Covid-19 hat für die schlimmste globale Wirtschaftskrise in der Nachkriegsgeschichte gesorgt. Die Nachwehen werden noch lang zu spüren sein. Dennoch sind die Aktienbörsen in Partylaune - vor allem in den USA. Dort hat der Dow Jones, der Leitindex der New Yorker Börse, der als das wichtigste Marktbarometer der Welt gilt, am Dienstag mit dem erstmaligen Knacken der Marke von 30.000 Punkten einen neuen Höchststand erklommen. Seit Jahresbeginn liegt der Index, der sich aus den 30 größten US-Unternehmen zusammensetzt, inzwischen gut fünf Prozent im Plus. Sein tiefer Absturz im heurigen Frühjahr ist damit mehr als wettgemacht. Was sind nun die Gründe, warum der prestigeträchtige US-Börsenindex in den vergangenen Monaten so stark zugelegt und sogar ein neues Allzeithoch markiert hat?

Einer der jüngsten und gewichtigsten Gründe ist die Hoffnung der Investoren auf eine baldige Einführung wirksamer Corona-Impfstoffe - die Nachrichtenlage dazu war zuletzt ja vielversprechend. Das hat die Börsenkurse auch in Europa und Asien in den vergangenen Wochen zum Teil kräftig nach oben getrieben, etliche Leitindizes - darunter etwa der deutsche DAX - haben ihre massiven Verluste vom Februar/März nahezu kompensiert. Ein effizienter Impfstoff verspricht jedenfalls die Rückkehr zur Normalität und damit das Wiederhochfahren der Konjunktur. Börsenexperten erklären dazu, dass die Anleger diese Erwartung schon jetzt in den Aktienkursen einpreisen.

Jubel über Yellens Nominierung als US-Finanzministerin

Positive Impulse für die jüngste Bergfahrt des seit 1884 bestehenden Dow Jones lieferten aber auch Medienberichte, wonach Janet Yellen, die ehemalige Chefin der US-Notenbank Fed, unter dem künftigen US-Präsidenten Joe Biden als erste Frau die Führung des Finanzministeriums übernehmen soll. "Damit dürfte die Zusammenarbeit zwischen der Fed und dem Finanzministerium kooperativ und geräuschlos verlaufen", heißt es aus dem Markt. Was dabei gerade aus Sicht der Investoren besonders wichtig sein dürfte: "Yellen wird nicht marktfeindlich agieren", wie eine Analystin betont.

Als weiterer Grund für die mit einem neuen Rekord gekrönte Klettertour des Dow Jones gilt unter Börsianern der bevorstehende Politikwechsel in den USA. In der größten Volkswirtschaft der Welt sind die Weichen für den Bruch mit der stark polarisierenden Politik von Präsident Donald Trump gestellt: Der gewählte Nachfolger Joe Biden hat bei der Vorstellung seiner Mannschaft für die Außen- und Sicherheitspolitik den Führungsanspruch der USA betont. Dabei wurde deutlich, dass die Vereinigten Staaten wieder stärker auf die Unterstützung und Partnerschaft anderer Länder setzen werden. Das nährt an den US-Börsen Hoffnungen auf mehr konjunkturellen Rückenwind in Bidens Amtszeit und wird in den Aktienkursen ebenfalls eingepreist.

Staatshilfen ließen Anlegervertrauen zurückkehren

Das Fundament für die rasante Aufholjagd des Dow Jones nach dem Corona-Crash im ersten Quartal gelegt haben freilich die unzähligen staatlichen Milliarden-Hilfen und die massiven Liquiditätsspritzen der Fed. Darin ist sich die Fachwelt einig. Ohne die breit angelegten Unterstützungsprogramme für die Wirtschaft wäre das Vertrauen der Anleger an den US-Börsen - aber auch an den übrigen Aktienmärkten - nicht so rasch zurückgekehrt. Was dabei ebenfalls eine wesentliche Rolle spielt: Der Leitzins in den USA wird wie in anderen Teilen der Welt wohl noch für längere Zeit niedrig bleiben, womit weiterhin billiges Geld in die Wirtschaft gelangen kann.

Indes hat den seit Ende März bestehenden US-Börsenaufschwung zunächst eine relativ kleine Gruppe von Corona-Profiteuren getragen - darunter etwa Werte wie Amazon, Apple oder Tesla. "Technologie-Aktien haben in der Krise groß aufgezeigt", bestätigt Monika Rosen, Chefanalystin der Unicredit Bank Austria. Mit der Aussicht auf einen baldigen Impfstoff habe die konjunktursensible Old Economy zuletzt jedoch viel Boden gutgemacht und damit den Anstieg in den US-Indizes verbreitert.

Nichtsdestotrotz stehen Technologie- und Pharma-Firmen, von denen die USA sehr viele haben, gerade heuer hoch in der Gunst der Anleger. Der Technologie-Index Nasdaq-100 illustriert das am deutlichsten: Er hat seit Jahresbeginn um gut 38 Prozent zugelegt und ist ebenfalls auf Rekordjagd. Der marktbreite Index S&P 500, in dem weniger Tech-Aktien vertreten sind, hat indes "nur" ein Plus von 12,5 Prozent auf dem Konto.

Goldpreis auf niedrigstem Stand seit vier Monaten

Dass die Aktienbörsen in den USA und vielen anderen Ländern mit ihrer jüngsten Performance krass im Widerspruch zur gebeutelten Realwirtschaft stehen könnten, scheint unterdessen zumindest in der Finanzszene kein Thema zu sein. Zu gut war zuletzt wohl die Meldungslage. Rosen etwa blickt weiter optimistisch in die Zukunft: "Wir haben in unserer Anlagestrategie die Aktienquote von ‚Neutral‘ auf ,Übergewichten‘ erhöht."

Dass nach wie vor viel für die Börsen sprechen dürfte, zeigt auch der bis vor wenigen Monaten noch boomende Goldpreis. Er rutschte dieser Tage auf ein Viermonatstief ab. Gold gilt als Krisenwährung. Hellt sich die Stimmung aber auf, wird das Edelmetall weniger stark nachgefragt.