Bagdad/Riad. Am Ölmarkt braut sich ein Angebotsüberhang zusammen, der bei Experten Erinnerungen an den dramatischen Preiskollaps vom April hochkommen lässt. Auf den ersten Blick liegt der Preis für Nordseeöl der Sorte Brent derzeit mit rund 45 Dollar je Barrel auf dem Niveau von Anfang März, bevor die Welt im Kampf gegen das Coronavirus zum Stillstand gezwungen wurde. Doch der zweite Blick zeigt: Eine rasche Normalisierung und eine Rückkehr zu der Zeit vor der Pandemie zeigt der Preis nicht.

Denn je weiter in der Zukunft die Lieferung liegt, desto mehr sind die Käufer bereit, für den Treibstoff der Weltwirtschaft zu zahlen. Diese Preisstruktur am Ölmarkt - Contango genannt - mit niedrigeren Preisen bei einer raschen Lieferung und höheren bei späteren Kontrakten gilt bei Experten als Signal, dass die Nachfrage noch länger hinter dem Angebot hinterherhinken dürfte.

Der Ölpreis profitiere im Moment vom schwachen Dollar und einer allgemeinen Hoffnung auf eine Konjunkturerholung, sagt Eugen Weinberg, Rohstoffexperte bei der Commerzbank. Doch eigentlich steige die Nachfrage nicht mehr so stark, nachdem sie sich nach dem Ende der schärfsten Corona-Restriktionen rasch erholt hatte. Vor allem das Vorkrisenniveau rücke in immer weitere Ferne. Die Konjunkturerholung gleiche wohl weniger einem "V" - also einer raschen Erholung nach einem tiefen Einbruch -, sondern eher dem Wurzelzeichen, bei dem die Wirtschaft nur einen Teil der Verluste schnell wettmacht und dann kaum noch vom Fleck kommt. Insofern wäre eine Korrektur beim Ölpreis von zehn bis 15 Prozent nach unten fundamental angemessen, weil die Produktion über der Nachfrage bleibe und mittelfristig die Lagerbestände weiter zunähmen.

Opec-Länder in der Krise

Denn nach wie vor verzichten viele Menschen auf Reisen - der Flugverkehr kommt zwar langsam wieder in Gang, liegt aber noch weit vom Vorkrisenniveau entfernt. Ebenso arbeiten noch viele Menschen zu Hause und lassen das Auto für den Arbeitsweg stehen - und Homeoffice dürfte, wenn man Umfragen und Pläne von Unternehmen zugrunde legt, auch nach der Krise an der Tagesordnung bleiben. Die Experten von JBC Energy gehen davon aus, dass die Nachfrage nach Benzin und Diesel im dritten Quartal sieben Prozent niedriger bleibt als im Vorjahr, "und eine Rückkehr zu den Niveaus von 2019 ist zunehmend zweifelhaft". Bei Kerosin dürfte der Einbruch im Sommer sogar bei der Hälfte liegen.

Die Mitglieder des Ölkartells Opec, die sich im April mit anderen großen Förderländern wie Russland auf Produktionskürzungen in Rekordhöhe geeinigt hatten, stehen damit vor massiven Problemen. So speist sich etwa das Budget des Iraks zu 90 Prozent aus Ölverkäufen, die Haushaltspläne der vergangenen Jahre beruhten auf einem durchschnittlichen Ölpreis von 56 Dollar. Wenn sich die Produktionsländer nicht mit dauerhaft niedrigen Preisen abfinden wollen, dürfte die Aufhebung von einigen Förderkürzungen Anfang August damit wohl nur temporär sein. "Das Opec-Experiment einer höheren Produktion ab August könnte fehlschlagen, weil wir immer noch weit von einer Erholung der Nachfrage entfernt sind", sagte Björnar Tonhaugen, Ölexperte bei Rystad Energy.