssten zur Aufklärung beitragen. (afp/kle)