Ökonomen warnen angesichts stark steigender Covid-19-Infektionen und geplanter Gegenmaßnahmen vor einem Rückfall der deutschen Wirtschaft in die Rezession. Sollte der Lockdown so wie von der Bundesregierung in Berlin geplant kommen, dürfte das Bruttoinlandsprodukt im laufenden vierten Quartal nicht mehr wachsen, sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer am Mittwoch der Nachrichtenagentur Reuters.

"Stattdessen könnten wir uns über eine schwarze Null freuen, wobei das Risiko einer zweiten Rezession beträchtlich ist", sagte Krämer. "Hinzu kommt, dass viele Unternehmen wegen des ersten Lockdowns noch sehr geschwächt sind. Man kann die Wirtschaft nicht wie eine Lampe ein- und ausschalten, ohne dass es zu massiven Schäden kommt."

Ähnlich wird das vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) eingeschätzt. "Der Aufschwung wird sehr wahrscheinlich deutlich ausgebremst werden", sagte DIW-Konjunkturchef Claus Michelsen. "Es drohen wieder schärfere Einschränkungen des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens – das Pandemiegeschehen nimmt Verbraucherinnen, Verbrauchern und Unternehmen die Zuversicht." Und das in einer Zeit, in der viele Firmen noch mit den Folgen des Lockdowns vom Frühjahr kämpften und kaum noch finanzielle Reserven hätten.

Wirtschaft könnte noch weiter schrumpfen

"Sollte es zu drastischen Einschränkungen kommen, die deutlich über das bisher angekündigte Maß hinausgehen, könnte die Wirtschaft um bis zu zwei Prozent schrumpfen", sagte der Chefvolkswirt der Berenberg Bank, Holger Schmieding, mit Blick auf das laufende Quartal. Wenn sich die Lage in einigen Wochen wieder etwas entspannen sollte nach einer Zeit schärferer Maßnahmen, dürfte das für viele Händler so wichtige Weihnachtsgeschäft vor allem vom November in den Dezember und teils auf den Online-Handel verlagert werden. "Auch die Exportnachfrage aus China und den USA läuft derzeit gut", sagte der Experte. "Das gleicht einen Teil der möglichen Verluste in Europa aus."

Die Wirtschaft war wegen des ersten Lockdowns im Frühjahr mit 9,7 Prozent so stark eingebrochen wie noch nie. Für das zurückliegende Sommerquartal gehen von Reuters befragte Ökonomen von einem Wachstum von 7,3 Prozent aus. Das Statistische Bundesamt will eine erste Schätzung dazu an diesem Freitag veröffentlichen. Auch für das laufende vierte Quartal gingen Ökonomen bisher von einem Wachstum aus - das Münchner Ifo-Institut etwa rechnet mit plus 2,1 Prozent.

Bund plant drastische Maßnahmen

Die deutsche Bundesregierung schlägt den Ländern zur Eindämmung der Coronapandemie drastische Einschränkungen für den gesamten kommenden Monat vor. Ab 4. November sollen Gastronomie sowie alle Freizeit- und Sporteinrichtungen schließen, geht aus einer Reuters vorliegenden Vorlage des Bundes für die Verhandlungen von Kanzlerin Angela Merkel mit den Ministerpräsidenten am Mittwoch hervor. Zudem soll es massive Kontaktbeschränkungen geben. (apa)