Inmitten der Coronakrise und massiver Angriffe durch US-Präsident Donald Trump sucht die Welthandelsorganisation (WTO) einen neuen Chef. Sechs Bewerber, darunter drei aus Afrika und drei Frauen, kündigten bisher ihre Kandidaturen an. Heute, Mittwoch, endet die Bewerbungsfrist.

Nach Ablauf der Bewerbungsfrist beginnt ein komplexes Auswahlverfahren, das in der Regel ganz ohne Abstimmungen auskommt - und stattdessen auf eine einträchtige Entscheidungsfindung ausgerichtet ist. Doch das könnte diesmal schwierig werden.

Der bisherige WTO-Chef Roberto Azevedo aus Brasilien hatte Mitte Mai überraschend seinen vorzeitigen Rückzug angekündigt. Bis Ende August scheidet er aus "familiären Gründen" aus dem Amt, ein Jahr früher als geplant.

Der Schritt erwischte viele der 164 WTO-Mitglieder weitgehend unvorbereitet. Sie müssen nun rechtzeitig einen Nachfolger aus einer vielfältigen Kandidatenliste finden. Auf dieser steht etwa der offiziell von der Afrikanischen Union (AU) vorgeschlagene Ägypter und frühere hochrangige WTO-Funktionär Hamid Mamdouh. Die AU hatte in der Eile insgesamt drei mögliche Kandidaten aus ihren Reihen genannt, doch bisher warf nur der 67-jährige Mamdouh seinen Hut tatsächlich in den Ring.

Verdienstvolle Aufgabe

Nigeria schickte mit Ngozi Okonjo-Iweala eine eigene Kandidatin ins Rennen. Die Bewerbung der 66-Jährigen gewann nach Angaben aus Diplomatenkreisen in Afrika zuletzt an Unterstützung. Zwar wäre Okonjo-Iweala die erste Frau sowie die erste Afrikanerin an der WTO-Spitze, doch darauf will sie nach eigenen Worten im Auswahlprozess nicht setzen. "Ich hoffe, dass der Generaldirektor der WTO vor allem wegen seines Verdienstes gewählt wird. Wenn es sich dabei dann um eine Frau oder einen Afrikaner handelt, ist das auch gut", sagte Okonjo-Iweala.

Neben der Nigerianerin wollen zwei weitere Frauen auf den Chefsessel der Organisation: die südkoreanische Handelsministerin Yoo Myung-hee und die kenianische Sportministerin Amina Mohamed. Die 58-Jährige kennt sich aus mit dem Bewerbungsverfahren - sie war bereits im Jahr 2013 gegen Azevedo angetreten.

Der älteste Kandidat ist der 73-jährige Mexikaner Jesus Seade Kuri. Er war bereits stellvertretende Generaldirektor der WTO und besetzte Posten in der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds (IWF). Der jüngste Bewerber kommt aus Moldau: der 37-jährige Ex-Außenminister Tudor Ulianovschi.

Zwischenzeitlich hatte auch EU-Handelskommissar Phil Hogan seine Kandidatur erwogen. Ende Juni entschied er sich jedoch dagegen.

Schwieriger Konsens

Vor den sechs Bewerbern liegt nun ein komplizierter Auswahlprozess. In der Vergangenheit wurden die neuen WTO-Chefs im Konsens bestimmt, Wahlen gab es nicht. Eine Abstimmung ist nur als letztes Mittel vorgesehen, sollte es keine Einigung geben. Angesichts der heftigen Spannungen zwischen den USA und China ist diesmal jedoch offen, ob dies wieder gelingt.

Der künftige Chef der 1995 ins Leben gerufenen Organisation mit Sitz in Genf steht vor gewaltigen Herausforderungen. Er muss die Ministerkonferenz im kommenden Jahr vorbereiten und ins Stocken geratene Verhandlungen vorantreiben. Vor allem aber muss er neue Gesprächsfäden mit der Trump-Regierung knüpfen.

Washington hatte damit gedroht, die WTO zu verlassen. Zudem blockieren die USA seit Dezember die Berufungsinstanz des Streitbeilegungsmechanismus der WTO. Trump sieht sich von der Welthandelsorganisation ungerecht behandelt, will die Organisation umgestalten und China von der Liste der Entwicklungsländer streichen lassen. (apa, afp)