Banken im Euroraum sollen nach dem Willen der Aufseher bis zum 1. Jänner 2021 auf die Ausschüttung von Dividenden sowie Aktienrückkäufe verzichten. Das soll die Fähigkeit der Geldhäuser in der Corona-Pandemie stärken, mögliche Verluste zu verkraften und ausreichend Mittel für die Kreditvergabe an Privatleute und Firmen zu haben.

"Der Aufbau starker Kapital- und Liquiditätspuffer seit der letzten Finanzkrise hat es den Banken in dieser Krise ermöglicht, weiterhin Kredite an private Haushalte und Unternehmen zu vergeben und damit zur Stabilisierung der Realwirtschaft beizutragen", begründete der Chef der Bankenaufsicht der Europäischen Zentralbank (EZB), Andrea Enria, am Dienstag. "Umso wichtiger ist es, die Banken zu ermutigen, ihre Kapital- und Liquiditätspuffer jetzt zu nutzen, um sich weiterhin auf diese übergeordnete Aufgabe zu konzentrieren: die Kreditvergabe."

Bisher hatte die EZB an Banken appelliert, mindestens bis zum 1. Oktober dieses Jahres keine Dividenden an ihre Aktionäre auszuzahlen. Viele Banken strichen in der Folge geplante Gewinnausschüttungen für das Geschäftsjahr 2019 oder verringerten diese zumindest.

Die EZB beaufsichtigt seit November 2014 die größten Banken und Bankengruppen im Euroraum direkt, derzeit sind dies 115 Institute im gemeinsamen Währungsraum, die für fast 82 Prozent des Markts im Währungsraum der 19 Länder stehen.

Zwei Szenarien

Derzeit sehen EZB-Aufseher die Banken gegen Rückschläge gerüstet - allerdings würden die Kapitalpuffer der Institute "erheblich zusammenschmelzen", sollte sich das wirtschaftliche Umfeld noch deutlich verschlechtern.

In einem solchen Fall müssten die Behörden bereit sein, weitere Maßnahmen zu ergreifen, "um einen gleichzeitigen Schuldenabbau durch Banken zu verhindern, der die Rezession vertiefen könnte", erklärte Enria.

Die Aufseher analysierten anhand von zwei Szenarien, wie die Kapitalpuffer von 86 Instituten im Euroraum reagieren würden, die direkt von der EZB beaufsichtigt werden. In der ersten Berechnung, die die EZB für wahrscheinlicher hält, geht die Notenbank von einem Rückgang der Wirtschaftsleistung im Währungsraum um 8,7 Prozent im laufenden Jahr aus. Im zweiten Fall wird ein tieferer Absturz um 12,6 Prozent unterstellt. In beiden Szenarien erwartet die EZB, dass die Wirtschaft 2021 wieder auf Wachstumskurs gehen wird - wenn auch unterschiedlich schnell.

Je nach Schwere der konjunkturellen Krise würde die Kernkapitalquote (CET1) der Banken von einem Ausgangswert von 14,5 Prozent um 1,9 beziehungsweise 5,7 Prozentpunkte absinken. Im letzteren Fall müssten mehrere Institute Maßnahmen ergreifen, um die Mindestkapitalanforderungen der Aufseher zu erfüllen. (apa/dpa)