Die Märkte scheinen wieder etwas mehr Vertrauen in die Türkei zu fassen. Der Kurs der türkischen Lira ist am Montag nach einer Monate langen Talfahrt stark gestiegen. Grund dafür war der unerwartete Rücktritt des türkischen Finanzministers, Berat Albayrak, am Sonntag. Das gab der Währung einen ordentlichen Schub. Musste man um acht Uhr morgens noch 10,40 Lira für einen Euro bezahlen, kletterte der Kurs im Laufe des Tages in Richtung 9,50 Lira.

Albayrak ist auch der Schwiegersohn des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Sein Rückzug erfolgte kurz nach der Abberufung des türkischen Notenbank-Chefs Murat Uysal durch Erdogan am Samstag. Zum Nachfolger wurde Naci Abgal ernannt, der auch von 2015 bis 2018 Finanzminister war. Medienberichten zufolge soll Albayrak nicht mit der Umbesetzung einverstanden gewesen sein. Als Gründe für den Rücktritt nannte er seine Gesundheit und dass er wieder mehr Zeit mit seiner Familie verbringen wolle. Zuvor war Albayrak auch Energieminister. Regime-Kritiker hatten die enge familiäre Verbindung mit Erdogan immer wieder angeprangert.

Instabile Situation
und hohe Inflation

Auch die Ankündigungen des neuen Notenbankchefs beflügelten die Lira. In einer Stellungnahme schrieb er, dass er in der kommenden Zinssitzung am 19. November entsprechende Maßnahmen gegen den Kursverfall setzen wolle. Bis dahin wolle man die Lage bewerten und die aktuellen Entwicklungen im Auge behalten.

Die Türkei steckt in einer tiefen Wirtschaftskrise. Die sehr hohe Inflation bereitet nicht nur den Märkten Sorgen und schwächt das Vertrauen der Investoren. Die Menschen dort werden zusehends ärmer. Der Kursverfall hat die Devisenreserven des Staates stark geschmälert.

Zudem sind viele Unternehmen unter Druck geraten, weil sie Firmenkredite in einer Fremdwährung abgeschlossen haben, weil die Zinsen dort niedriger waren. Die Kredite wurden aber zusehends teuerer. Ein wesentlicher Grund für die hohe Inflation und andauernde Wirtschaftskrise ist der bisherige Verzicht der türkischen Nationalbank, den Leitzinssatz anzuheben. Dieser liegt derzeit bei 10,25 Prozent und damit deutlich unter der Inflation.

Ob der neue Notenbank-Chef den Leitzins anheben wird, ist noch nicht bekannt. Angesichts des steigenden Währungskurses, scheinen Investoren aber wohl darauf zu hoffen. Dass der Leitzins trotz starker Inflation bisher nicht angehoben wurde, liegt auch an Erdogan selbst. Er hält, auch aus religiösen Gründen, wenig von Zinsen. Im Islam sind Zinsen "haram", also verboten.

Eine Zinserhöhung würde den massiven Verfall freilich nicht ganz stoppen, aber wohl deutlich abschwächen, meinen Experten. Viele Bürger legen ihr Geld in US-Dollar an oder investieren in Immobilien, um Einkommensverluste einzudämmen. Das sieht man auch daran, dass die Immobilienpreise in der Türkei verhältnismäßig kaum gesunken sind.

Die Corona-Krise hat, wie überall auf der Welt, die wirtschaftliche Lage am Bosporus weiter verschärft. Der für das Land wichtige Tourismus steht de facto still. Hinzu kommt, dass die Türkei stark importabhängig ist und die Produktion im eigenen Land in den letzten Jahren gesunken ist. Durch den Preisverfall der letzten Monate wurden aber viele Importgüter immer teurer. Viele Türken haben Probleme, ihren Unterhalt zu bestreiten. Und auch das internationale Vertrauen der Investoren ist aufgrund der politischen Situation im Land in den letzten Jahren stark gesunken.

"Notwendige Schritte
werden unternommen"

Nun lasten, national wie international, hohe Hoffnungen auf dem neuen Notenbank-Chef Abgal, die Inflation zu bremsen. "Notwendige geldpolitische Entscheidungen werden unternommen", sagte er mit verweis auf die kommende Sitzung am 19. November.(del)