Es war eine undankbare Aufgabe, als ein Team um den US-Geologen Max Steineke in den 1930er Jahren in der kargen Wüste Saudi-Arabiens die Suche nach Öl begann. Die sandigen Plateaus und Trockentäler gaben kaum Hinweise auf unterirdische Strukturen, Bohrtürme kannte man auf der Arabischen Halbinsel noch nicht. "Kein Öl, kein Wasser", kabelten die als "Wildcatter" (Wildkatzen) bekannten Erforscher 1937 nach San Francisco, als sie im Auftrag einer US-Firma im Königreich bohrten.

Die Geduld sollte belohnt werden: Am 4. März 1938 sprudelte Öl aus Quelle 7 am saudischen Fischerdorf Dammam. Über die nächsten knapp 50 Jahre sollte die "Wohlstandsquelle" 32 Millionen Barrel produzieren. Funde des wertvollen Rohstoffs im Irak (1927), Bahrain (1932) und Kuwait (1938) verwandelten eine Gegend oft ärmlicher und schwach organisierter Stämme in einige der reichsten Staaten der Welt.

Aber das Jahr 2020 könnte den Anfang vom Ende für den Öl-Wohlstand markieren. Als erster Branchengigant hatte der Konzern BP im September das Zeitalter der steigenden Ölnachfrage für beendet erklärt und vorhergesagt, dass der Verbrauch vielleicht nie wieder das Niveau vor Beginn der Corona-Krise erreichen werde. Die Pandemie könnte "dauerhafte Auswirkungen" auf die Nachfrage haben, schrieb auch die Weltbank im Ausblick für den Rohstoffmarkt im Oktober.

Strengere Klimaschutzgesetze erhöhen Druck

Szenarien zum sogenannten "Peak Oil" - dem Zeitpunkt des globalen Ölfördermaximums, danach geht es der Theorie zufolge immer weiter bergab - diskutiert die Branche seit den 1950er Jahren. Dabei dreht sich die Debatte inzwischen nicht mehr um irgendwann erschöpfte Reserven und das Fördermaximum, sondern um die eines Tages sinkende Nachfrage. Der Internationale Währungsfonds (IWF) sagte schon im Februar - also noch vor Corona - voraus, dass dieser Zeitpunkt im Jahr 2040 "oder viel eher" erreicht sein werde. Ein "starker und anhaltender Abwärtstrend" bei der Nachfrage sei zu vermuten. Ein Grund sei auch die langsamer wachsende Weltbevölkerung.

Hinzu kommen strengere Klimaschutzgesetze und steigende CO2-Steuern. Mit dem Pariser Klimaschutzabkommen von 2015 ist der Druck auf Staaten, auch weniger Öl zu kaufen und zu verbrennen, gestiegen. In Deutschland etwa sollen Ölheizungen ab 2026 nur noch in Ausnahmen eingebaut werden dürfen. Der deutsche Markt für Elektroautos wächst, auch dank der beliebten Kaufprämien für E-Fahrzeuge. Auf den mit Abstand größten Ölverbrauch kommen allerdings die USA und China.

Kritiker der "Peak Oil"-Theorie halten dagegen, dass Vorhersagen am Ölmarkt zuvor oft kläglich daneben lagen. Verlässliche Prognosen zum Auto- und Flugverkehr sowie auch der Arbeit im Homeoffice nach Corona sind ohnehin schwierig bis unmöglich. Aber die Liste der Analysten, die eine Öl-Spitze in den nächsten 15 Jahren vorhersehen, wird laut einem Bericht der Finanzagentur Bloomberg länger. Darunter sind auch der norwegische Ölkonzern Equinor (2027/28), der französische Konzern Total (2030) und die Unternehmensberatung McKinsey (2033). Die Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) spricht vom Jahr 2040.

Bis dahin wollen - oder können - die Staaten am Golf, die ein Fünftel der globalen Ölproduktion ausmachen, nicht mehr warten. Ihr Vermögen könnte bei der drohenden Entwicklung in 15 Jahren aufgebraucht sein, warnt der IWF, und spricht von einer "erheblichen Herausforderung" mit Blick auf deren Haushalt. Für Golfländer mit kleiner Bevölkerung wie Kuwait, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate scheint die Bedrohung dabei weniger existenziell. Für den Oman und Bahrain mit ihren kleineren Ölreserven sowie für Exportweltmeister Saudi-Arabien, wo 34 Millionen Menschen leben, könnte es schwieriger werden.

Saudis bauen ihre Wirtschaft bereits um

Saudi-Arabien, wo Öl fast 70 Prozent der Staatseinnahmen ausmacht, treibt den Wirtschaftsumbau schon aggressiv voran. Ein Mittel ist dabei der Staatsfonds PIF, der große Anteile an Facebook, Disney, dem Flugzeughersteller Boeing, der Bank of America und dem Finanzkonzern Citigroup gekauft hat. Zugleich will Riad den Bergbau-, Logistik- und Energiesektor ausbauen, letzteres etwa durch Milliarden-Investitionen in Erdgas, und damit Jobs für die junge Bevölkerung schaffen.

In der Rohstoffgroßmacht Russland - nach Saudi-Arabien zweitgrößter Ölexporteur - ist der Staatshaushalt noch zu rund 30 Prozent abhängig von den Petrodollars. Das Land beginne aber, von der "Nadel" des Öl- und Gasgeschäfts loszukommen, sagt Kremlchef Wladimir Putin. Es gebe daher keinen Grund mehr, Russland als "Zapfsäule" zu verunglimpfen. Trotzdem ist die Abhängigkeit von den Rohstoff-Einnahmen weiter hoch.

Der aktuelle Etat ist auf Grundlage eines Ölpreises von rund 42 US-Dollar (34,3 Euro) je Barrel erstellt. Fällt dieser Wert - wie dieses Jahr -, sinken die Einnahmen. Durch die gesunkene Nachfrage und die Reduzierung der Fördermenge gingen dem Land Milliarden verloren. Das hat die Wirtschaftskrise, die schon vor der Coronapandemie begonnen hatte, noch verschärft. Zwischen Jänner und September sanken die Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft um 35,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, wie der Rechnungshof in Moskau ermittelt hat.

Venezuela, eines der Länder mit den größten Erdölreserven, bezieht 95 Prozent seiner Devisen aus dem Ölexport. Unter anderem wegen Missmanagements und harter Sanktionen der USA sind Förderung und Verarbeitung aber fast zum Erliegen gekommen. Das einst wohlhabende Land war treibende Kraft bei Gründung der Opec und half arabischen Ländern, Kontrolle über ihren Ölreichtum zu erlangen. Heute leidet Venezuela unter Stromausfällen, langen Schlangen für Benzin und Protesten gegen Versorgungsengpässen. Auch Venezuelas Wirtschaft könnte beim "Peak Oil" der wirtschaftliche Kollaps drohen. (dpa)