Nach der Lufthansa zeichnet sich jetzt auch bei der TUI der Einstieg des deutschen Staats in einen großen Tourismus- und Verkehrskonzern ab. Der weltweit führende Reiseanbieter, der von der Corona-Krise schwer getroffen ist, soll zur Überbrückung weitere Bundeshilfen erhalten. Dabei werde ein schon bestehender Kredit der Förderbank KfW um 1,05 Milliarden Euro aufgestockt, kündigte TUI am Mittwoch an.

Das Unternehmen mit Sitz in Hannover hatte im April als erstes deutsches Großunternehmen bereits ein Darlehen über 1,8 Milliarden Euro zugesprochen bekommen. Die Erweiterung des Hilfsrahmens sieht Vorstandschef Fritz Joussen vor allem als Vorsorgemaßnahme an - für den Fall, dass die Kundennachfrage nicht spätestens ab dem Herbst wieder mehr anzieht.

Weitere 150 Millionen Euro soll TUI über eine Wandelanleihe erhalten, die der Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) zeichnet. Solche Anleihen können vom Besitzer unter bestimmten Bedingungen in Aktien umgetauscht werden. So könnte der Bund mit bis zu neun Prozent bei der TUI als Eigentümer einsteigen.

Finanzierung sichern

Die Touristikbranche gehört zu den am schwersten von der Pandemie gebeutelten Wirtschaftszweigen. TUI muss die Finanzierung nach drei Monaten Geschäftsausfall ab Mitte März sichern, die verzögerte Sommersaison lief erst Mitte Juni an. Der Konzern fährt schon einen harten Sparkurs, auch wichtige Investitionen wurden gekappt.

Die Führung hofft, dass sich die Lage nach der schrittweisen Öffnung wichtiger Reisemärkte wieder bessert. Zuletzt hatte es aber auch neue Warnungen gegeben, etwa für Regionen in Spanien. "Niemand weiß momentan, wann es einen Impfstoff oder Medikamente geben wird und welche Auswirkungen die Pandemie in den nächsten Monaten in einzelnen Märkten hat", betonte Joussen. "Deshalb ist es richtig und wichtig, gemeinsam mit der Bundesregierung weitere Vorsorge zu treffen."

Es hieß, bei den aktuellen Vereinbarungen handle es sich um eine Art Auffangnetz für den Fall einer großen zweiten Coronawelle. Inklusive früherer Darlehenszusagen und weiterer Finanzmittel hätte TUI samt dem neuen Hilfspaket derzeit etwa 2,4 Milliarden Euro in der Kasse.

Etliche Beschäftigte und Gewerkschafter sehen die öffentlichen Hilfen bei gleichzeitigen erheblichen Einsparungen kritisch. So zeigten sich im Juni bei einer Kundgebung Wut und Enttäuschung in der Belegschaft, weil der TUIfly-Aufsichtsrat eine Halbierung der Flugzeugflotte in Deutschland beschlossen hatte. Dabei könnten 900 Vollzeitstellen wegfallen sowie mehrere Standorte geschlossen werden. Derzeit laufen Verhandlungen über die Umsetzung. Die gesamte europäische Flotte von rund 150 Maschinen will der Konzern ebenfalls deutlich verkleinern - und seine Airlines für Partnerschaften mit anderen Anbietern öffnen.

Gewerkschafter und Betriebsräte äußerten ihren Unmut auch in einem Brief an die TUI-Führungsspitze. Diese habe es in den vergangenen Jahren versäumt, hinreichende Rücklagen zu bilden und stattdessen hohe Dividenden ausgeschüttet. Außerdem dürfe man mit Hilfe staatlichen Geldes keine Jobs abbauen. Das erste KfW-Darlehen kann TUI aber auch nur unter der Maßgabe nutzen, dass während seiner Laufzeit keine Gewinnbeteiligungen an die Aktionäre fließen.

Mit dem verspäteten Anlaufen des Sommerprogramms zeigte sich das Management zuletzt relativ zufrieden. Seit dem 15. Juni habe TUIfly rund 250.000 Gäste an Bord begrüßt, berichtete Geschäftsführer Oliver Lackmann in der vergangenen Woche. Ziel sei es, in den kommenden Monaten mehr als die Hälfte der geplanten Kapazitäten wieder anbieten zu können. Eines der Top-Reiseziele sei auch heuer Mallorca. Touristenregionen an der türkischen Mittelmeerküste sind inzwischen ebenfalls wieder buchbar - viele andere Ziele außerhalb der EU jedoch nach wie vor nicht.

Am Donnerstag werden TUI-Zahlen zum dritten Geschäftsquartal (April bis Juni) erwartet. Weil der globale Tourismus während dieser Zeit nahezu ruhte, dürfte TUI kaum Umsatz erzielt haben - beim Ergebnis werden tiefrote Zahlen erwartet. Im ersten Geschäftshalbjahr 2019/20 (bis März) hatte die Gruppe unterm Strich einen im Vorjahresvergleich deutlich höheren Verlust von 892,2 Millionen Euro verbucht. Im Winter ist das Geschäft der Reiseanbieter allerdings auch traditionell schwach, sie verdienen Geld in regulären Jahren vor allem im Sommer. (apa/dpa)