Die schnellsten Läufer der Welt kommen aus? Richtig - aus Kenia. Lauflegenden wie Mary Keitany und David Elisha oder Eliod Kipchoge, mit knapp über zwei Stunden aktueller Weltrekordhalter auf der Marathondistanz. Alle liefen sie ihre Bestzeiten mit Schuhen großer internationaler Marken. Laufschuhe ‚Made in Kenya‘? Bisher Fehlanzeige.

Bisher. Denn aus dem Land der schnellsten Läufer kommen jetzt auch schnelle Schuhe: ‚Enda‘ heißt die Laufschuh-Marke des gleichnamigen Startups. Sitz des Unternehmens ist das Rift Valley, die Trainingshochburg der kenianischen Profi-Laufszene. Denn bei Enda entwickeln Läufer für Läufer. "Die Athleten sind die Experten, sie wissen am besten, worauf es bei einem guten Laufschuh ankommt, also arbeiten wir beim Entwickeln unserer Schuhe mit lokalen Läufern zusammen", sagt Enda-Gründerin Nava Osembo-Ombati.

Konsequenz statt ständiger Innovationsdruck

Zwei Modelle für Männer und Frauen sind bisher auf dem Markt, der ‚Iten‘ für schnelle kurze Runs, der ‚Lapatet‘ für entspannte lange Läufe, bald sollen auch Schuhtypen für Geländeläufe und Wettkämpfe im Sortiment sein. Immer wieder eine Neuauflage der Modelle heraus bringen wie in der Branche üblich, davon hält Osembo-Ombati nichts. "Ständig eine neue, angeblich revolutionäre Technologie in den Schuhen, das ist ein Hype-Zyklus", sagt sie. "Klar, es gibt dann und wann technische Verbesserungen. Doch dadurch entwickelt sich ein Läufer kaum weiter. Worauf es wirklich ankommt, das ist konsequentes Training."

Der Fokus liegt auf der Performance der Schuhe, das Markenzeichen von Enda sind besonders haltbare Sohlen. Reduziert aber speziell das Design: Alle Elemente sind Kenia-inspiriert. Das Logo sieht aus wie die Spitze eines Speers, die traditionelle Jagdwaffe des Landes. Rote und grüne Schnürsenkelösen nehmen Bezug auf die Farben der kenianischen Flagge. Kitenge, ein typischer Stoff in Ostafrika, ist in der Ferse verarbeitet, der Schuhschaft trägt das landestypische Kikoi-Muster. Und auf der Zwischensohle steht das Wort ‚Harambee‘ - ‚Lasst uns alle an einem Strick ziehen.‘ Kenias erster Präsident Jomo Kenyatta rief unter dem Motto eine gesellschaftliche Selbsthilfebewegung ins Leben, die im Leben der Kenianer noch heute eine große Rolle spielt.

So auch für Enda-Chefin Osembo-Ombati. Die 33-jährige Wirtschaftsprüferin stammt selbst aus dem Rift Valley. Lange überlegte sie, wie sich der hohe Stellenwert des Laufens zum Verbessern der Lebensumstände nutzen ließe. In Kenia ist das Laufen kein Fitnessthema - es ist Teil der nationalen Identität. Zugleich ist der Laufsport für junge Leute oft die einzige Chance der Armut zu entkommen. Auf einem Forum für Unternehmensgründer lernte Osembo-Ombati den Amerikaner Weldon Kennedy kennen, ein Experte für soziale Kampagnen, der seit Jahren in Kenia lebt. Die beiden überlegten: Wie kann das Land auch wirtschaftlich vom Erfolg seiner Läufer profitieren?

Startschuss per Crowdfunding

So entstand die Idee, die erste Laufschuh-Marke ‚Made in Kenya‘ zu produzieren. 2016 gründeten Osembo-Ombati und Kennedy ihr Unternehmen Enda, das nötige Kapital bekamen sie von ihren Familien und Freunden. Die Suche nach großen Geldgebern war jedoch schwierig. Kenianische Investoren glauben an Immobilien und die boomende Tech-Startup-Szene des Landes, aber nicht an Konsumgüter-Startups. Internationale Investoren und Risikokapitalgeber wiederum waren vom Geschäftsmodell nicht überzeugt. Warum Sportschuhe in Afrika produzieren, hörten Osembo-Ombati und Kennedy immer wieder. Warum nicht wie die großen globalen Sportmarken in China und Vietnam fertigen lassen?

Per Crowdfunding sammelten die Enda-Gründer 140.000 US-Dollar ein, damit entwickelten und produzierten sie ihr erstes Modell. Die Läufer im Rift Valley trainierten mit dem Prototyp, gaben nach jedem Lauf ihr Feedback, das Enda-Team setzte die Wünsche und Vorschläge der Läufer direkt um. Das in Kenia ein Laufschuh ‚Made in Kenia‘ auf den Markt kam, überzeugte die Skeptiker, fünf lokale Investoren gaben insgesamt 350.000 US-Dollar. Endas Produktionsstätte ist eine ehemalige Sandalen-Fabrik, die jahrelang brach lang. Neben der Fabrik übernahm Enda auch viele der früheren Arbeiter. "Nur mit mehr Jobs verbessern sich die Lebensumstände", sagt Osembo-Ombati, "nur mit einem starken Produktionssektor entwickelt sich ein Land."

"Enda" bedeutet "Lauf!"

Noch bezieht Enda die Komponenten der Schuhe aus China, denn in Kenia werden sie nicht produziert. Noch nicht. "Unser Ziel ist es, sehr bald alles selbst zu fertigen, um 100 Prozent ‚Made in Kenya‘ zu bieten", sagt Kennedy. Mehr Produktion, mehr Arbeitsplätze, mehr Investment - Kenia braucht Firmen wie Enda. Aktuell erwirtschaften produzierende Unternehmen lediglich ein Zehntel des Bruttoinlandsprodukts und stellen nur elf Prozent aller Jobs. Die Regierung will den Sektor pushen, doch die Hürden für Gründer sind hoch, vor allem fehlt Kapital. Osembo-Ombati und Kennedy planen, mit einem Teil ihres Gewinns andere Startups zu unterstützen. "Enda ist ein Sozialunternehmen", sagt Osembo-Ombati. "Von allem, was wir tun, sollen die Menschen in Kenia profitieren."

‚Enda‘ bedeutet ‚Lauf!‘ in der Landessprache Kisuaheli. Der Ruf, mit dem Fans ihre Athleten anfeuern, vor allem auf den letzten Metern. Die Geschichte der Laufschuhe ‚Made in Kenya‘ hingegen geht gerade erst los, sagt Osembo-Ombati. "Enda hat das Potenzial zum Nike von Afrika zu werden."