Bei der ersten Zinssitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) nach der Sommerpause werden wohl neue hauseigene Wirtschaftsprognosen und der jüngste Kursanstieg des Euro die Debatte bestimmen. Auch der Anstieg der Coronazahlen bereitet Kopfzerbrechen.

Der Konjunkturabsturz im Euroraum in Folge der Viruskrise im zweiten Quartal war zwar etwas weniger scharf ausgefallen als die EZB erwartet hatte. Dennoch bleibt die Unsicherheit über den Verlauf der wirtschaftlichen Erholung hoch. Denn in manchen Ländern stiegen die Coronazahlen zuletzt wieder an. Volkswirte rechnen damit, dass die Währungshüter um Notenbank-Chefin Christine Lagarde erst einmal abwarten und keine großen neuen Stützungsschritte beschließen. "Es sollte ein Platzhalter-Treffen sein im Vorfeld von Schritten später im Jahr", schreiben die Experten der Bank of America.

Der Leitzins, der seit März 2016 auf dem Rekordtief von 0,0 Prozent steht, wird wohl nicht angetastet. "Angesichts eines schwachen und unsicheren Ausblicks wird die EZB wahrscheinlich die Notwendigkeit für eine anhaltende geldpolitische Unterstützung betonen", erwarten die Ökonomen der US-Bank Morgan Stanley. Trübe Inflationsdaten riefen zwar zum erneuten Handeln auf. Aber das inzwischen auf 1,35 Billionen Euro angelegte Pandemie-Anleihenkaufprogramm PEPP biete der EZB immer noch reichlich Ressourcen. Daher sei jetzt noch nicht mit einer Aufstockung zu rechnen. Erst für 2021 erwarten die Experten eine Ausweitung um 400 Milliarden Euro. Andrew Kenningham, Volkswirt bei Capital Economics, geht davon aus, dass die EZB das Programm im März 2021 um 500 Milliarden Euro erhöhen wird. Die Experten der Bank of America erwarten eine Erhöhung um dieses Volumen bereits auf der Dezember-Sitzung.

Kaum Inflation im Euro-Raum

Die Verbraucherpreise im Währungsraum waren im August um 0,2 Prozent gesunken, was seit Mai 2016 das erste Mal war. Damit entfernt sich die Inflation wieder deutlich von der Zielmarke von knapp zwei Prozent, die die EZB als Idealwert für die Wirtschaft anstrebt - und seit Jahren verfehlt. "Was die Inflation angeht, so gibt es Gründe, besorgter zu sein", meint Anatoli Annenkow, Volkswirt beim französischen Bankhaus Societe Generale. Er rechnet damit, dass die Notenbank bei den neuen hauseigenen Projektionen ihre Inflationserwartungen etwas zurückschrauben wird. Bei den neuen Wachstumsprognosen der EZB rechnen manche Volkswirte dagegen mit einer leichten Anhebung der Erwartungen. "Hier sehen wir durchaus Spielraum, dass die Konjunkturaussichten für das kommende Jahr etwas zuversichtlicher beurteilt werden", meint DZ Bank Analyst Christian Reicherter.

Kopfschmerzen dürfte der EZB auf der Sitzung allerdings der jüngste Anstieg des Euro bereiten. Gegenüber dem Dollar hat die Gemeinschaftswährung seit Mitte Mai rund zehn Prozent zugelegt. Angesichts einer nach wie vor unsicheren konjunkturellen Erholung kommt dies den Eurowächtern höchst ungelegen. Denn damit werden Produkte aus der Eurozone auf dem Weltmarkt tendenziell teurer, was ihre Wettbewerbsfähigkeit schmälert.

Für Carsten Brzeski, Chefvolkswirt Eurozone der ING Bank, ist die Zinssitzung wegen des Euroanstiegs auch ein Kommunikationstest für EZB-Chefin Lagarde: "Wie den Euro mäßigen, ohne dabei unerwünschte Börsen-Bewegungen zu verursachen?" Lagarde wisse, dass es schwer sei, einen Trend am Devisenmarkt umzukehren. Aber das ist für Brzeski nicht das Allerwichtigste. "Was am meisten zählen wird nächste Woche, ist die Frage, ob der starke Euro bereits die Tür geöffnet hat für mehr geldpolitischen Stimulus in den kommenden Monaten." (apa/reuters)