Gerade einmal 0,08 US-Cent kostete 1 Bitcoin zu Beginn. Seither hat die Kryptowährung einen spektakulären Aufstieg vollzogen. Wurden bei der allerersten Transaktion am 22. Mai 2010 noch zwei Pizzen gegen 10.000 Bitcoins getauscht, so nähert sich das Finanzprodukt, das zwar viele Menschen digital mittels Blockchain schürfen und einlösen, aber kaum jemand wirklich versteht, bei inzwischen zehn Millionen Transaktionen pro Monat bereits der 25.000-Dollar-Marke. Tesla-Chef Musk erwägt bereits, sein Firmenvermögen in Bitcoin umzuwandeln. Finanzexperten wie dem emeritierten Universitätsprofessor Paul Kellermann, Autor von Büchern wie "Soziologie des Geldes", bereitet all dies Sorgen: Denn bei Bitcoin & Co. basiere alles auf reinem Vertrauen in die Kryptowährung, und die Blase könne platzen, sollte dieses Vertrauen einmal verschwinden.

"Wiener Zeitung": Sie üben immer wieder Kritik an Kryptowährungen. Was stört Sie am meisten?

Paul Kellermann: Dass ein Schelm mehr gibt, als er hat. Wenn Sie Geld haben, haben Sie damit eine Forderung gegenüber dem, der das Geld emittiert hat. Und die Forderung kann im Fall von nicht-legalem, nicht-staatlichem Geld wie Bitcoin nicht auf ein eigenes Warenangebot bezogen werden, weil es das nicht gibt. Bitcoins und andere Kryptowährungen werden hauptsächlich auf zwei Arten verwendet: als Zahlungsmittel und als Spekulationsobjekt. Als Spekulationsobjekt werden Bitcoins selbst zur Ware, allerdings nur innerhalb des digitalen Finanzhandels, weil Bitcoins keine realen Waren schaffen. Als Zahlungsmittel wird auf das breite Warenangebot offizieller Währungssysteme zugegriffen, sobald Menschen bereit sind, Bitcoins im Tausch gegen ihre Waren anzunehmen. Auf diese Weise erweitert sich die Menge an Zahlungsmitteln ohne entsprechende Erweiterung des realen Warenangebots. Falls deshalb die Verwendung von Kryptowährungen als Zahlungsmittel für reale Waren verboten würde, wäre interessant zu beobachten, was mit Bitcoins als Spekulationsobjekte passieren würde.


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Paul Kellermann ist emeritierter Professor am Institut für Soziologie der Alpen-Adria-Universität. - © privat
Paul Kellermann ist emeritierter Professor am Institut für Soziologie der Alpen-Adria-Universität. - © privat

Manche haben aber - auch wegen der Blockchain-Technologie - bereits mehr Vertrauen in Bitcoin als etablierte Währungen.

Zwar wird von Bitcoin-Erfinder Satoshi Nakamoto (bis heute ist unklar, wer sich hinter diesem Pseudonym verbirgt, Anm.) berichtet, dass er meinte - und das ist das Entscheidende für die Akzeptanz von Bitcoins -, dieses System, das er geschaffen hat, verdiene mehr Vertrauen, weil jeder es kontrollieren könne, was bei Banken nicht möglich sei. Also wenn man ihm naiv Gutwilligkeit zugesteht, dann wollte er nur ein überprüfbares, nicht von anderen manipulierbares System anbieten. Demgegenüber kann man nach der bisherigen Bitcoin-Geschichte - neben dem Fehlen eines eigenen Warenangebots - einwenden, dass Bitcoins wegen der behaupteten größeren Sicherung vor Manipulationen nach und nach zu den heute größten Spekulationsobjekten gehören.

Aber die Zahl der Bitcoins ist auf 21 Millionen limitiert, das heißt, es ist doch ein geschlossenes System von Angebot und Nachfrage.

Das ist eine Legende, die gerne geglaubt wird. Im System von Angebot und Nachfrage kommt es darauf an, das Angebot zumindest der Behauptung nach knapp zu halten, sodass man als Monopolist den Preis steigern kann. In Wahrheit gibt es schon sehr viele Derivate von Bitcoin und den weiteren rund viertausend Kryptowährungen weltweit. Auch der gerade geplante Börsengang zeigt das. Das heißt, es handelt sich in Wirklichkeit nicht um ein geschlossenes System oder ein beschränktes Angebot.

Wie lukrieren viertausend verschiedene Kryptowährungen Käufer?

Die Schöpfer müssen jeweils einen Benefit vorweisen, den andere nicht bieten: Wenn zum Beispiel behauptet werden kann, dass für die Gewinnung der Coins weniger Energie verbraucht werde oder dass die Transparenz der vollzogenen Aktionen leichter nachzuverfolgen sei.

Kryptowährungen werden mitunter als "digitales Gold" bezeichnet. Ist der Vergleich zutreffend?

Dieser Vergleich wird gerne mit der ebenfalls behaupteten beschränkten Goldmenge herangezogen. In Wahrheit wird nach wie vor unter unmenschlichen Bedingungen und enormen Naturschäden massig Gold geschürft. Im klaren Unterschied zu Bitcoins ist Gold aber anfassbar, es hält ewig, glänzt schön, hat hohe elektrische Leitfähigkeit und ist relativ leicht zu Schmuck oder anderen Kunststücken verarbeitbar. Kurz: Gold hat neben seinem von alters her anerkannten Tauschwert einen hohen Gebrauchswert, Bitcoin hingegen nur einen fragilen Tauschwert.

Und der Goldpreis sinkt nicht mit der zunehmenden Goldmenge, was bei Bitcoin aber der Fall sein sollte.

Gerade wegen seines großen Gebrauchswerts in der Zeit, in der die Erdbevölkerung und damit die Verwendung von Gold so rasch gewachsen sind, sinkt der Goldpreis nicht, auch wenn immer noch Gold gefunden wird. Weil aber mittlerweile Produktivität und Produktion ebenfalls sehr stark zugenommen haben, reicht auch die vergrößerte Goldmenge vor allem für den Handel nicht mehr aus. So war zwar die Goldwährung am Ende des Zweiten Weltkriegs mit dem Bretton-Woods-Abkommen wieder eingeführt und es war versichert worden, dass jeder mit einem Dollarschein zur Bank gehen könne und dafür Gold bekomme. Doch die benötigte Menge an Geld als Zahlungsmittel war inzwischen so groß geworden, dass das verfügbare Gold die ausgegebenen Scheine nicht mehr decken konnte. Also wurde 1971 dieses Versprechen seitens des damaligen US-amerikanischen Präsidenten Nixon wieder aufgehoben - und es passierte überhaupt nichts, weil der Glaube an die Dollarscheine inzwischen stark genug war. Ausschlaggebend war also nicht das Gold selbst, sondern das Vertrauen, dass die Scheine weiterhin funktionierendes Zahlungsmittel bleiben. Auf dem Rand einer maltesischen Münze aus dem 16. Jahrhundert stand schon: "Non aes sed fides." Das Vertrauen macht also den Wert aus, nicht das Metall. Das ist genau der soziologische Aspekt, den wir berücksichtigen sollten: Es kommt (nicht nur) im Warenhandel auf das gegenseitige Vertrauen an und nicht auf irgendeine Substanz. Und das gilt für jedes verwendete Zahlungsmittel, egal ob es Euro, Bitcoins, Gold, Muscheln oder Zigaretten sind.

Wenn viele Menschen darauf vertrauen, für ihre Kryptowährung Waren und Dienstleistungen zu bekommen, dann funktioniert sie ja.

Richtig. Aber nur bis zu einem bestimmten Moment. Es ist wie beim analogen Falschgeld: Solange das nicht als solches erkannt wird, funktioniert auch dieses als Geld.

Aber Bitcoins tun ja nicht so, als wären sie Dollar, Euro, Yen oder was auch immer. Insofern ist es ja kein Falschgeld, sondern einfach eine neue Währung, die sich verschiedene Menschen - abgekoppelt vom Bankensystem - untereinander ausgemacht haben.

Ja, solange Menschen daran glauben, dass sie dafür etwas bekommen, funktioniert das System. Es ist sogar multifunktionell: Bitcoins können gehortet werden, es kann damit spekuliert werden. Aber wenn am Ende irgendwann nichts mehr dafür zu kaufen wäre, dann würde man merken: Das ist offenbar ein Schwindel. Beim direkten Gütertausch vor tausenden Jahren wurde ein Kuh - "Pecunia" - gegen drei Ziegen getauscht. Im Laufe der Zeit erweiterte sich bei den Kuh- und Ziegenzüchtern der Kreis derer, die diese Tiere kaufen wollten, und es wurde ausgemacht: "im Wert von einer Kuh", sodass "Pecunia" im Römischen Reich nicht mehr bloß "Vieh" hieß, sondern auch "Geld" als Symbol für den Wert einer Kuh, wodurch ein standardisierter Wert entstand. In dem Maße, in dem man dieses System immer stärker erweitert hat, wurde die Möglichkeit der Überprüfung immer geringer. Jetzt haben wir also global die Bitcoins - die lassen sich nicht so einfach mehr überprüfen. Und wer nicht überprüfen kann, muss glauben.

Das heißt, es ist jetzt eigentlich eine reine Glückssache, ob ich dafür das bekomme, was ich glaube, dass sie wert sind?

Wenn Sie unter Glück das Vertrauen anderer verstehen, die Ihnen Ihre Bitcoins gegen irgendwelche wertvollen Materialien eintauschen, dann ja. Aber ob das als Glück zu bezeichnen ist, weiß ich nicht.

Ihre Sorge ist also, dass das Ganze irgendwann kollabieren könnte und die Bitcoins dann womöglich gar nichts mehr wert wären?

Vor mehr als 30 Jahren wäre das richtig gewesen. Denn damals gab es diese Finanzwelt, wie wir sie heute kennen, noch nicht. Der damalige Fed-Präsident Alan Greenspan hat beim großen Crash im Oktober 1987 - damals völlig richtig - sofort mit Geld geflutet, um das System nicht zusammenbrechen zu lassen. Heute machen Leute das nach, ohne zu bedenken, dass heute die Situation ganz anders ist. Denn jetzt ist so viel Geld da, dass dieses Geld kaum mehr dem entsprechen kann, was an Sachwerten vorhanden ist. Diese Ungleichheit ist möglich, weil die erweiterte Menge an Zahlungsmitteln vor allem zum Kauf von Finanzwerten und "Betongold" verwendet wird. Deshalb steigen die Börsenwerte und die Preise für Immobilien und damit die Mieten. Das heißt, ein sehr, sehr großer Anteil der verfügbaren Geldmittel - auch der Billionen der Europäischen Zentralbank - hat mit dem realen Wirtschaftssystem nur noch potenziell zu tun. Wenn all dieses Geld wirklich verwendet würde, um reale Waren zu kaufen, würde eine riesige Inflation ausbrechen. Das war früher der Fall, wenn eine bestimmte Geldmenge aufgeblasen - daher kommt der Begriff "Inflation" - und in Umlauf gebracht wurde. Aber Sie sehen es ja selbst: Die EZB versucht seit Jahren vergeblich, für 2 Prozent Inflation zu sorgen, indem sie immer mehr und mehr Geld zur Verfügung stellt. Jetzt will sie sogar Aktien kaufen und nicht mehr bloß Anleihen der verschuldeten Staaten.

Es gibt aber Währungen wie die Türkische Lira mit hoher Inflation, gar nicht zu reden vom Venezolanischen Bolívar - da sind Bitcoins doch eine sinnvolle Alternative.

Natürlich. Wenn eine Währung tatsächlich stark inflationiert, flüchtet man in andere Währungen; traditionell in US-Dollar oder Euro. Wobei der Dollar im Wechselkurs gegenüber dem Euro zuletzt stark verloren hat. Gerade durch das Tauschen in Fremdwährungen verliert aber die Türkische Lira noch mehr an Wert.

Dafür schießt der Bitcoin-Wert durch die Decke.

Ja, weil es so viele Leute gibt, die daran glauben, dass der Wert weiter steigt und sie am Gewinn teilhaben möchten. Ich will diesen Glauben denen gar nicht vorwerfen, weil die Zusammenhänge ja wirklich durch die Globalisierung kaum zu durchschauen sind. Der Ökonom John Maynard Keynes hat einmal gesagt, das Schwierigste sei, sich von Überzeugungen zu trennen. Und je mehr solcher Finanzprodukte geschaffen werden, desto weiter wird die Aufdeckung hinausgezögert. Ich wette selbst gerne und habe auch Aktien, aber ich würde keine solchen Finanzprodukte kaufen. Auf Dauer wird der Wert nicht so hoch bleiben. Das ist vergleichbar mit der US-Immobilienblase 2008 oder auch mit einem Pyramidenspiel.

Was würden Sie jenen raten, die jetzt schon Bitcoins haben?

Das Gleiche wie bei einer Aktie: Prüfen Sie, ob Ihre Erwartung darin besteht, dass sie weiter steigt oder dass sie fällt. Und wenn Sie glauben, der Wert wird stärker fallen: Sofort verkaufen! Auf Dauer wird der Wert nicht so hoch bleiben.

Sie würden Bitcoins also wie eine Aktie behandeln? Also als Spekulationsobjekt?

Der Unterschied ist: Bei einer Aktie sind Sie Miteigentümer am realen Unternehmen. Das sind Sie bei einem digitalen Finanzwert nicht. Ich würde Bitcoin ähnlich wie ein Derivat ansehen. Aber auch das ist es nicht wirklich, da es mittels Großrechnern und aufwendigen mathematischen Manipulationen künstlich geschaffen ist. Der Kern der Bitcoins dürfte tatsächlich durch den immer höheren Produktionsaufwand in der Zahl irgendwann beschränkt sein. Hierin läge auch die behauptete Begrenzung der Menge, wenn nicht immer wieder Derivate angeboten würden.

Bei aller Kritik an den Kryptowährungen muss man doch die verwendete Technik Blockchain getrennt davon betrachten. Gibt es da Anwendungen, die Sie positiv finden?

Ja. Aber die Frage ist immer: Wie kann das noch kontrolliert werden? Meine Befürchtung ist, dass das immer schwieriger wird. Es wird alles viel komplexer und entwickelt eine gewisse Eigendynamik. In der EZB etwa versucht man, legales Geld mittels Blockchain zu verwalten. Ich fürchte jedoch, dass selbst die Leute in der EZB nicht wirklich wissen, was Geld ist, sondern nur das Vertrauen in Geld als besonderes Organisationsmittel kennen. Denn der Euro - aber das liegt an der Gesetzgebung - ist ja nicht wirklich an die Wirtschaftsentwicklung gebunden. Da sind nur Hilfskonstruktionen geschaffen worden. Geld hat freilich den großen Vorteil, die Komplexität der Zusammenhänge stark zu reduzieren. Und solange man dieses Geld nutzen und etwas dafür kaufen kann, funktioniert das auch. Würden Verschwörungstheoretiker Zweifel am Euro zugunsten des Bitcoin schüren, würden mehr Leute auch in Bitcoins flüchten. Das Vertrauen hält so lange an, wie tatsächlich am Ende der Kette für das Symbol "Geld" etwas Gewünschtes zu erreichen ist. Am besten lässt es sich mit einem Gutschein vergleichen: Wenn der nicht eingelöst wird, hat er bestenfalls nur noch musealen Wert.