Das Coronavirus greift auch die wichtigsten heimischen Exportmärkte an. Wohin man blickt: kein Grund zum Feiern. Die heimischen Ausfuhren sind heuer bis Juni gegenüber der Vorjahresperiode um 12 Prozent auf 68,5 Milliarden Euro eingebrochen. Noch stärker zurückgegangen sind die Importe mit minus 13 Prozent auf 69,7 Milliarden Euro, wie aus den vorläufigen Zahlen der Wirtschaftskammer Österreich hervorgeht.

Ein Blick auf große Absatzmärkte wie Deutschland, Großbritannien und Polen verdeutlicht, dass das erste Corona-Jahr auch für die Exportwirtschaft eine große Herausforderung bedeutet: Sogar das weltgrößte Volksfest, die Münchner Wiesn, ist abgesagt, der britische Premier und Chef-"Brexiteer" Boris Johnson bleibt in den Verhandlungen mit der EU zu den neuen Handelsbeziehungen auch in der Pandemie kompromisslos auf Konfrontationskurs und nicht nur in Wien, sondern auch in Polen steigen derzeit die Infektionszahlen, vor allem in Krakau, Schlesien und Warschau.

Alles keine guten Nachrichten für die Exportnation Österreich - und zuletzt auch noch die deutsche Reisewarnung für Wien, die dem ohnedies bereits geschwächten Tourismus noch weiter zusetzen wird, insbesondere der Stadthotellerie.

Das sei nun "die Portion Bitternis, die wir in den Tee bekommen", vermerkte der WKÖ-Wirtschaftsdelegierte in München, Andreas Haidenthaler, am Donnerstag im Gespräch mit der APA. Deutschland ist nicht nur der - mit großem Abstand - bedeutendste Zielmarkt für heimische Lieferungen, sondern auch der wesentlichste Herkunftsmarkt im Tourismus. Die deutschen Urlauber stellen fast die Hälfte aller Nächtigungen in den heimischen Hotels, Pensionen und Ferienwohnungen - in der Sommersaison sind es in normalen Jahren rund 40 Prozent, im Winter fast 50 Prozent.

Deutsche Wirtschaft im ersten Quartal um ein Zehntel abgesackt

Berufliche Reisen und Gütertransporte sind den Angaben zufolge aber von den Regelungen betreffend Quarantäne bzw. Corona-Tests ausgenommen. "Auch im schärfsten Lockdown war es möglich, ungehindert nach Deutschland zu reisen, private Reisen allerdings sind jetzt einmal eingeschränkt, und das ist vom Psychologischen her gesehen nicht so positiv", so der Handelsdelegierte. "Deutschland ist der wichtigste Handelspartner Österreichs - allerdings auch in Krisenzeiten sitzen wir im gleichen Boot."

Bereits im ersten Quartal 2020, also gerade erst im Anlaufen der Coronavirus-Pandemie, sackte die deutsche Wirtschaft um 10 Prozent ab. "Es gibt allerdings ein paar positive Anzeichen", betonte Haidenthaler. So prognostiziere das Münchner Ifo-Institut für 2021 schon wieder ein BIP-Wachstum von 6,4 Prozent und liege damit über der Einschätzung der OECD (plus 4,6 Prozent). Und auch für das laufende Jahr hätten sich die Erwartungen Monat für Monat verbessert - die OECD etwa rechnet für heuer nur noch mit einem Wirtschaftseinbruch von 5,4 Prozent für Deutschland.

Ein weiterer Lichtblick sei die derzeitige Nachfrage aus Fernost. "Asien spielt für Deutschland eine Riesenrolle - zwei Drittel aller deutschen Fahrzeuge gehen nach Asien und das zieht wieder an, das ist auch für Österreich gut", stellte der Wirtschaftsdelegierte fest.

Ebenfalls als äußerst positiv bewertete Haidenthaler die milliardenschweren Hilfsprogramme der deutschen Regierung zum Schutz von Jobs und Firmen während der Corona-Krise. "Der politische Wille ist auf jeden Fall da", sagte Haidenthaler und verwies auf Themen wie Infrastruktur, Nachhaltigkeit, Digitalisierung, Rückholung von Produktionen und kürzere Lieferwege. "Da gibt es viele Chancen für Österreich." Zwischen Jänner und Juni gingen die heimischen Warenexporte nach Deutschland jedenfalls noch um fast 9 Prozent auf 20,8 Milliarden Euro zurück.

"Mageres Freihandelsabkommen" mit UK wahrscheinlich

Die künftigen Beziehungen der EU mit dem Vereinigten Königreich, das per 1. Februar 2020 - also kurz vor Corona - aus der Europäischen Union ausgetreten ist, laufen auf "ein mageres Freihandelsabkommen" hinaus, erwartet der österreichische Wirtschaftsdelegierte in London, Christian Kesberg. "Die Briten wollen möglichst unabhängig sein und der Brexit-Premier will nicht als Weichling dastehen." Eine reumütige Rückkehr der Briten in die Union gehöre ins Reich der Fantasie.

Vor Corona habe die Bevölkerung beziehungsweise die Johnson-Regierung noch Angst vor den Folgen eines harten Brexits gehabt, so Kesberg. "Diese werden nun im Kielwasser der Covid-19-Pandemie verschwinden." Das Problem sei, "dass Boris Johnson eine Spielernatur ist, und die Corona-Krise deckt alles zu", meint Kesberg. Sorge bereiteten der dortigen Regierung derzeit in erster Linie die Unabhängigkeitsbestrebungen Schottlands.

Kommt es zu keiner anderslautenden Einigung zwischen Johnson und der Europäischen Union, gelten ab 1. Jänner 2021 auch für alle EU-Länder im Austausch mit Großbritannien die WTO-Regeln. Das bedeutet unter anderem komplizierte und kostspielige Zollverfahren, Probleme bei der Anerkennung von Standards, beim Datenschutz und auch bei der Entsendung von Mitarbeitern und Fachkräften.

Doch Kesberg beruhigt: "97 Prozent des Liefergeschäfts werden von Firmen gemacht, die sich vorbereitet haben." Dazu hätten sie jetzt auch einige Jahre Zeit gehabt. Das Referendum zum EU-Austritt der Briten fand im Juni 2016 statt. Doch für kleine und mittlere Unternehmen, die regelmäßig nur um die 30.000 Euro pro Jahr lieferten, "ist es schwierig, weil es sich vielleicht nicht rechnet, da alle Auswege mit Kosten verbunden sind".

Austro-Exporte nach Großbritannien zuletzt ein Fünftel weniger

Die österreichischen Lieferungen nach Großbritannien sanken heuer im ersten Corona-Halbjahr massiv um 22 Prozent auf 1,8 Milliarden Euro. "Mies ist die Lage für Automobilzulieferer, alle Erweiterungsinvestitionen liegen auf Eis - wir hoffen, dass es 2021/2022 zu einem Nachrüstungsschub kommt", so der Handelsdelegierte. Die heimischen Exporte ins Vereinigte Königreich bestünden fast zu einem Fünftel aus lohngefertigten Pkw, die die Firma Magna für Landrover herstelle. "Das ist zu einem guten Teil weg."

Selbst während der Corona-Krise kaum zurückgegangen sind hingegen die österreichischen Exporte nach Polen. Das Minus lag heuer im ersten Halbjahr bei nur einem Prozent auf 2,6 Milliarden Euro. "Polen gehört zu den Gewinnern aus den EU-Zahlungen, die Regierung nimmt die Drohungen bezüglich 'Green Deal' ernst und will von Kohlekraftwerken umsteigen auf Offshore-Windkraftwerke in der Ostsee und Photovoltaik-Anlagen im ganzen Land", berichtete der Wirtschaftsdelegierte in Warschau, Konstantin Bekos.

Polen brauche auch etwa 2.000 Biogasanlagen. Weiters sei eine Schnellzugverbindung von Danzig im Norden nach Krakau im Süden geplant, verbunden mit den entsprechenden Investitionsprogrammen der Regierung. "Es ist ein Riesenpotenzial, das österreichische Firmen hier wahrnehmen können", hielt Bekos fest. (apa/kle)