Ein Unternehmen mit einem Börsenwert von 100 Milliarden Euro: Das wollte der Österreicher Markus Braun aus Wirecard einst machen. Jetzt ist der Anbieter von Zahlungsdiensleistungenan der Börse nicht einmal mehr 200 Millionen Euro wert. Und es geht stetig bergab.

Am 7. September 2019 hatte die Aktie ein 52-Wochen-Hoch von 159,80 Euro erklommen, Kursverluste drückten das Papier am 26. Juni 2020 auf bis zu 1,08 Euro und somit auf den tiefsten Stand seit 52 Wochen. Derzeit notiert Wirecard bei 1,30 Euro, um 45 Prozent niedriger als noch vorn einem Monat. Die Marktkapitalisierung beläuft sich auf rund 199 Millionen Euro. Und es kommen immer mehr interessante Details zutage.

Beschäftigte der deutschen Finanzaufsicht BaFin haben in den Monaten vor der Wirecard-Pleite verstärkt mit Papieren des Zahlungsanbieters gehandelt. Im ersten Halbjahr 2020 entfielen 2,4 Prozent aller gemeldeten privaten Finanzgeschäfte von BaFin-Mitarbeitern auf Geschäfte mit Wirecard-Aktien oder -Aktienderivaten. Im Gesamtjahr 2018 lag der Anteil nur bei 1,2 Prozent, 2019 bei 1,7 Prozent. Das geht aus den der Nachrichtenagentur Reuters vorliegenden Antworten des deutschen Finanzministeriums auf einen Fragenkatalog der Grünen hervor.

Das Ministerium stört sich nicht an den Wirecard-Aktiengeschäften von BaFinMitarbeitern. "Es gibt hier ein umfassendes Kontrollsystem", sagte ein Sprecher des Ministeriums, das der BaFin überstellt ist, in Berlin. Dadurch werde gewährleistet, dass keine Insider-Informationen für Aktien-Transaktionen genutzt werden könnten. Das interne Kontrollsystem sei "streng und angemessen". Aktiengeschäfte müssten Vorgesetzten stets offengelegt werden.

Die Zunahme des Handels mit Wirecard-Papieren habe die BaFin mit den höheren Schwankungen des Aktienkurses durch die Medienberichterstattung und die Ad-hoc-Meldungen des Unternehmens erklärt, hieß es in der Antwort des deutschen Finanzministeriums. Die verstärkten Wirecard-Aktiengeschäfte der BaFin-Mitarbeiter seien im Vergleich zu anderen DAX-Werten, bei denen die Volatilität gestiegen sei, "nicht ungewöhnlich bzw. nicht auffällig."

Den Angaben des Finanzministeriums zufolge zeigten 2019 und im ersten Halbjahr 2020 circa 20 Prozent der BaFin-Beschäftigten private Finanzgeschäfte an. Sie seien alle durch die Fachvorgesetzten genehmigt worden. Damit sei bestätigt worden, dass zu den privaten Finanzgeschäften keine Kenntnisse über Insiderinformationen vorlagen.

Wirecard musste Ende Juni Insolvenz anmelden. Die Ermittler werfen dem früheren Vorstandschef Markus Braun und anderen Managern vor, mindestens seit Ende 2015 die Bilanzsumme und den Umsatz des Zahlungsanbieters durch Scheingeschäfte aufgebläht zu haben. Auf dieser Basis hätten Banken und andere Investoren insgesamt 3,2 Milliarden Euro bereitgestellt. Das Geld sei voraussichtlich verloren.

Noch im August fliegt Wirecard, das erst im September 2018 in den Dax aufgestiegen war, aus dem deutschen Leitindex.

Erste Zeugenhinweise bezüglich Marsalek

Der öffentliche Fahndungsaufruf des deutschen Bundeskriminalamts (BKA) nach dem flüchtigen Ex-Wirecard-Manager Jan Marsalek hat erste Zeugenhinweise erbracht. Nach Aussagew eines BKA-Sprechers gingen bisher Hinweise im "unteren zweistelligen Bereich" ein.

Die Ermittler hatten am Mittwoch in der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY" Zeugen um Tipps zum Aufenthaltsort des flüchtigen Österreichers gebeten, der eine Schlüsselrolle im milliardenschweren Finanzskandal um den Zahlungsdienstleister einnimmt.

Der ehemalige Vorstandschef Markus Braun und der frühere Finanzvorstand Burkhard Ley sowie andere Manager sitzen schon seit Ende Juli in Untersuchungshaft. (apa/afp/reuters)