Die Maßnahmen zur Bekämpfung der Coronakrise haben sich auch auf den internationalen Handel ausgewirkt und den Protektionismus und Handelsverzerrungen verstärkt. Dies geht aus dem aktuellen "Global Trade Alert" unter dem Titel "Collateral Damage" der Universität St. Gallen hervor, der sich mit den Nachbeben der coronabedingten Abschottungspolitik befasst. Bis Ende Oktober gab es demnach weltweit mehr als 2.000 politische Interventionen mit Auswirkungen auf den Welthandel.

Das sind um 74 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres und 147 Prozent mehr als im Durchschnitt der Jahre 2015 bis 2017, also dem Zeitraum, ehe der Handelskonflikt zwischen den USA und China tatsächlich losging. Nur 27 Prozent der 2.031 politischen Interventionen kamen den Handelspartnern zugute. 37 Länder sahen sich in ihren Handelsinteressen von 100 oder mehr Reformen bei ihren Handelspartnern vertreten, 58 Staaten sahen sich dagegen 100-mal oder öfter geschädigt.

Der Ausbruch der Covid-19-Pandemie habe für die Regierungen nach der Finanzkrise nun die zweite systemische Wirtschaftskrise innerhalb von weniger als 15 Jahren gebracht. Heuer sei die Politikgestaltung ins Trudeln geraten, als die Staaten zu Recht Schritte zum Schutz der öffentlichen Gesundheit und zur Stabilisierung ihrer Volkswirtschaften unternahmen. Dadurch sei das Welthandelssystem einmal mehr vor einer großen Belastungsprobe gestanden, denn in Krisenzeiten würden staatliche Stellen und politische Entscheidungsträger oft auf protektionistische Maßnahmen zurückgreifen, so die Forscher.

Anfangs sei es um Schutzmaßnahmen für bestimmte Güter wie etwa Masken gegangen, dazu seien dann weltweit riesige Stimulierungspakete für die Wirtschaft gekommen, so Co-Autor Johannes Fritz zur APA. Zur weiteren Entwicklung meinte er, wenn die künftige Wirtschaftsentwicklung seitwärts oder weiter abwärts gehe, könnten wohl traditionelle protektionistische Maßnahmen zum Tragen kommen. Die Auswirkungen auf die einzelnen Länder waren laut Bericht sehr unterschiedlich, entsprechend ihrer Position im globalen Handel. Die aufgetretenen Kollateralschäden seien nicht unvermeidlich gewesen.

Offene Handelssysteme erleichtern den Export

Die Forscher empfehlen, Krisenmanagementprotokolle als Ersatz für die Ad-hoc-"Flexibilisierung" der Regeln des Welthandelssystems oder des Gemeinsamen Markts zu entwickeln. Denn in einer Welt mit ausgedehnten grenzüberschreitenden Handelsbeziehungen sei der derzeitige Krisenmanagement-Ansatz ein Rezept für die langfristige Narbenbildung des Welthandelssystems. In einer Pandemie sei es von entscheidender Bedeutung, dass Waren - einschließlich medizinischer Ausrüstung, Medikamente und hoffentlich bald auch Impfstoffe - über die Grenzen hinweg transportiert werden. Offene Handelssysteme erleichterten generell den Export, was die nationale wirtschaftliche Erholung beschleunige.

Die Regierungen sollten sich auf ein Krisenmanagementprotokoll einigen, um ihre Reaktion auf Krisen so zu gestalten, dass der Schaden für die Handelspartner begrenzt und der Handel im Fluss gehalten wird. Temporäre politische Interventionen sollten Vorrang haben, und es sollte ein Mechanismus vorgesehen werden, der den Abbau von Handelsverzerrungen fördert, die während Krisen eingeführt wurden. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) verfüge über Protokolle, die bei Krisen zum Tragen kommen, warum also sollte dies nicht auch bei der Welthandelsorganisation (WTO) der Fall sein.

Für die Entwicklung solcher Best Practices sei die systematische Sammlung von Informationen über die Wirtschaftspolitik weltweit nötig. Der neue Generaldirektor sollte die Überwachungs- und Analysefunktionen der WTO stärken, wobei Subventionen und anderen Unterstützungsmaßnahmen besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte. Bisher seien die Kompetenzen der WTO in diesem Bereich nur verkürzt ausgebildet.

Kleine offene Volkswirtschaften wie beispielsweise Österreich sollten Allianzen bilden und mit diesen in Foren wie der WTO oder der OECD auftreten, um Handelsverzerrungen gegenzusteuern, so die Forscher. In Europa könnte Österreich mit Gleichgesinnten in Schweden, den Niederlanden oder Belgien analog zu den Visegrad-Ländern gemeinsame Anliegen koordinieren. Außerhalb der EU wäre die Schweiz ein naheliegender Partner. (apa)