Branchen wie Luftfahrt, Tourismus und Gastronomie können durch neue Hoffnung auf einen bald zur Verfügung stehenden wirksamen Corona-Impfstoff jubeln. Ablesbar ist dies an den weltweiten Kurssprüngen von Aktien "reisenaher" und konjunkturaffiner Unternehmen - an der Wiener Börse legten die Titel des Caterers Do&Co und des Flughafen Wien enorm zu. International war die Euphorie nicht einzubremsen, die durch den Wahlsieg von Joe Biden in den USA noch zusätzlich beflügelt wurde.

Als erste westliche Hersteller haben die deutsche BioNTech und der Pharmakonzern Pfizer am Montag vielversprechende Ergebnisse einer für die Zulassung entscheidenden Studie veröffentlicht. Demnach bietet ihr Impfstoff einen mehr als 90-prozentigen Schutz vor Covid-19. Schwere Nebenwirkungen seien bisher nicht registriert worden, hieß es. Die beiden Unternehmen wollen voraussichtlich ab kommender Woche die Zulassung bei der US-Arzneimittelbehörde FDA beantragen. Die Aktien von BioNTech und Pfizer lagen am Nachmittag kurz nach US-Börsenstart mit 19 bzw. 12 Prozent im Plus. Auch die US-Flugaktien startet kräftig: American Airlines mit +22 Prozent, United mit +24 Prozent, Delta mit +20 Prozent.

Die Aktien des österreichischen Caterers Do&Co schossen am Montagnachmittag an der Wiener Börse zunächst um mehr als 38 Prozent nach oben, eine Stunde später war davon noch ein Anstieg von 34 Prozent übrig. Der Wiener Leitindex ATX stand zu dem Zeitpunkt mit 8,2 Prozent im Plus. OMV waren 13 Prozent fester, ebenso Schoeller Bleckmann Oilfield. Die derzeit nicht im ATX vertretenen Aktien der Flughafen Wien AG hielten mit einem Plus von 18,7 Prozent ihr höheres Niveau.

"Licht am Ende des Tunnels"

"Das ist die Erfolgsmeldung, auf die die Börsen sehnsüchtig gewartet haben", sagte Timo Emden, Analyst bei Emden Research. "Das erste Mal ist nun Licht am Ende des Tunnels sichtbar", sagte Jochen Stanzl, Chef-Marktanalyst beim Brokerhaus AxiTrader. Der Frankfurter DAX sprang zu Mittag innerhalb weniger Minuten um 6,5 Prozent auf 13.297 Punkte - der größte Kurssprung seit März. Der EuroStoxx50 schnellte um 7,4 Prozent auf 3.439 Zähler in die Höhe. "Die Nachricht zu dem Pfizer-Impfstoff bringt uns einen Schritt näher zu einem normalen Leben", sagte Naeem Aslam, Chef-Marktanalyst beim Brokerhaus Avatrade.

"Es gibt keine Zweifel daran, dass wir weitere gute Nachrichten bis zum Jahresende bekommen", meinte Aslan. Ein Impfstoff gilt als Hoffnungsträger, um die Corona-Pandemie zu überwinden, die bislang weltweit mehr als eine Million Menschen das Leben gekostet, die Wirtschaft zum Einbruch gebracht und das Leben von Milliarden Menschen auf den Kopf gestellt hat.

"Gesundheitsexperten werden uns daran erinnern, dass noch ein weiter Weg mit vielen Herausforderungen vor uns liegt", sagte Neil Wilson, Chef-Analyst des Online-Brokers Markets.com. "Aber es herrscht enormer Optimismus heute - Licht am Ende des Tunnels. Hoffen wir bloß, dass uns die Impf-Verweigerer keinen Strich durch die Rechnung machen."

Auch der Sieg von Joe Biden bei der Präsidentenwahl in den USA sorgte für gute Stimmung am Markt. "Für Anleger bedeutet Joe Biden weniger Unsicherheit, weniger außenpolitische Turbulenzen und die Rücknahme einiger sinnloser Gesetze", sagte AvaTrade-Experte Aslam. Außerdem trauten sie dem als Brückenbauer bekannten ehemaligen US-Vizepräsidenten zu, einen Kompromiss im Streit um das ersehnte neue zusätzliche Hilfspaket zur Abfederung der Coronavirus-Krise auszuhandeln.

Billiges Gold

Gold verbilligte sich dagegen binnen kurzer Zeit um 2,6 Prozent auf 1901,70 Dollar je Feinunze (31 Gramm). Gold bleibe für Anleger aber weiter attraktiv, da die Zinsen auf absehbare Zukunft niedrig bis negativ bleiben würden, betonte der Rohstoff-Experte Alexander Zumpfe vom Edelmetallhändler Heraeu.

Groß war die Erleichterung über die Impfstoff-Daten bei den Tourismuswerten: Der Branchenindex legte bis zum frühen Nachmittag über 10 Prozent zu und schaffte damit den größten Sprung seit der ersten Corona-Welle im März. Aktien der Lufthansa verteuerten sich um mehr als ein Drittel, die der British-Airways-Mutter IAG um gut zwei Fünftel - beide steuerten auf ihren bisher besten Handelstag zu. Auch die Papiere des deutschen Flughafenbetreibers Fraport nahmen mit einem Plus von mehr als 18 Prozent Kurs auf einen Rekord-Tagesgewinn. Die Reisebranche ist von die Pandemie massiv beeinträchtigt, der Flugverkehr ist zeitweise fast ganz zum Erliegen gekommen. Die Hoffnung, dass mit einem Impfstoff Auslandsreisen wieder möglich sind, trieb auch den Ölpreis in die Höhe. Ein Barrel (159 Liter) Nordseeöl der Sorte Brent verteuerte sich um 9,3 Prozent auf 43,10 Dollar - dies trieb wiederum Aktien der Ölindustrie wie die OMV oder SBO an.

Die Aussicht auf Konzerte und andere Großveranstaltungen ließ in Frankfurt die Papiere des deutschen Veranstalters und Ticketvermarkters CTS Eventim - Mutter von oeticket und Barracuda in Österreich - um ein Drittel nach oben schnellen. "Was wir an den Börsen jetzt sehen, sind umfangreiche Umschichtungen raus aus Tech-Aktien und rein in Aktien der Old Economy und Value-Aktien", sagte CMC-Experte Stanzl. Abwärts ging es für Aktien, die von Corona-Einschränkungen profitieren. Die Papiere des Lieferdienstes Delivery Hero gaben 6,5 Prozent nach, die des Kochboxen-Anbieters Hellofresh 4,7 Prozent.

Der Dow Jones Industrial kletterte nach Handelsstart um 4,5 Prozent auf 29.608 Punkte und verpasste die Marke von 30.000 Zählern nur knapp. Vor dem regulären Handel war der Dow über 30.000 Punkten erwartet worden. Der S&P 500 stieg um 3,2 Prozent auf 3.622 Punkte. Der Technologieindex Nasdaq 100 blieb zurück und lag mit 0,14 Prozent im Minus bei 12.074 Zählern. (Reuters)