Die Reichsten werden noch reicher, die Armen werden ärmer. Diese Ansicht wurde lange Zeit ins Reich der Mythen und Legenden von linken Träumern gerückt. Eine aktuelle Studie der Schweizer Großbank UBS und des Beratungsunternehmens PwC lässt diese Ansicht jedoch zur Gewissheit werden. Demnach sind die Vermögen der Milliardäre während der Corona-Krise nicht nur gestiegen, sondern erreichten sogar einen neuen Rekordstand.

10,2 Billionen Dollar in Wertpapieren, Firmenanteilen, Immobilien und weiteren Vermögenswerten besaßen die knapp 2200 Reichsten der Welt Ende Juli 2020. Das sind 1,3 Billionen Dollar mehr als beim bisherigen Spitzenwert aus dem Jahr 2017. Dieser belief sich noch auf 8,9 Billionen Dollar.

Doch warum werden die Reichen ausgerechnet in einer der größten Krisen der Menschheitsgeschichte noch reicher? Wie lässt sich diese Entwicklung erklären?

Klaus Prettner ist Professor für Volkswirtschaft an der Wirtschaftsuniversität in Wien. Die Profiteure der Krise seien eindeutig die Technologie-Unternehmen, sagt er. Ihre Aktienkurse liegen heute höher als noch vor Corona (siehe Grafik) und weit über ihrem je erreichten Höchststand. "Es gab zwar einen kurzen Einbruch im März. Mit den billionenschweren Staatshilfen ging es aber rasch bergauf", erklärt Prettner.

Investoren schichten ihre Gelder um

Durch die Bereitstellung der Staatshilfen und die Senkung der Leitzinsen, sanken auch die Erträge bei Staats- und Unternehmensanleihen. Die Investoren schichteten daher ihre Gelder in Aktien um. Vor allem in Unternehmen, die am meisten vom Lockdown profitierten. Das Ergebnis: Die Kurse der US-amerikanischen Tech-Firmen Facebook, Amazon, Apple, Microsoft und Tesla stiegen sprunghaft. Der reichste US-Amerikaner - und reichste Mensch der Welt -, Amazon-Chef Jeff Bezos, verfügt laut dem US-Magazin "Forbes" nun über ein Vermögen von 179 Milliarden Dollar (151 Milliarden Euro).

Auf Platz zwei und drei der Liste der 400 wohlhabendsten US-Bürger folgen Microsoft-Gründer Bill Gates und Facebook-Chef Mark Zuckerberg mit aktuell 111 beziehungsweise 85 Milliarden Dollar. Doch auch Technologie-Pioniere wie Tesla-Mastermind Elon Musk oder der chinesische Pharma-Unternehmer Zhong Huijhan konnten ihre Vermögen steigern.

Mehr als ein Drittel des Milliardärs-Vermögens entfällt auf die USA. Danach folgen China und Deutschland. In der größten europäischen Volkswirtschaft kommen die 119 Milliardäre auf ein Gesamtvermögen von 595 Milliarden Dollar.

Die Studie der Schweizer Großbank UBS und des Beratungsunternehmens PwC bestätigt mit ihren Zahlen aber auch den radikalen Wandel, der nun noch schneller die analoge Wirtschaftswelt in eine digitale umkrempelt. Während die Tech-Unternehmen Unmengen an Geld anhäuften, sank der Reichtum in Branchen wie Immobilien und Rohstoffen. Im Durchschnitt nahm daher die Anzahl der Milliardäre während der Pandemie nur marginal zu.

Gestern Start-up, heute Monopol

Die Tech-Konzerne konnten jedenfalls ihre Macht in der Krise ausbauen. Diese Tatsache beschäftigt nun auch den US-Kongress. Die Abgeordneten wollen die Profiteure der Krise zu einem faireren Wettbewerb zwingen. Auch von einer Zerschlagung "bestimmter dominanter Plattformen" ist in einem Untersuchungsbericht die Rede.

In einem am Dienstag veröffentlichten Bericht des Wettbewerbs-Unterausschusses im Repräsentantenhaus heißt es weiters: Unternehmen, die einst selbst "rauflustige Start-ups" gewesen seien, "haben sich in die Art von Monopolen verwandelt, wie wir sie zuletzt in der Ära der Öl-Barone und Eisenbahn-Magnaten gesehen haben." Konkret würden Amazon, Apple, Facebook und Google ihre Marktmacht missbrauchen. "Diese Firmen betreiben in der Regel den Marktplatz und agieren gleichzeitig als Wettbewerb dort."

Das ermöglicht den Konzernen, ein Regelwerk für andere zu schreiben, während sie selbst nach anderen Regeln spielten. Sie müssten niemandem außer sich selbst Rechenschaft ablegen.

"Unternehmen, die einst selbst rauflustige Start-ups waren, verwandelten sich in die Art von Monopolen, wie wir sie zuletzt in der Ära der Öl-Barone und Eisenbahn-Magnaten gesehen haben."

Unterausschuss US-Repräsentantenhaus

Auch in der EU haben die Hilfsgelder eine Dynamik in Gang gesetzt, die Reiche noch reicher - und Arme noch ärmer werden lassen. Die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank erreicht nicht ihr Ziel: "Je mehr Milliarden in die Hand genommen werden, desto stärker wird der Finanzmarkt und desto reicher werden die Reichen, die sich noch mehr Wohnungen und Aktien kaufen", sagt die Makroökonomin Elisabeth Springler. Damit würden die Wohnungspreise noch teurer, viele Haushalte erreichen immer häufiger ihr finanzielles Limit.

Nur, wie könnte diese Entwicklung aufgehalten werden? Was müsste getan werden, damit sich die Schere zwischen arm und reich wieder schließt?

Auf europäischer Ebene wurde zuletzt die Einführung einer Digitalsteuer diskutiert. Die Corona-Krise habe gezeigt, dass es ein einheitliches, faires System brauche, das dort besteuert, wo auch der wirtschaftliche Erfolg stattfindet, sagt Deutschlands Finanzminister Olaf Scholz (SPD). "Ein Greißler ums Eck kann nicht mehr Steuern zahlen als multinationale Konzerne", sagt auch ÖVP-Finanzminister Gernot Blümel.

Neben der Konzernbesteuerung würde es laut Elisabeth Springler ein weiteres effektives Mittel geben: Vermögens- und Erbschaftssteuern.

Doch diese Maßnahmen sind sicher wieder nur Ansichten aus dem Reich der Mythen und Legenden von linken Träumern.