Der Konflikt zwischen der Türkei und Frankreich rund um die Ermordung des französischen Geschichtslehrers Samuel Paty hat auch eine - nicht unwesentliche - wirtschaftliche Komponente. Zur Erinnerung: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan schoss sich auf Frankreichs Präsident Emmanuel Macron ein. Dieser hatte nach der islamistisch motivierten Ermordung eines Lehrers angekündigt, muslimische Einrichtungen und Moscheen strenger zu kontrollieren, und übte auch Kritik am Islam. Daraufhin rief Erdogan seine Mitbürger auf, französische Güter zu boykottieren.

Dicke Luft zwischen dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan (l.) und Frankreichs Emmanuel Macron. - © APAweb / afp
Dicke Luft zwischen dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan (l.) und Frankreichs Emmanuel Macron. - © APAweb / afp

Die Attacken und Boykottaufrufe sollen wohl auch von Problemen im eigenen Land ablenken. Die Türkei steckt in einer tiefen Wirtschaftskrise. "Die Mittelschicht wird zusehends ärmer", erklärt der Politologe Cengiz Günay im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Die türkische Lira befindet sich im freien Fall, aktuell beträgt die Inflationsrate 11,75 Prozent.

"Kurzfristig profitiert Erdogan vom Konflikt mit Frankreich"

Zugleich ist die Türkei stark vom Import abhängig. Dieser wiederum verteuert sich zunehmend durch den Kursverfall. "Das türkische Handelsdefizit wächst weiter", erklärt Günay. Seit Jahren schon sinkt die Produktion im eigenen Land, während der Dienstleistungssektor wächst. Die Corona-Krise verschärft das Problem nun weiter, weil auch der für die Türkei so wichtige Tourismussektor nun quasi stillsteht.

Kurzfristig profitiert Erdogan vom Konflikt mit Frankreich, so Günay. Langfristig könne er aber nicht über Misswirtschaft, fehlende Strukturreformen und auch über das Imageproblem seiner Regierung im Westen hinwegtäuschen. International sinkt das Vertrauen in die Türkei, was wiederum ausländische Investoren abschreckt.

Ein wesentlicher Grund für die hohe Inflation und andauernde Wirtschaftskrise ist der Verzicht der türkischen Nationalbank, den Leitzinssatz anzuheben. Dieser liegt derzeit bei 10,25 Prozent und damit deutlich unter der Inflation. Um massive Wertverluste zu vermeiden, legen deshalb viele Türken ihr Geld in US-Dollar, Euro oder in Immobilien an.

Erdogan gegen Zinserhöhung

Die Notenbank hat den Ruf, regierungsnah und Erdogan-treu zu sein. Von Wirtschaftswissenschaftern wird immer wieder kritisiert, dass die Zinsen angesichts der hohen Inflation nicht angehoben werden. Dass der Leitzins unter der Inflation bleibt, hat aber einen Grund: "Erdogan findet Zinsen schlecht", sagt Günay. Das habe auch einen religiösen Hintergrund, denn im Islam sind Zinsen "haram", also verboten. Eine Zinserhöhung würde den Kursverfall nicht ganz stoppen, aber wohl zumindest etwas eindämmen.

Der Kursverfall setzt zahlreichen türkischen Unternehmen stark zu. Während die Staatsverschuldung mit knapp über 30 Prozent der Wirtschaftsleistung als tragbar gilt, haben viele Unternehmen Kredite in einer ausländischen Währung aufgenommen, weil die Zinsen oft niedriger sind. Diese werden jetzt immer teurer. Andererseits werden durch die schwache Währung türkische Produkte im Ausland billiger.

Auch wenn Erdogan Macrons Angriff auf den Islam innenpolitisch gut für sich nutzen kann, steigt der Druck lang- und mittelfristig auf seine Regierung. So halte sich hartnäckig das Gerücht, dass der türkische Staat knapp vor der Pleite stehe und die Regierung auf die private Pensionsvorsorgekassen der Bürgerinnen und Bürger zugreifen könnte, erklärt Günay. Das verunsichert viele.