Seit Wochen ist der Finanzskandal um den insolventen deutschen Zahlungsdienstleister Wirecard in den Schlagzeilen der Medien. Es ist ein Fall von globaler Dimension, bei dem die Finanzaufseher versagt haben, der Banken und Anleger viel Geld kostet und obendrein noch in die hohe Politik hineinspielt. Die hoch brisante Causa restlos aufzuklären, wird der Justiz noch viel Arbeit abverlangen, da sie sehr komplex und äußerst facettenreich ist. Vor diesem Hintergrund hat sich die "Wiener Zeitung" Fragen gestellt, um mit der Beantwortung einen Überblick über den Fall zu geben.

  • Was hat den Stein beim DAX-Konzern Wirecard ins Rollen gebracht?

Sogenannte Luftbuchungen in der Jahresbilanz. Wirecard hatte eingestanden, dass dort 1,9 Milliarden Euro fehlen und das Geld bei zwei philippinischen Banken wohl gar nicht existiert. Der Aktienkurs des DAX-Konzerns fiel ins Bodenlose. Ende Juni meldete das Unternehmen Insolvenz an. In der Folge kam es zu weiteren Pleiten im Konzern, in Österreich erwischte es die für Osteuropa zuständige Grazer Wirecard-Niederlassung.

  • In welche Richtungen laufen die strafrechtlichen Ermittlungen der Behörden?

In Deutschland ermittelt die Justiz wegen Betruges, Bilanzfälschung, Untreue, Marktmanipulation und Geldwäsche. Nach derzeitigem Erkentnisstand sollen frühere Wirecard-Manager einen Großteil der Umsätze und Gewinne des Unternehmens in Südostasien und im Mittleren Osten frei erfunden haben. Die mutmaßlichen Scheingeschäfte wurden demnach als Umsätze und Gewinne mit Subunternehmern in der Bilanz verbucht. In diesem Zusammenhang gab es schon zwei Razzien in der Wirecard-Zentrale im Münchner Vorort Aschheim sowie Hausdurchsuchungen an anderen Standorten des Konzerns in Deutschland und Österreich. Im Raum steht auch der Vorwurf, dass dreistellige Millionensummen von Wirecard-Konten an Firmen in Asien und auf Mauritius geflossen sein sollen.

Wegen des Verdachts verschiedener Finanzstraftaten im Umfeld von Wirecard ermitteln Behörden freilich weltweit - unter anderem in den USA, in Singapur und auf den Philippinen. Erst kürzlich gab die US-Justiz bekannt, dass sie einer möglichen Verwicklung Wirecards in einen 100 Millionen Dollar schweren Fall von Bankbetrug mit Marihuana-Handel nachgehe.

  • Gegen wen richten sich die Ermittlungen der Justiz?

Die Staatsanwaltschaft München ermittelt gegen eine Reihe gegenwärtiger und früherer Spitzenmanager von Wirecard. Im Fokus stehen vor allem die beiden Österreicher Markus Braun und Jan Marsalek. Braun war nach Auffliegen der Bilanzaffäre von seinem Posten als Vorstandschef zurückgetreten und hatte sich der Justiz gestellt. Gegen eine Kaution von fünf Millionen Euro durfte er wieder auf freien Fuß. Marsalek, der bei Wirecard als Brauns rechte Hand für das Tagesgeschäft zuständig war, setzte sich hingegen ab. Nach wie vor ist der Aufenthaltsort des inzwischen gefeuerten Vorstands unbekannt. Vermutet wird der international gesuchte Manager derzeit in China.

Die deutsche Finanzaufsicht BaFin hat Ex-Vorstandschef Braun wegen Insiderhandels im Visier. Eine Sprecherin der Behörde sagte am Dienstag, man habe bei der Staatsanwaltschafts München Anzeige gegen die MB Beteiligungsgesellschaft erstattet, hinter der Braun steht.

Es gehe um den Verkauf von Wirecard-Aktien um 6,6 Millionen Euro am 24. Juni - am Tag bevor der Zahlungsabwickler Insolvenz angemeldet hatte. Weitere Verkäufe für 3,4 Millionen Euro durch MB zwei Tage vorher würden noch untersucht, sagte die Behördensprecherin. Braun war da bereits als Vorstandschef zurückgetreten, nachdem das Unternehmen aus Aschheim bei München einräumen musste, dass 1,9 Milliarden Euro aus seiner Bilanz aller Voraussicht nach nicht existierten.

  • Wie geht es jetzt mit Wirecard weiter?

Wirecard (weltweit 5800 Mitarbeiter) wird voraussichtlich zerschlagen,also in Einzelteile zerlegt und verkauft. Insolvenzverwalter Michael Jaffe berichtete vor Kurzem, dass sich bereits mehr als 100 Interessenten für den Erwerb von Geschäftssparten gemeldet hätten. Dabei sind Investmentbanken eingeschaltet, die gezielt nach Käufern suchen. Mit den geplanten Verkäufen will Jaffe Geld hereinbekommen, damit später eine Quote für die zahlreichen Gläubiger dargestellt werden kann. Unter den Gläubigern sind auf österreichischer Seite die Raiffeisenlandesbanken Oberösterreich und Niederösterreich-Wien.

Im deutschen Aktien-Leitindex DAX ist Wirecard trotz Insolvenz und des damit einhergehenden Kurssturzes von bis zu 98 Prozent vorerst noch gelistet. Spätestens im September droht dem Titel jedoch der Rauswurf. Anlegerschützer verlangen ihn schon jetzt.

  • Braucht Deutschland eine neue Finanzaufsicht?

Nach dem Kollaps von Wirecard hat der Druck auf die Kontrolleure stark zugenommen. In einem ungewöhnlichen Schritt kündigte die EU-Kommission zuletzt an, sie wolle prüfen lassen, ob die deutsche Finanzaufsicht Bafin bei der Kontrolle von Wirecard versagt hat. Unabhängig davon will der Deutschlands Finanzminister Olaf Scholz als Konsequenz aus dem Skandal die Finanzaufsicht umbauen. Es sei jetzt die Aufgabe des Gesetzgebers, die Schutzmechanismen zu überprüfen und zu verbessern. Auch auf europäischer Ebene sollte reformiert werden.

  • Inwieweit ist die deutsche Bundesregierung in die
    Finanzaffäre verstrickt?

Laut "Financial Times" soll es im Vorjahr mindestens zwei Gespräche zwischen dem damaligen Wirecard-Chef Braun und Jörg Kukies (SPD), Staatssekretär im Finanzministerium, gegeben haben - eine im September im Rahmen einer Veranstaltung und eine im November anlässlich Kukies’ 50. Geburtstag. Kukies, der früher als Investmentbanker unter anderem bei Goldman Sachs aktiv war, ist auch Vorsitzender des Bafin-Verwaltungsrats, was mit Blick auf den Skandal unschöne Vermutungen aufkommen lässt. Seine Bestellung durch Scholz war schon damals auf Kritik gestoßen. Teile der deutschen Regierung stehen nun jedenfalls unter Druck.

  • FPÖ und ÖVP werfen sich gegenseitig Verbindungen zu Wirecard vor. Ist da etwas dran?

Ja, beide Parteien hatten Verbindungen. Die ÖVP zu Braun, der diese im Wahlkampf 2017 mit 70.000 Euro unterstützte, zusammen mit Sebastian Kurz auftrat und nach dessen Einzug ins Kanzleramt Mitglied des dort eingerichteten "Think Tanks" des ÖVP-Chefs war. In der Volkspartei wird jedoch betont, dass "Braun kein ÖVP-Mann ist, sondern sich auch mit vielen anderen Menschen vernetzt hat". So habe Braun auch den Neos 125.000 Euro gespendet und sei auch bei Veranstaltungen der Gattin von Ex-Kanzler Christian Kern (SPÖ) aufgetreten.

Die FPÖ wiederum hatte einen Link zu Brauns Vorstandskollegen Marsalek. Ende 2017 traf der damalige FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache Marsalek zu einem Gespräch, bei dem auch Johann Gudenus, dazumal FPÖ-Klubchef, dabei war, wie "Österreich" berichtet. Worum es dabei ging, ist nicht bekannt. Es sei ein "Kennenlerntermin" gewesen. Gudenus soll Marsalek danach noch vier bis fünf Mal getroffen haben. Strache habe gewollt, dass Gudenus "Kontakt hält". Laut Medienberichten soll Marsalek Gudenus über einen Mittelsmann mit Informationen aus dem Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) versorgt haben. Marsalek war im Sommer 2018 aber auch bei Beamten im Innenministerium zu Gast, um einen Vorschlag im Bereich Asylwesen zu präsentieren, wie Ex-Innenminister Herbert Kickl (FPÖ) zuletzt erklärte. Welche Verbindungen Marsalek in der Zeit der türkis-blauen Regierung zu FPÖ-geführten Ministerien hatte und wer welche Geheiminformationen hinausgetragen hat, will die ÖVP jetzt jedenfalls im Nationalen Sicherheitsrat besprechen.

Marsalek selbst dürfte als Wirecard-Vorstand ein Doppelleben geführt haben. Ihm werden in Medienberichten Verbindungen zu Geheimdiensten nachgesagt. Angeblich war er auch im Bürgerkriegsland Libyen an einem Wiederaufbauprojekt beteiligt. Zudem soll er dort im Zuge eines dubiosen Deals rund um eine Zementfabrik, in den die Kontrollbank involviert gewesen sein soll, 20 Millionen Euro kassiert haben.