Gespannt blickt die Finanzwelt nach New York. An der dortigen Technologiebörse Nasdaq steht heute, Donnerstag, nämlich eine besondere Premiere auf dem Programm: Erstmals werden die Aktien von Airbnb gehandelt. Airbnb ist ein 2008 im kalifornischen Silicon Valley gegründetes Online-Portal für die Buchung und Vermietung privater Unterkünfte, ähnlich einem Computerreservierungssystem. Der Börsengang des US-Unternehmens gilt als einer der größten des heurigen Jahres.

Da es bei Investoren in der Zeichnungsfrist geradezu einen Hype um Airbnb-Aktien gab, ist die Preisspanne zuletzt noch kräftig hinaufgesetzt worden - von 44 bis 50 Dollar auf 68 Dollar pro Anteilsschein. Airbnb nimmt damit auf einen Schlag 3,5 Milliarden Dollar ein. Der Börsenwert beläuft sich nun auf stolze 47,3 Milliarden Dollar, umgerechnet 39,06 Milliarden Euro. Und das, obwohl der in San Francisco ansässige Touristik-Konzern auf Jahressicht bisher noch nie Gewinne gemacht hat und außerdem in einer Branche tätig ist, die unter der Corona-Krise weltweit massiv leidet.

Technologie-Aktien gerade in Corona-Zeiten ein Renner

Vor diesem Hintergrund ist die Bewertung von Airbnb "schon ein bisschen überzogen", wie Aktienexperten hinter vorgehaltener Hand einräumen. Gleichzeitig heißt es aber auch, dass dem Börsengang der Zimmervermittlungsplattform die sehr positive Stimmung an den Aktienmärkten zugutegekommen sei. Vor allem mit Blick auf eine nunmehr baldige Zulassung wirksamer Corona-Impfstoffe, die die globale Wirtschaftskrise in weiterer Folge beenden dürften, haben die drei wichtigsten Aktienindizes in den USA - Dow Jones, S&P-500 und Nasdaq-100 - zuletzt auf Rekordständen notiert.

Allein die Tech-Börse Nasdaq, wo Airbnb gelistet sein wird und wo Kaliber wie Apple, Google, Tesla, Microsoft, Amazon oder Facebook vertreten sind, hat heuer rund 45 Prozent zugelegt. Für sie ist 2020 das stärkste Jahr seit 2009. Dem Börsengang von Airbnb hat dies Flügel verliehen. Zumal das Unternehmen mehr als Tech- denn als Touristik-Konzern gesehen wird. Airbnb stellt nämlich lediglich die Vermietungsplattform als digitalen Marktplatz zur Verfügung, ist selber aber nicht im Besitz von Unterkünften und tritt deshalb auch nicht als Vermieter auf.
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Jedenfalls sind in der Corona-Krise vor allem die Aktien von Tech-Firmen sehr gefragt. Über Investments in solche Unternehmen wollen viele Anleger am beschleunigten Trend zur Digitalisierung teilhaben. Das treibt die Bewertungen zum Teil steil nach oben - auch im Fall von Airbnb, wie Fachleute erklären.

Zwar leidet auch Airbnb unter den Corona-bedingten Reisebeschränkungen. Dennoch kann das Online-Unternehmen, über das in zwölf Jahren seit seiner Gründung gut 500 Millionen Übernachtungen gebucht wurden, deutlich besser reüssieren als etwa die Hotelbranche. Denn Airbnb führt eben keine eigenen Hotels, und wenn Menschen derzeit reisen, nutzen sie gern Privatunterkünfte.

"Die relative Isolation, die Airbnb bietet, ist in der aktuellen Situation ein starkes Atout", meint die Chefanalystin der Unicredit Bank Austria, Monika Rosen. Im Gegensatz zu Hotels seien in den von Airbnb vermittelten Privatquartieren keine anderen Gäste anzutreffen. "Das Getrennt-Sein von Gästen könnte dem Unternehmen in die Karten spielen", betont Rosen. Indes ist es für sie "ein Zeichen für das Vertrauen der Anleger in die zukünftige Marktentwicklung", dass der Airbnb-Börsengang derart gut lief.

Seinen potenziellen Markt schätzt Airbnb auf 3,4 Billionen Dollar. Allerdings tummeln sich dort viele Konkurrenten - darunter etwa Booking Holdings, Expedia Group, Accor und Wyndham. Ein scharfer Wettbewerb herrscht vor.

In den ersten drei Quartalen machte Airbnb mit 2,52 Milliarden Dollar um fast ein Drittel weniger Umsatz als im gleichen Vorjahreszeitraum. Wobei der Nettoverlust mit 697 Millionen Dollar mehr als doppelt so hoch ausfiel. Im dritten Quartal erwirtschaftete der Konzern zwar einen Gewinn von 219 Millionen Dollar, warnte jedoch davor, sich im Gesamtjahr 2020 wohl nicht in den schwarzen Zahlen halten zu können.

Wiener Börse will Airbnb nach Wien holen

In Österreich hatte Airbnb in der Vergangenheit immer wieder Probleme mit den Behörden. Dabei ging es unter anderem um Steuern und Ortstaxen. Ab 2021 muss Airbnb in Österreich erstmals die Umsatzdaten seiner Wohnungsvermieter dem Fiskus melden. Die Finanz kann dann prüfen, ob die Vermieter ihre Einnahmen korrekt versteuert haben. Wenn nicht, drohen Strafen.

Unterdessen will die Wiener Börse Airbnb schon bald in ihr internationales Handelssegment ("Global Market") aufnehmen. Laut einer Sprecherin zählen US-Aktien zu den gefragtesten Titeln in diesem Segment, das insgesamt rund 720 Wertpapiere aus 26 Ländern umfasst.