Der VW-Konzern, größter Autohersteller der Welt, sieht sich mit Blick auf seine neuen Konkurrenten wie etwa Tesla in einem Kapitalmarktdilemma. Vorstandschef Herbert Diess hält deshalb zusätzliche Kostensenkungen und einen raschen Umbau des deutschen Parade-Unternehmens für "unerlässlich", um diesen mit überlegener finanzieller Feuerkraft ausgestatteten Mitbewerbern Paroli bieten zu können, wie er der amerikanischen Finanznachrichtenagentur Bloomberg sagte.

"Trotz aller Bemühungen befinden wir uns derzeit in einer schwierigeren Situation als 2018", betont Diess. In den zweieinhalb Jahren, seit er den VW-Aktionären gesagt habe, Volkswagen müsse an der Börse ein Bewertungsniveau anstreben, das mehr im Einklang mit Firmen wie Apple oder Google stehe, sei die Kluft noch größer geworden. Das habe er "in diesem Ausmaß nicht erwartet", so der österreichische Manager.

VW-Chef Herbert Diess setzt sich seit 2018 für die Entwicklung des Elektroautos ein. - © reuters
VW-Chef Herbert Diess setzt sich seit 2018 für die Entwicklung des Elektroautos ein. - © reuters

Hohe Börsenbewertung verschafft Finanzierungsvorteil

Gerade aufgrund hoher Börsenbewertungen hätten bestimmte Konkurrenten einen Finanzierungsvorteil gegenüber VW. Was die Marktkapitalisierung betrifft, ist im Vorjahr vor allem der US-Elektroautopionier Tesla VW auf- und davongezogen. Nach einer atemberaubenden Kursrally verfügt Tesla inzwischen über einen Börsenwert von rund 700 Millarden Dollar. Damit ist das im kalifornischen Silicon Valley ansässige, von Elon Musk gegründete und gemanagte Unternehmen mehr wert als die nächsten sechs wertvollsten Autohersteller zusammen. VW selbst hat derzeit eine Marktkapitalisierung von umgerechnet etwas mehr als 98 Milliarden Dollar, bei der sich in den vergangenen Jahren nicht viel getan hat.
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Autobauer, die ausschließlich auf elektrisch betriebene Fahrzeuge fokussiert sind, standen bei den Anlegern zuletzt jedenfalls hoch im Kurs. So haben Tesla und die beiden ebenfalls aufstrebenden chinesischen Produzenten Nio und Xpeng allein in einer einzigen Woche im Dezember im Zuge von Kapitalerhöhungen mit dem Verkauf neuer Aktien frisches Geld im Gesamtvolumen von 9,7 Milliarden Dollar eingesammelt. Vom Markt haben sie dieses Kapital mühelos bekommen. Die von Tesla eingenommenen 5 Milliarden Dollar entsprechen etwa der Hälfte des jährlichen Netto-Cashflows von Volkswagen.

Bei den Absatzzahlen ist Tesla noch ein Zwerg

Im Vergleich zu VW ist Tesla mit seinem Börsenwert, den etliche Aktienexperten mittlerweile für weit überzogen halten, zwar ein Riese, mit seinen Absatzzahlen jedoch ein Zwerg. Von Jänner bis Ende November 2020 verkaufte der VW-Konzern 8,31 Millionen Fahrzeuge (die Dezember-Zahlen liegen noch nicht vor), während Tesla im Gesamtjahr 2020 gerade einmal knapp 500.000 Autos auslieferte. Bei den Anlegern dürfte freilich vor allem zählen, dass Tesla aus ihrer Sicht nicht nur für die Zukunft steht, sondern nach vielen Jahren der Verluste mittlerweile auch Gewinne einfährt - zuletzt bereits fünf Quartale in Folge.

VW-Chef Diess nimmt den US-Rivalen, der nun auch stärker mit günstigeren Autos punkten will, jedenfalls "sehr ernst", wie er immer wieder betont. Für die Entwicklung des E-Autos im Volkswagen-Konzern setzt sich der ehemalige BMW-Manager seit Antritt seines Chefamtes im April 2018 ein.

Volkswagen ID.3 gilt als großer Hoffnungsträger

Große Hoffnungen knüpft Diess an den ersten vollelektrischen Volkswagen ID.3, dessen Verkauf im vergangenen September gestartet wurde. Nach den Vorstellungen von VW soll der ID.3 der Golf des Elektro-Zeitalters werden und E-Mobilität in den Alltag bringen. Für den ID.3, aber auch für den Kompakt-SUV ID.4 und den Elektro-Bulli ID.Buzz sind bereits riesige Investitionen geflossen. Insgesamt will der Konzern in den Ausbau der E-Mobilität bis 2024 rund 33 Milliarden Euro investieren. (kle)