Der aus Wien stammende Vordenker Peter Drucker stellt den Kurs für die Wissensgesellschaft und ihre Ökonomie klar: "Um Wissen produktiv zu machen, müssen wir lernen, sowohl den Wald als auch den einzelnen Baum zu sehen. Wir müssen lernen, Zusammenhänge herzustellen."

Die Sache mit dem produktiven Wissen ist übrigens, anders als das heute vielfach behauptet wird, keine Hexerei. Wir wissen längst, was wir wissen sollten: "Wissen existiert dort, wo etwas erklärt und verstanden werden kann", hat der österreichische Philosoph Konrad Paul Liessmann geschrieben. Wissen ist, was man versteht - und verständlich macht. Wissen ohne Können ist aber eine halbe Sache, und die Frage ist: Sind wir in der Lage, die Erkenntnis auch umzusetzen? Was müssen wir tun - und lassen -, um die Welt wieder zu verstehen? Wie werden wir "kontextkompetent"?

"Wer den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht, sollte vielleicht mal schauen, wie viele alte Bretter die Sicht auf die Welt vernagelt haben", schreibt Gastautor Wolf Lotter. - © apa/dpa/Patrick Pleul
"Wer den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht, sollte vielleicht mal schauen, wie viele alte Bretter die Sicht auf die Welt vernagelt haben", schreibt Gastautor Wolf Lotter. - © apa/dpa/Patrick Pleul

Kontextkompetenz bedeutet, Wissen alltagstauglich zu machen - also verstehbar und verständlich, so, dass es für uns und unser Leben passt. Erst so wird es produktiv. Kontextkompetenz, die Fähigkeit, Zusammenhänge herzustellen, ist in der Wissens- und Netzwerkökonomie eine Grundlage allen Handels und Verstehens. Wer Zusammenhänge erschließt und für andere zugänglich macht, erschließt Lösungen, Antworten, Aussichten. Komplexität ist eine Ressource, kein Problem.

Zusammenhänge sind nicht einfach nur die Mehrzahl von Zusammenhang. Sie sind das Gegenteil davon. Der Zusammenhang ist jener Glaube an die Einheit, das Universalistische, die Gleichheit, die das Abendland so stark geprägt hat. Ein Gott, eine Partei, ein Volk, eine Gesellschaft, ein Team, eine Haltung, eine Meinung.

Wissensgesellschaft aber bedeutet, sich von einem Zusammenhang - der Einheit - abzuwenden und Zusammenhänge - die Vielfalt - zu erkennen. Die neue These zur Transformation, ganz gleich, ob es dabei um Energie, Klima, Gesellschaft und Wirtschaft geht, lautet: Bisher wurde Komplexität nur verschieden reduziert, es geht aber darum, sie zu erschließen.

Content was King

Dabei sind wir weiter, als es der alten Kultur der einfachen Antworten zulässt. Als das Internet durch das World Wide Web, dem Kind des Programmierers Timothy Berners-Lee, zum Laufen gebracht wurde, gab es bald den Satz: Content is king. Alles dreht sich um den Inhalt. In den Netzwerken werden aber ständig neue Beziehungen eingegangen. Sie dauern nicht ewig, manche nur eine Transaktion lang. Aber sie sind um nichts weniger wert als jene scheinbare Dauerhaftigkeit, die unsere Kultur uns so nahelegt.

Die Netzwerkbeziehungen existieren, wie ihre Ökonomie, jeweils. Es sind Gespräche, die wir anlassbezogen führen, Dialoge, bei denen wir immer neue Zusammenhänge entwickeln. Context is king. Diese Zusammenhänge vereinigen Sinn, Zweck und tragen auch die Codes für die künftigen Lösungen in sich, weil sie statt identitären Abgrenzungen sozialen Erweiterungen folgen. Dann geht es nicht mehr darum, recht zu haben. Es geht darum, verstanden zu werden - und dadurch den Dialog anzustoßen, aus dem neue und bessere Lösungen und Antworten entstehen. Wer den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht, sollte vielleicht mal schauen, wie viele alte Bretter die Sicht auf die Welt vernagelt haben.

Die Wissensgesellschaft und ihre Netzwerkkultur lösen nämlich ein besonders starres (und starrsinniges) Gebilde ab, den Industrialismus, der besonders auf Masse, Einheit Reduktion versessen war. Seine wichtigste Waffe war eine, mit der man aber - scheinbar paradox - besser differenzieren lernen konnte, die Arbeitsteiligkeit, die Spezialisierung. In ihr verliert sich früh der Sinn und Zweck von Arbeit, Leben und Konsum. Statt eines "immer besser" haben wir ein "immer mehr vom Gleichen" angestrebt. Eine Routine, die den Fortschritt ersetzt.

Das Versprechen der Aufklärung, von der Entmündigung zur Selbstbestimmung fortzuschreiten, wird dadurch in Frage gestellt. Mündige Bürger, Zivilgesellschafter, müssen ihre Welt verstehen, damit sie in ihr auch nur versuchen können, selbstbestimmt zu entscheiden. Aber wir produzieren neue Entfremdete, jenen Typ der Moderne, vor dem Karl Marx schon warnte. Es sind jene, die auf Unsicherheit nicht mit dem Versuch, Erkenntnis zu gewinnen - Zusammenhänge zu schaffen -, reagieren, sondern erst mit Angst und dann mit Wut. Das ist nicht neu, hat aber immer wieder nur der Tyrannei das Feld bestellt. Und nicht besser ist jenes Dahinleben ohne Verstehenwollen, wie es in der späten Konsumgesellschaft zur Normalität geworden ist. Im Trott von Arbeit und Einkaufen, so hat es Hannah Arendt erkannt, blüht jene "Weltlosigkeit", die sich nicht mehr um sich selbst und andere kümmern kann und auch nicht mehr mag. Wer sich nicht selbst helfen will, der kann auch nichts für andere tun. Eigensinn und Empathie kann man eben nicht voneinander trennen. Was kann man tun, um die Welt wieder besser zu verstehen?

Erstens gehört dazu Kulturkritik im Sinne des Erkennens, was Vereinheitlichung und Sprachlosigkeit anrichten können. Wie kommen Zusammenhänge zustande, und wie lösen wir überholte Zusammenhänge auf? Wie nützen wir Vielfalt? Dann geht es um kritisches Technikverstehen, um die Frage, was Technik ist und kann - und wie man über sie souverän, persönlich entscheidet. Wir sind keine Sklaven der Technik, sondern ihre Gebieter. Es ist damit natürlich auch nicht ausgemacht, dass die sogenannte Digitalisierung den Menschen dem Algorithmus untertan machen muss.

Kontextkompetenz in Technik heißt etwa zu verstehen, wie wir die neuen und vorhandenen Technologien nutzen können, welche brennenden Fragen der Erderwärmung damit in Verbindung stehen - wie etwa bei der Energiegewinnung für Mobilität - und eine nüchterne Rechnung aufzumachen. Es geht darum, die Blackbox der Technik, die sprichwörtliche Büchse der Pandora, zu öffnen und zu sortieren, zu verstehen und souverän zu unserem Werkzeug zu machen. Und nicht zu glauben, dass weniger Denken mehr bringen könnte.

Es geht um ein Verstehen ökonomischer Prozesse und Abläufe. Wer einfach nur wohlfeil "den Kapitalismus" beklagt und dann hofft, "die Politik" würde sich schon "kümmern", der muss sich nicht wundern, wenn er vom Regen in die Traufe gerät. Fakt ist: Wirtschaft ist ein elementarer Vorgang, der verstanden werden will, vor allem von jenen, die sich vorgenommen haben, es besser zu machen. Wer den Kapitalismus überwinden will, soll erst mal mit dem vorkapitalistischen Denken aufräumen, dass das Abendland seit Jahrtausenden unter seiner Fuchtel hat. Und dann kann man endlich, sortiert und die Zusammenhänge verstehend, sich aufmachen, eine Marktwirtschaft für das 21 Jahrhundert zu denken. Und damit auch Arbeit und einen wesentlichen Teil unseres Lebens, der Frage, wie wir diese Arbeit und Tätigkeit organisieren.

Neue Herausforderungen

Arbeit und Organisation im Zeitalter der Netzwerke stellen uns vor völlig neue Zusammenhänge. Kontextkompetenz bedeutet hier, Organisationen und Netzwerke als Spielfeld für Komplexität und Unterschiedlichkeit zu gestalten, was sie, wie wir sehen werden, ja eigentlich auch sind. Hier spielt die Überwindung des Schrebergartendenkens und der Fachidiotie eine entscheidende Rolle. Die wichtigste Führungsaufgabe ist es, den Kontext der Organisation klar und deutlich zu machen. Dieses Leadership erstreckt sich auf die Wissensarbeiter selbst. Sie haben eine Verpflichtung, sich zu erklären, das, was sie tun, deutlich zu machen.

Nicht zuletzt geht es um Bildung und eine neue Sicht auf Möglichkeiten und Varianten - den Wald und die Bäume. Hier wird es nötig sein, sich vom Universalismus zu verabschieden, der den Westen so sehr geprägt hat, und den Zauber des Humanismus wiederzuentdecken, den der Industrialismus und das mechanistische Denken fast zerstört haben.

Dazu brauchen wir keine "Haltung", keinen Starrsinn, kein Dogma, sondern das, was Stefan Zweig über den größten Humanisten Europas, Erasmus von Rotterdam, geschrieben hat, dessen "Lebensinn die harmonische Zusammenfassung der Gegensätze im Geiste der Humanität" war, also die Überwindung der Polarisierung und Rechthaberei, die die Politik und Gesellschaft heute wieder spaltet. Wer das 21. Jahrhundert verstehen und gestalten will, muss sich dem und den Anderen zuwenden, nichts anderes ist Kontextkompetenz in dieser Welt. Wir müssen einander verstehen und für das, was wir verstanden haben, um Verständnis werben.

Wir verstehen die neue Welt nur dann, wenn wir uns verständlich machen. Das ist eine persönliche Sache, die ohne die Anderen nicht auskommt. Wer den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr versteht, der muss zum Förster des neuen Denkens wer-den. Es besteht im Abschied von jener "Gemeinschaftlichkeit qua Gleichartigkeit", von der Francois Jullien spricht. "Nur wenn es uns gelingt, ein Gemeinsames zu fördern, das keine Reduktion auf das Uniforme darstellt, wird das Gemeinsame dieser Gemeinschaft aktiv sein." Das jeweils Ganze aus dem jeweils Verschiedenen also. Damit gilt für unsere Zeit: Sozial ist, was Vielfalt schafft. Das ist die Kernkompetenz des 21. Jahrhunderts.