Die deutschen Unternehmen haben ihre Produktion im September den fünften Monat in Folge gesteigert. Industrie, Bau und Energieversorger fuhren ihre Erzeugung zusammen um 1,6 Prozent hoch, wie das Bundeswirtschaftsministerium am Freitag mitteilte. Ökonomen hatten mit einem Wachstum von 2,7 Prozent gerechnet. Allerdings wurde das Ergebnis vom August nach oben korrigiert: Statt des zunächst gemeldeten Rückgangs von 0,2 Prozent ergab sich nun ein Wachstum von 0,5 Prozent. "Das Produzierende Gewerbe kämpft sich Schritt um Schritt zurück", schrieb das Ministerium. Im Vergleich zum Februar - dem Monat vor Beginn der ersten Corona-Welle - ist die Produktion noch um 8,4 Prozent niedriger.

Ob der Schwung ausreicht, um Europas größte Volkswirtschaft im laufenden Herbstquartal vor einem erneuten Schrumpfen zu bewahren, ist ungewiss. Seit Montag gelten neue Einschränkungen, die vor allem die Dienstleister treffen. "Vermutlich gibt es in den kommenden Monaten eine zweigeteilte Konjunktur: robust in der Industrie, gefährdet im Dienstleistungsbereich mit großer Personennähe durch Lockdown und freiwilliges Abstandhalten der Kunden", sagte LBBW-Ökonom Jens-Oliver Niklasch. Eine schwere Rezession wie im ersten Halbjahr befürchten Experten aber nicht. "Die Industrie wird dazu beitragen, dass sich das zu befürchtende Minus beim Bruttoinlandsprodukt im vierten Quartal in Grenzen halten wird", sagte Commerzbank-Volkswirt Ralph Solveen.

Plus 2,0 Prozent bei exportabhängiger Industrie

Die exportabhängige Industrie allein fuhr ihre Produktion im September um 2,0 Prozent hoch. Sie zog zuletzt fünf Monate in Folge mehr Aufträge an Land, nachdem sie wegen der Corona-Rezession im In-und Ausland schwere Einbrüche verzeichnet hatte. "Die Auftragseingänge und das Geschäftsklima sprechen für die Fortsetzung des Erholungsprozesses, auch wenn dieser Pfad angesichts des Pandemiegeschehens noch steiniger wird", betonte das Ministerium.

So trübten sich die Produktionserwartungen für die kommenden Monate zuletzt ein. Das entsprechende Barometer fiel im Oktober um 2,6 auf 17,4 Punkte, wie aus der Konjunkturumfrage des Ifo-Instituts hervorgeht. "Die Industrie fährt das Tempo etwas herunter. Generell plant jedoch eine Mehrzahl der Branchen, ihre Produktion auszuweiten", sagte Ifo-Experte Klaus Wohlrabe. "Inwieweit die aktuellen Lockdown-Maßnahmen auf die Industrie durchschlagen werden, bleibt abzuwarten."

Das Bruttoinlandsprodukt ist im Sommerquartal im Rekordtempo von 8,2 Prozent gewachsen, nachdem es im Frühjahr wegen der Maßnahmen im Kampf gegen die Corona-Pandemie mit 9,7 Prozent so stark gefallen war wie noch nie. Im laufenden Quartal rechnen Experten mit einem Rückschlag wegen der neuen Corona-Beschränkungen.

Spotanalyse: Ökonomen zum erneuten Anstieg der deutschen Produktion im Detail

CARSTEN BRZESKI, ING:

"Die Industrie ist die einzige Hoffnung der deutschen Wirtschaft, eine Schrumpfung möglicherweise noch zu vermeiden. Trotz einer gewissen Abschwächung waren die Produktionserwartungen im Oktober immer noch hoch. Und die Auftragsbücher hatten sich nach der Aufhebung der Sperrmaßnahmen schnell wieder gefüllt. Unseres Erachtens sollte die Industrieproduktion diesen positiven Schwung noch in das vierte Quartal mitnehmen. Angesichts der jüngsten Lockdown-Maßnahmen, aber auch der schwächeren Auslandsnachfrage, dürfte diese positive Dynamik jedoch nicht ausreichen, um ein erneutes Schrumpfen der deutschen Wirtschaft zu vermeiden."

JENS-OLIVER NIKLASCH, LBBW:

"Das sind ganz ordentliche Zahlen für den September, zumal der August-Wert deutlich aufwärts revidiert wurde. Der Industrie scheint die Pandemie zumindest in den beiden genannten Monaten nicht mehr sehr geschadet zu haben. Vor allem die kräftige Zunahme in der Automobilindustrie ist bemerkenswert. Wir liegen noch um rund acht Prozent unter dem Vorkrisenwert, das könnte vielleicht in einem halben Jahr aufzuholen sein. Vermutlich gibt es in den kommenden Monaten eine zweigeteilte Konjunktur: robust in der Industrie, gefährdet im Dienstleistungsbereich mit großer Personennähe durch Lockdown und freiwilliges Abstandhalten der Kunden." (Reuters)