Die schöne Maske des digitalen Shootingstars unter den Zahlungsdienstleistern bröckelt ordentlich weiter. Wirecards Kerngeschäft brachte seit Jahren nur Verluste, berichtet die "Financial Times" unter Berufung auf Anhänge zur Sonderbuchprüfung durch den Wirtschaftsprüfer KPMG. Die mutmaßlichen Luftbuchungen sollten auflaufende Verluste im Kerngeschäft kaschieren. In Europa und Amerika hätten die direkt unter Wirecard-Kontrolle stehenden Gesellschaften seit Jahren rote Zahlen eingefahren.

2018, als Wirecard in den Dax aufstieg und die Commerzbank im Leitindex ersetzte, hätten die Geschäfte unter direktem Einfluss Wirecards einen operativen Verlust von 74 Millionen Euro gemacht. Auch 2017 habe Wirecard in den Bereichen Geld verloren, während die offiziellen Geschäftszahlen für den Gesamtkonzern steigende Gewinne auswiesen. Das Unternehmen wollte die Informationen der Zeitung nicht kommentieren.

Wirecard hatte nach mehrfachen Verzögerungen des Geschäftsberichts für das vergangene Jahr Mitte Juni einräumen müssen, dass rund 1,9 Milliarden Euro auf Treuhandkonten auf den Philippinen mit großer Wahrscheinlichkeit nie existiert haben. Das Geld war offiziell für das sogenannte Drittpartnergeschäft in Asien vorgesehen, über das Wirecard nach eigener Darstellung Geschäfte in Ländern ohne eigene Banklizenz über Vermittler bzw. Treuhänder abwickelte. Mehr als 50 Prozent der Geschäfte wurden in Asien über dieses Modell ohne Kontrolleinsicht abgewickelt. Inzwischen hat Wirecard Insolvenz angemeldet, Milliarden an Börsenwert wurden vernichtet. Die Frage, wie es zu solch einem Kontrollvakuum kommen konnte, wird immer lauter und bringt die deutschen Behörden in Erklärungsnot. Felix Hufeld, seit 2015 Chef der deutschen Finanzaufsicht BaFin, muss sich von Seiten der Politik Versagen vorwerfen lassen. Der Jurist teilte in der Vergangenheit nämlich gerne selbst gegen Banken und Banker aus.

Kontrollversagen im Zuge der Digitalisierung

Hätten die Aufseher nicht früher aufmerksam werden müssen, dass bei dem in rasanter Geschwindigkeit zum Dax-Konzern aufgestiegenen Fintech womöglich nicht alles mit rechten Dingen zuging? Seit Jahren berichteten Journalisten immer wieder über Merkwürdigkeiten und Unregelmäßigkeiten bei Wirecard. Die Kontrolleure nahmen dies nicht ernst.

In diesem Frühjahr dann der große Knall: Milliardenloch in der Bilanz, Insolvenzantrag, Austausch des Vorstands, Ermittlungen gegen den Ex-Chef. Hufeld nennt die Vorgänge eine "Schande" - und äußert sich selbstkritisch zur Rolle der Aufsicht: "Wir sind nicht effektiv genug gewesen, um zu verhindern, dass so etwas passiert." Zugleich aber stellt der 59-Jährige klar: Seine Behörde war und ist formal nur für die Wirecard Bank AG zuständig - der Gesamtkonzern Wirecard sei im Einvernehmen diverser Aufsichtsbehörden als Technologieunternehmen eingestuft worden. "Wir hätten die Einstufung als Finanzholding schneller zu Ende bringen müssen", räumt Hufeld jüngst im Gespräch mit der Wochenzeitung "Die Zeit" ein. "Auch wenn dies mit ziemlicher Sicherheit nichts gegen Bilanzbetrug und Täuschungen mit hoher krimineller Energie hätte ausrichten können." Es ist nicht das erste Mal, dass die BaFin wie ein zahnloser Tiger erscheint, dem im richtigen Moment der Biss fehlt. In der Finanzkrise 2008 warfen Kritiker der Behörde vor, Zockergeschäfte von Banken nicht rechtzeitig erkannt zu haben - etwa im Fall des später in einer Notaktion verstaatlichten Immobilienfinanzierers HRE. Und was tat die BaFin, als jahrelang Aktien zu Lasten der Steuerkasse hin- und hergeschoben wurden, die sogenannten Cum-Ex-Geschäfte?

Der Wirecard-Skandal verdeutlicht aber auch, wie zersplittert die Aufsicht in Deutschland ist. Die Kontrolle von Unternehmensbilanzen ist zwar eine Aufgabe der BaFin - aber erst in zweiter Stufe. Primär zuständig ist die privatrechtlich organisierte Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) - und die stellte angeblich nur einen Mitarbeiter für einen Prüfauftrag der BaFin in Sachen Wirecard ab. Zudem ließen sich auch Analysten und Investoren vom Fabelaufstieg des Zahlungsdienstleisters Wirecard mit seiner eher unscheinbaren Zentrale im Münchner Vorort Aschheim blenden. Angesprochen auf aktuelle Rücktrittsforderungen bleibt sich Hufeld im "Zeit"-Interview treu: "Wäre unser Verhalten bei fairer Betrachtung als wirkliche Verfehlung einzustufen, dann wäre ich der Erste, der die Konsequenz zieht. Das kann ich im Fall Wirecard aber nicht erkennen."

Finanzminister Scholz will Finanzaufsicht ändern

Die Frage bleibt, wer kontrolliert Fintechs wie Wirecard? Und hinken die deutschen Kontrollbehörden der digitalen, globalen Finanzwirtschaft hinterher? Dass die Kontrollstrukturen zu langsam und wohl zu ahnungslos sind - und sich dadurch verheerende Kontrollücken ergeben, scheint die Politik langsam zu begreifen.

Der deutsche Finanzminister Olaf Scholz (SPD) will als Konsequenz die deutsche Finanzaufsicht umbauen. Es sei jetzt die Aufgabe des Gesetzgebers, "die Schutzmechanismen zu überprüfen und zu verbessern", sagte Scholz der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". "Niemand sollte bloß die Luft anhalten und hoffen, dass nichts passiert. Wir müssen in allen Bereichen klären, was schief gelaufen ist." Die Opposition kritisierte den Vorstoß als unzureichend.

Zu den nötigen Maßnahmen zählt Scholz ein unmittelbares Durchgriffsrecht der Bafin und eine Abschaffung des bisherigen zweistufigen Prüfverfahrens. Die Bafin brauche "die Möglichkeit, jederzeit Sonderprüfungen in großem Umfang durchführen zu können", sagte der Minister. "Wenn wir zu dem Ergebnis kommen, dass die Bafin mehr Geld, mehr Stellen und mehr Kompetenzen benötigt, werde ich mich dafür einsetzen, dass das passiert."

Zudem wolle Scholz der Behörde "mehr Durchgriffsrechte bei der Kontrolle von Bilanzen geben, unabhängig davon, ob der Konzern eine Banksparte hat oder nicht". Große Zahlungsdienstleister sollten generell der Finanzaufsicht unterliegen.

Veränderungen prüft Scholz auch bei den Wirtschaftsprüfern, denen die Manipulationen bei Wirecard jahrelang nicht aufgefallen waren. "Es wird zu diskutieren sein, ob Wirtschaftsprüfer häufiger rotieren müssen", sagte er der "FAS". Auch sei zu überlegen, "ob es funktioniert, wenn eine Gesellschaft ein Unternehmen gleichzeitig berät und prüft". (ast/ag.)