Der Chef der deutschen Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), Felix Hufeld, hat den Wirecard-Bilanzskandal als eine massive Straftat bezeichnet. Mit einer enormen kriminellen Energie seien Unterlagen gefälscht worden, sagte Hufeld am Donnerstag bei einer Konferenz zu nachhaltiger Finanzierung, als er auf Wirecard angesprochen wurde. Jetzt müsse man aufklären, wer wen hinters Licht geführt habe.

 "Wer sind die Bösen und wer sind die Guten, die der Herausforderung einfach nicht gewachsen waren", fragte Hufeld. Bisher wisse niemand darauf die Antwort. Eine der Lehren aus dem Skandal sei, die Bilanzkontrolle zu verbessern.

Die BaFin, die Hufeld seit 2015 leitet, ist wegen des Wirecard-Skandals selbst massiv in die Kritik geraten. In der deutschen Bundesregierung ist ein Streit über die Verantwortlichkeiten ausgebrochen. Das CDU-geführte Wirtschaftsministerium betonte am Donnerstag, dass das SPD-geleitete Finanzministerium jetzt am Zug sei. Wirtschaftsminister Peter Altmaier erwarte eine umfassende Aufklärung und Prüfung möglicher Schwachstellen in der Finanzaufsicht.

"Die BaFin und Finanz-Staatssekretär Kukies, als Vorsitzender des BaFin-Verwaltungsrates, müssen jetzt jeden Stein umdrehen", sagte eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums.

Am Mittwoch hatten Vertreter des Ministeriums von Finanzminister Olaf Scholz im Finanzausschuss laut Teilnehmern gefordert, die Rolle der Abschlussprüferaufsichtsstelle (Apas) zu überarbeiten, die die Abschlussprüfer kontrollieren soll. SPD-Politiker sehen hier vor allem Altmaier in der Pflicht, weil die Apas beim Wirtschaftsministerium angesiedelt ist.

Kritiker bemängeln, dass der Wirecard-Prüfer EY über Jahre die Bilanzen des im deutschen Börsenleitindex DAX notierten Konzerns testiert und erst zuletzt auf Ungereimtheiten hingewiesen hat. Andere Experten betonen dagegen, es sei lediglich Aufgabe der Apas, in Stichproben zu bewerten, ob bestimmte Prüfstandards eingehalten worden seien, nicht aber im Einzelfall nachzurechnen.

Japanische Softbank beendet Kooperation

Wirecard verliert wegen seines Bilanzskandals den wichtigsten Partner für große Zukunftsprojekte. Der japanische Softbank-Konzern beendet die Kooperation mit dem am Abgrund stehenden Bezahldienstleister aus dem Münchner Vorort Aschheim, wie es am Donnerstag in informierten Kreisen hieß. Die im April 2019 verkündete Partnerschaft hatte zwei wesentliche Bestandteile: Ein dreistellige Millioneninvestition der Japaner, und die Vermittlung neuer Geschäftsmöglichkeiten, -partner und Kunden an Wirecard. Eine offizielle Stellungnahme von Softbank gab es nicht.

Anders als der Name vermuten lässt, ist Softbank keine Bank, sondern eine Holding, die sich unter Regie ihres Chefs Matayoshi Son rund um den Globus an Start-ups und Zukunftstechnologien beteiligt. Softbank wollte Wirecard unter anderem beim Markteinstieg in Japan und Südkorea behilflich sein.Darüber hinaus waren Geschäftspartnerschaften von Wirecard mit mindestens sechs Firmen angedacht, in die Softbank investiert hat: der südostasiatische Fahrdienst Grab, der US-Mobilfunkanbieter Sprint, der ebenfalls in den USA ansässige Mobilfunkdienstleister Brightstar, die Autohandelsplattform Auto1 und die Tourismusplattform GetYourGuide, beide in Deutschland ansässig, sowie die indische Hotelkette Oyo. Grab, Auto1 und GetYourGuide bestätigen auf Anfrage, dass keine Zusammenarbeit mit Wirecard mehr geplant ist, die drei anderen Unternehmen ließen Anfragen unbeantwortet.

Softbank wollte außerdem 900 Millionen Euro in Wirecard investieren, mit der Option, in fünf Jahren wichtiger Aktionär zu werden. In dem japanischen Unternehmen wurden jedoch kurze Zeit später Bedenken wach, nachdem die britische "Financial Times" mehrfach über Bilanzfälschungsverdacht bei Wirecard berichtet hatte. Softbank hatte die angekündigten 900 Millionen Investition in Wirecard daher nicht mehr mit Geld des hauseigenen Vision Fund finanziert, sondern mit Hilfe externer Geldgeber. Von daher drohen Softbank nach den Angaben auch keine finanziellen Verluste.

Fünf WireCard-Tochterfirmen insolvent

Unterdessen haben nach der Muttergesellschaft Wirecard AG nun fünf Tochterfirmen Insolvenz angemeldet. Wie das Münchner Amtsgericht am Donnerstag mitteilte, ist auch für diese fünf Firmen der Rechtsanwalt Michael Jaffe als vorläufiger Insolvenzverwalter eingesetzt.

Alle fünf Töchter sind wie die Wirecard AG im Münchner Vorort Aschheim ansässig, dabei handelt es sich um Firmen, die Dienstleistungen und Software für die Muttergesellschaft anbieten. Dazu zählen etwa die Vertriebs- und Marketinggesellschaft Wirecard Global Sales und die Softwarefirma Wirecard Issuing Technologies.Wirecard hatte Anfang vergangener Woche mutmaßliche Luftbuchungen in Höhe von 1,9 Milliarden Euro eingeräumt, wenige Tage später folgte der Insolvenzantrag. Die Münchner Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den zunächst zurückgetretenen und später vom Aufsichtsrat nachträglich fristlos gefeuerten Vorstandschef Markus Braun und andere Manager.

Deutsche Bank prüft Hilfe für WireCard Bank

Die Deutsche Bank will der Wirecard Bank womöglich unter die Arme greifen. Das Geldhaus prüfe in Abstimmung mit der Finanzaufsicht BaFin, dem vorläufigen Insolvenzverwalter der Wirecard AG sowie dem Vorstand der Wirecard Bank eine mögliche finanzielle Hilfe, erklärte die Deutsche Bank am Donnerstag. "Wir können uns grundsätzlich vorstellen, im Rahmen der Fortführung der Geschäftsaktivitäten diese Unterstützung zu gewähren, sofern es erforderlich werden sollte."

Die Wirecard Bank ist bisher im Gegensatz zu ihrer Mutter nicht insolvent. Die BaFin hat einen Sonderbeauftragten dorthin abgesellt, der dafür sorgen soll, dass keine Gelder an die Wirecard AG abfließen und dass die Geschäfte weiterhin laufen. (apa/reuters/dpa-AFX)