Die AUA-Mutter Lufthansa kann im Jahr zwei der Coronakrise ihr Flugangebot bestenfalls in kleinen Schritten wieder aufbauen. "Vielleicht wäre im kommenden Jahr eine Erholung auf 50 Prozent des Vorkrisenniveaus möglich - vielleicht mit Geschäftsreisen bis zum Herbst 2021 sogar auf 60 Prozent", sagte Lufthansa-Vorstand Harry Hohmeister in einem am Dienstag veröffentlichten Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters.

"Aber das sind pure Spekulationen. Verlässliche Aussagen lassen sich dazu heute nicht treffen", betonte er. Voraussetzung seines Szenarios ist, dass die Pandemie besser unter Kontrolle und das Reisen bei negativem Coronatest möglich ist. Aber selbst mit einem Impfstoff werde es noch lange dauern, bis im Luftverkehr wieder "eine Art Normalität" einkehre.

Die mit Staatsgeldern gestützte Airline musste ihre Kapazität für den Winter kürzlich wegen der steigenden Covid-Infektionszahlen in Europa und den USA zurückschrauben. Das Angebot wird auf maximal 25 Prozent des Vorjahresvolumens reduziert statt zuvor erhoffter 50 Prozent. Momentan seien gut 350 der 760 eigenen Passagierflugzeuge des Konzerns im Einsatz.

Nur jeder zweite Sitz ist belegt

"Aktuell fliegen wir etwa 25 bis 30 Prozent der Frequenzen - und nur etwa jeder zweite Sitzplatz ist belegt", sagte der für das Geschäft der Netzwerk-Airlines Lufthansa, Swiss, Brussels und Austrian Airlines verantwortliche Manager. Demnächst werden weitere 125 Maschinen am Boden bleiben. "Wir erwarten ein schwaches erstes Quartal", ergänzte Hohmeister. Die Kapazität werde auf dem niedrigen Niveau des Schlussquartals verharren. Einen Hoffnungsschimmer zeigen die Vorausbuchungen: Für Juni seien sie bei Privatreisen fast schon wieder normal, für September an einzelnen Tagen schon besser als üblich.

Die teilverstaatlichte Lufthansa-Gruppe wird von ihren Heimatländern Deutschland, Schweiz, Österreich und Belgien mit insgesamt 9 Milliarden Euro Finanzhilfen, überwiegend Krediten, gestützt. Die Airline ist auf Schrumpfkurs mit massivem Personalabbau, da der Luftverkehr nach Branchenprognose erst bis Mitte des Jahrzehnts seine schwerste Krise der Nachkriegszeit ganz hinter sich lassen wird. Die Lufthansa-Flotte wird, einschließlich geleaster externer Maschinen, bis dahin dauerhaft um 150 auf 650 Flieger reduziert.

Die Lufthansa leidet finanziell am stärksten unter dem Einbruch von Geschäftsreisen und der Leere der lukrativen Business Class. Flüge nach China seien gut gefüllt, zum Teil mit Beschäftigten der dort aktiven deutschen Unternehmen. Bei USA-Flügen sei das Bild leider anders, erklärte Hohmeister. "Der klassische Geschäftsreisende ist im Moment sehr rar. Und ich gehe davon aus, dass das noch bis ins erste Quartal 2021 so bleiben wird." Irgendwann aber werde auch diese Kundschaft zurückkommen, um im direkten Kontakt Verträge anzubahnen. "Dass uns also langfristig 50 Prozent dieser Kunden fehlen, weil Geschäftsreisende nicht mehr fliegen, sehe ich nicht."

Die Luftfahrtbranche fordert, die ab 8. November geplante mindestens fünftägige Quarantänepflicht für Einreisende aus Risikoländern abzuschaffen und es bei einer Testpflicht zu belassen. "Quarantäne in Kombination mit sehr unterschiedlichen und unberechenbaren Reisewarnungen wirken abschreckend. Wir brauchen dringend einen anderen Umgang mit diesem Thema", forderte Hohmeister. Die Luftfahrt führt die geringe Infektionsrate Flugreisender ins Feld, findet damit bei der Politik bisher aber kaum Gehör.

Schon vor der Krise hatte der Airline-Konzern wegen des Trends zu weniger Geschäftsreisen, befeuert letztlich auch von der Klimaschutzdiskussion, beschlossen, das Angebot für Privatreisen auszubauen. Das touristische Langstreckengeschäft wird unter der Marke Eurowings wieder aufgebaut. "Wir werden im Winter mit bis zu drei Flugzeugen, im Sommer 2021 mit bis zu sieben Flugzeugen touristische Langstreckenflüge anbieten." Geplant sei eine stärkere Zusammenarbeit mit Reiseveranstaltern, die sich gut entwickle. "Windhuk, Barbados und Mauritius machen den Anfang, das wird weiter ausgebaut", ergänzte Hohmeister. Die Personalkosten müssten aber niedriger sein als bei der Premiummarke Lufthansa, um konkurrenzfähig zu sein. Stärkster Rivale in Deutschland ist der Ferienflieger Condor, der seine Kosten massiv schon vor der Coronakrise senkte, um die Pleite des Mutterkonzerns Thomas Cook zu überleben.(Reuters)