Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) hat vor milliardenschweren Folgen für die deutsche Wirtschaft durch den zuletzt verschärften Brexit-Streit gewarnt. Allein der Automobilbranche drohten ohne Handelsabkommen mit Großbritannien Zölle in Höhe von mindestens zwei Milliarden Euro, sagte DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben der "Augsburger Allgemeinen" (Montagausgabe).

Das Automobilgeschäft stellt nach seinen Angaben den größten Anteil am Handelsvolumen zwischen Deutschland und Großbritannien. "In der Wirtschaft wächst die Sorge vor einem Scheitern der Brexit-Verhandlungen", sagte Wansleben. Es gebe eine "neue Unsicherheit". Die Regierung des britischen Premierministers Boris Johnson hatte vor einigen Tagen überraschend angekündigt, einseitig den im Jänner mit der EU verabschiedeten Brexit-Vertrag ändern zu wollen. Dabei geht es unter anderem um die Aussetzung von Zollregelungen im Warenhandel für die Provinz Nordirland.

Deutsche Exporte um 22 Prozent gesunken

Das Vorhaben der britischen Regierung belastet die laufenden Verhandlungen über die künftigen Beziehungen und ein Handelsabkommen zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich. Wansleben sagte, bereits die Brexit-Unsicherheiten der Vergangenheit hätten "deutliche Spuren" in den Wirtschaftsbeziehungen hinterlassen. Seit dem Brexit-Referendum 2016 seien die deutschen Exporte nach Großbritannien merklich gesunken - von 89 Milliarden Euro im Jahr 2015 auf 79 Milliarden Euro 2019. Dadurch sei das Vereinigte Königreich von Rang 3 auf Rang 5 der wichtigsten Exportmärkte Deutschlands abgerutscht.

Der Trend setze sich in diesem Jahr fort und werde durch die Corona-Krise noch zusätzlich verschärft, sagte der DIHK-Hauptgeschäftsführer. So seien die deutschen Exporte nach Großbritannien zwischen Jänner und Juli um fast 22 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gesunken.

Das Unterhaus in London beginnt an diesem Montag mit Beratungen über das Vorhaben der Regierung, den Brexit-Vertrag vom Jänner einseitig zu ändern. Die Debatte über den entsprechenden Gesetzentwurf dürfte hitzig werden, da auch einige Abgeordnete von Johnsons konservativen Tories dieses Vorgehen ablehnen.

Größte Entlassungswelle seit vielen Jahren droht

Großbritannien steckt einer Studie zufolge wegen der Coronarezession in der größten Entlassungswelle seit vielen Jahren. Mindestens 650.000 Menschen dürften zwischen Juli und Dezember 2020 ihre Jobs verlieren, wie die unabhängige Forschungsorganisation Institute for Employment Studies am Montag in London mitteilte.

"Leider scheint ein Großteil dieser Umstrukturierung jetzt unvermeidlich zu sein", hieß es in der Studie. Die angekündigten Entlassungen würden mehr als doppelt so hoch ausfallen wie während der Rezession 2008/09 in der Finanzkrise.

Das Institut rät der Regierung zum Gegensteuern - etwa durch die Senkung der Beschäftigungskosten. Auch könnten Branchen und Bereiche, die längerfristig lebensfähig sind, "gezielte" Lohnzuschüsse bekommen. Finanzminister Rishi Sunak widersetzt sich bisher Forderungen nach einer Verlängerung des Coronaprogramms zur Jobsicherung, das Ende Oktober auslaufen soll. Arbeitgeberverbände drängen ihn, die Sozialversicherungsbeiträge zu senken, um den erwarteten Anstieg der Arbeitslosigkeit abzuschwächen.

Die britische Wirtschaft ist im Frühjahrsquartal um mehr als ein Fünftel abgestürzt. Zum Vergleich: Das deutsche Bruttoinlandsprodukt sank mit 9,7 Prozent weniger als halb so stark.

Branche warnt vor Zöllen und Kosten, die Zulieferer und Jobs gefährden

Die europäische Autobranche schlägt Alarm und warnt für den Fall eines Brexit ohne Handelsvertrag vor Milliardenkosten. Neuen Berechnungen zufolge würden bei einem "No Deal" die EU- und die britische Autobranche über die kommenden fünf Jahre insgesamt 110 Milliarden Euro Einbußen erleiden, teilte der europäische Branchenverband Acea am Montag in Brüssel mit.

Großbritannien ist zwar schon am 31. Jänner aus der EU ausgetreten. Doch gelten in einer Übergangsfrist bis zum 31. Dezember EU-Regeln im Vereinigten Königreich weiter. Der wirtschaftliche Bruch kommt erst dann. Um Zölle und hohe Kosten zu vermeiden, verhandeln beide Seiten seit Monaten über einen Handelspakt. Die Gespräche stocken aber seit langem.

Acea betonte, ohne Vertrag müssten sich vom 1. Jänner 2021 an beide Seiten an die Vorgaben der Welthandelsorganisation (WTO) halten. Demnach würden für Autos 10 Prozent Einfuhrzoll fällig sowie bis zu 22 Prozent auf Liefer- und Lastwagen. "Solche Zölle - weit höher als die geringen Margen der meisten Hersteller - müssten mit ziemlicher Sicherheit an die Verbraucher weitergegeben werden, was Fahrzeuge teurer macht, die Auswahl verringert und die Nachfrage beeinträchtigt", hieß es in der Mitteilung, die auch vom deutschen Branchenverband VDA unterzeichnet wurde.

Auch Zulieferer gefährdet

Ein Austritt Großbritanniens aus der EU ohne Handelsvertrag gefährde auch Zulieferer, zahlreiche Jobs gerieten in Gefahr. Der Verband forderte die Verhandlungsführer auf, alles Mögliche zu tun, um doch noch bis zum Jahresende einen Handelsvertrag zu vereinbaren.

VDA-Präsidentin Hildegard Müller warnte angesichts von mehr als 100 Produktionsstandorten der EU-Hersteller in Großbritannien vor großen Schäden durch die Einführung von Zöllen. "Dies würde eng miteinander verbundene Wertschöpfungsketten gefährden und möglicherweise unrentabel machen", sagte sie der Mitteilung zufolge.

Die britische Autoindustrie ist stark auf den Export in die EU ausgerichtet. Im vergangenen Jahr wurden im Vereinigten Königreich rund 1,3 Millionen Passagierautos produziert. (apa, Reuters, dpa, afp)