Europas Bankenmarkt ist in Bewegung. Immer wieder war zuletzt von Fusionen und Übernahmen zu hören. In Italien brachte die Intesa Sanpaolo vor gut zwei Monaten den Kauf der Ubibanca unter Dach und Fach. Mitte September kam dann aus Spanien die Meldung, dass sich die Caixabank, die mit knapp 10 Prozent an der österreichischen Erste Group beteiligt ist, und Bankia zum größten Geldinstitut des Landes zusammenschließen.

Aber auch in der Schweiz könnten bald die Hochzeitsglocken läuten. Dort prüft die UBS gerade ein Zusammengehen mit ihrer Konkurrentin Credit Suisse und lotet dabei verschiedene Möglichkeiten aus.

In Deutschland wiederum gelten die Deutsche Bank und die Commerzbank schon länger als heiße Fusionskandidaten. Aus einer gemeinsamen Ehe ist im Vorjahr zwar nichts geworden, die Gespräche wurden bereits nach wenigen Wochen gestoppt. Doch beide Institute stecken in den roten Zahlen und sind wohl über kurz oder lang zu einem Schulterschluss mit einem Wettbewerber gezwungen. Für die Deutsche Bank ist eine Großfusion vor 2022 allerdings "kein Thema", wie ihr Vorstandschef Christian Sewing kürzlich wissen ließ.

Eine nicht unwesentliche Rolle bei der Konsolidierung des europäischen Bankensektors könnte künftig auch die italienische Großbank Unicredit, die Mutter der Bank Austria, spielen. Und das, obwohl ihr CEO, Jean Pierre Mustier, erst vor wenigen Tagen erklärte: "Wir haben eine klare Nachricht: keine Fusionen und Übernahmen." Denn in der Vergangenheit hatte der Franzose wiederholt betont, er wolle zunächst einmal seine Bank fit trimmen, ehe eine Fusion in Frage komme. Immer wieder waren dabei Spekulationen hochgekocht, Unicredit sei an der Commerzbank interessiert.

Umdenken bei Aufsicht bezüglich Großfusionen

Dass das Fusionskarussell Fahrt aufnimmt und sich weitere Zusammenschlüsse großer Institute abzeichnen, macht die Bankenaufseher in der Europäischen Zentralbank (EZB) unterdessen nicht nervös. Früher - vor allem in den Jahren nach der Weltfinanzkrise 2008/09 - war die Debatte in Europa aus Rücksicht auf die Steuerzahler noch stark von der Frage geprägt gewesen, welche Risiken für das Finanzsystem von großen Banken ausgeht. Doch mit der Corona-Krise sei "ein gewisser Sinneswandel eingetreten", wie es aus der Finanzbranche heißt. Die Aufsichtsbehörden seien nun bereit, diese Frage neu zu bewerten. Das bedeutet, dass sie gegenüber Zusammenschlüssen großer Bankinstitute anders als in der Vergangenheit eine offenere Haltung einnehmen.

"Konsolidierung kann zu Effizienzsteigerungen führen und so sichere und stabilere Banken schaffen", erklärt Peter Breyer von der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB), ein führender Experte in der Bankenaufsicht, vor diesem Hintergrund. Wifo-Ökonom und -Bankenexperte Thomas Url hält dazu ergänzend fest: "Wenn Banken eine höhere Profitquote haben, ist das für Aufsichtsbehörden eine bessere Welt."

Mit Blick auf weitere mögliche Fusionen in der Branche sagte der Chef der EZB-Bankenaufsicht, Andrea Enria, erst unlängst in einem Interview, der Bedarf an Konsolidierung sei immer noch da. "Wir sehen immer noch Überkapazitäten, die auf den Gewinnen und der Kosteneffizienz der Banken lasten."

Für Breyer ist daher "eine langfristige Konsolidierung in Europa und auch in Österreich aufgrund der niedrigen Zinsmargen und des scharfen Wettbewerbs durch neue Player alternativlos". Für Österreich rechnet Url jedoch nicht mit Fusionen großer Institute, weil das wettbewerbsrechtlich problematisch wäre. Am ehesten werde es zu weiteren Zusammenschlüssen im Raiffeisen-Bankensektor kommen, glaubt der Wifo-Experte.

Aktuell sorgen bei Banken freilich auch die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie für hohen zusätzlichen Druck, etwas zu tun, um dem teilweise drastischen Rückgang der Profitabilität und dem Abschmelzen von Eigenkapital Paroli zu bieten. Vor allem Fusionen können dabei helfen, durch das Heben von Synergien Fixkosten zu senken. Indem etwa das gemeinsame Filialnetz von Überschneidungen befreit, die IT vereinheitlicht und Doppelgleisigkeiten in der Verwaltung (auch im Zusammenhang mit den komplexen Berichtspflichten an die Aufsichtsbehörden) beseitigt werden. "Bei Finanzdienstleistungen ist für Banken ja nicht mehr viel Wachstum herauszuholen", so Url.

Die Investmentbank Morgan Stanley hat zuletzt eine Reihe größerer Bankenfusionen in Europa unter die Lupe genommen. Das Ergebnis ihrer Untersuchungen: Vor allem beim Juniorpartner eines Zusammenschlusses können die Kostensynergien doch einiges ausmachen. Sie reichen von 17 Prozent der Kosten bei dem 2017 erfolgten Kauf der portugiesischen BCI durch die Caixabank bis zu 40 Prozent bei der ebenfalls 2017 fixierten Übernahme der spanischen Banco Mare Nostrum durch Bankia. Beim jüngsten Zusammenschluss von Intesa Sanpaolo und Ubibanca liegen die Synergien bei 21 Prozent der Kosten.

Börsen bewerten Banken momentan extrem niedrig

Im Übrigen führt OeNB-Mann Breyer die zuletzt bekanntgegebenen Fusionen auch auf die "extrem niedrigen Bewertungen der Banken am Kapitalmarkt" zurück. "Europäische Banken notieren aktuell nur zum halben Buchwert, wodurch sich natürlich die Chance für die übernehmende Bank ergibt, Expansionsmöglichkeiten und Effizienzgewinne zu einem sehr niedrigen Preis zu bekommen."