Die US-Notenbank Fed stellt mitten in der Corona- und Wirtschaftskrise ihre geldpolitische Strategie um und legt einen stärkeren Fokus auf den Arbeitsmarkt. Dieser am Donnerstag von Fed-Chef Jerome Powell näher erläuterte Schwenk bietet der Fed zugleich mehr Spielraum beim Ansteuern ihres Inflationsziels von zwei Prozent. Demnach könnte sie die Inflationsrate für einen längeren Zeitraum über dem angepeilten Idealwert halten, wenn diese zuvor geraume Zeit darunter geblieben ist. Zugleich soll aber stets das Ziel der Vollbeschäftigung an erster Stelle stehen.

Laut Chefökonom Uwe Burkert von der Landesbank Baden-Württemberg könnte der Strategieschwenk dazu führen, dass ein Ausstieg aus der derzeit ultralockeren Geldpolitik noch weiter auf die lange Bank geschoben wird – "selbst wenn die US-Wirtschaft nach der Corona-Krise in einen stabilen und anhaltenden Aufschwung einschwenkt". Die Aussicht auf eine längere Zeit mit niedrigen Zinsen in den USA heizte am Donnerstag die Rekordjagd an den US-Börsen an.

Sozial Benachteiligte rücken in den Blick

Powell erläuterte die überarbeitete Strategie zum Auftakt des jährlichen Wirtschaftssymposiums, das wegen der Corona-Pandemie nicht wie üblich in Jackson Hole, sondern online abgehalten wird. Dabei wies er wenige Wochen vor den Anfang November anstehenden US-Präsidentschaftswahlen darauf hin, dass die Fed bei ihrer Strategie auch die sozial Benachteiligten im Blick hat. Sie trage damit der Tatsache Rechnung, dass ein starker Arbeitsmarkt "besonders Wohngegenden mit niedrigem oder moderatem Einkommen" zugute komme.

Die US-Notenbank hatte ihr Ziel Vollbeschäftigung erreicht, doch haben die Corona-Krise und die dadurch losgetretene Welle von Kündigungen Massenarbeitslosigkeit ausgelöst. Bei der Inflation hat die Fed das Ziel von zwei Prozent jedoch über weite Strecken nicht erreicht – wohl auch, weil der Trend zur Digitalisierung und zum Online-Geschäft dem Preisauftrieb entgegenwirkt.

Der nun überarbeitete Katalog der Fed zu Langfrist-Zielen und geldpolitischer Strategie stammte aus dem Jahr 2012. Darin hatten die Währungshüter unter anderem festgelegt, dass sie für ihr Ziel stabiler Preise eine Jahresteuerung von zwei Prozent anstreben. Dabei galt es ihnen jedoch "als Grund zur Sorge", wenn der angestrebte Wert dauerhaft unter- oder überschritten werden sollte. Dies ändert sich nun, indem größere Schwankungen um das Ziel herum toleriert werden.

"Damit ist der Druck reduziert, mit Zinserhöhungen gegenzusteuern", erläuterte Ralf Umlauf von der Landesbank Hessen-Thüringen: "Kurzfristig bestehen keine Zweifel an einer fortgesetzt ultralockeren Geldpolitik der Fed und die heute eingeleitete Strategieänderung der Fed lässt dies mehr als bisher auch für die mittlere Frist erwarten." Die Fed hat den Leitzins in der Corona-Krise auf die Spanne von null bis 0,25 Prozent gesenkt und signalisiert, noch längere Zeit daran festhalten zu wollen.

Weiter mehr als eine Million neue Arbeitslosenmeldungen

Unterdessen ist die Zahl der wöchentlichen neuen Arbeitslosenmeldungen in den USA bei mehr als einer Million geblieben. In der Woche vom 16. bis 22. August hätten sich etwas mehr als eine Millionen Menschen neu arbeitslos gemeldet, gab das US-Arbeitsministerium am Donnerstag bekannt. Im Vergleich zur Vorwoche sank die Zahl damit leicht – um 98.000 – wie von Analysten im Vorfeld erwartet.

Mitte August waren die neuen Arbeitslosenmeldungen wieder über die Millionenmarke gestiegen. Anfang August waren sie erstmals seit März vorübergehend unter eine Million Menschen pro Woche gesunken.

Im Zuge der durch die Coronavirus-Pandemie ausgelösten Wirtschaftskrise haben Millionen Menschen in den USA ihre Jobs verloren. Inzwischen werden vielerorts zwar wieder Beschäftigte eingestellt, gleichzeitig werden aber immer noch viele Menschen entlassen. (reuters/kle)