Nur noch rund 150 Kilometer - und die umstrittene Gasleitung Nord Stream 2, die zweite Ostsee-Pipeline zwischen Russland und Deutschland, ist fertig. Sie soll Westeuropa künftig mit russischem Erdgas versorgen - mit 55 Milliarden Kubikmetern pro Jahr. Am Freitag sollen die letzten Arbeiten rund um das Großprojekt in Angriff genommen werden. Geplant ist, dass am Ende zwei jeweils 1.200 Kilometer lange Rohrleitungen verlegt sind.

So weit, so gut, wenn da nicht die USA wären. Sie liefen von Anfang an Sturm gegen das 9,5 Milliarden Euro schwere Projekt, hinter dem der russische Staatskonzern Gazprom steht und an dem neben den europäischen Energiefirmen Wintershall Dea, Uniper, Royal Dutch Shell und Engie auch das österreichische Öl- und Gasunternehmen OMV finanziell - mit 729 Millionen Euro - beteiligt ist. Die USA sind nach eigener Darstellung um die Stabilität in Europa besorgt, ihre ablehnende Haltung gegenüber Nord Stream 2 begründen sie mit einer aus ihrer Sicht zu großen Abhängigkeit ihrer dortigen Partnerländer von russischem Gas. Kritiker betonen indessen, dass es ihnen nur um Geschäftsinteressen gehe, konkret darum, ihr Flüssiggas in Europa besser zu verkaufen.

- © M. Hirsch
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Auch Biden lehnt Projekt ab

Faktum ist jedenfalls, dass Washington die Fertigstellung der Pipeline mit weiteren Sanktionsdrohungen noch verhindern will. Anfang Jänner verabschiedete der Kongress trotz massiver Kritik aus Europa ein Gesetz zur Ausweitung der Sanktionen. Vor diesem Hintergrund hat das US-Außenministerium am Mittwoch abermals Druck gemacht, indem es europäische Firmen, die am Bau der Gasleitung beteiligt sind, vor den möglichen Folgen von Sanktionen warnte. "Wir versuchen, die Unternehmen über das Risiko zu informieren und sie zu drängen, sich zurückzuziehen, bevor es zu spät ist", sagte ein US-Regierungsmitarbeiter der Nachrichtenagentur Reuters.

Das Gesetz sieht unter anderem vor, dass gegen Manager dieser Firmen und deren Hauptaktionäre mit Kontrollmehrheit Einreiseverbote in die USA verhängt werden können (bestehende Visa sollen widerrufen werden). Außerdem - und das wiegt besonders schwer - sollen Transaktionen der Betroffenen, die sich auf ihren Besitz oder ihre geschäftlichen Interessen in den USA beziehen, blockiert werden können. Brisantes Detail am Rande: Wie Donald Trump lehnt auch der künftige US-Präsident Joe Biden Nord Stream 2 ab.

Russen springen für Allseas ein

Bereits Ende 2019 hatten US-Sanktionsdrohungen dazu geführt, dass die Schweizer Firma Allseas, die bis dahin mit ihren Spezialschiffen Rohre verlegt hatte, in die Knie ging und aus dem Projekt ausstieg. Das hat die Arbeiten an der Pipeline für rund ein Jahr lahmgelegt. Doch in der Zwischenzeit ist Russland selbst eingesprungen, womit den USA viel Wind aus den Segeln genommen wurde.

Deshalb heißt es in Moskau auch, dass Nord Stream 2 nicht mehr zu stoppen sei. "Wir gehen davon aus, dass das Vorhaben vollendet wird", zitierte die Agentur Interfax vor kurzem einen Sprecher des Kreml. Die Sanktionen seien ein ideales Beispiel "gewissenloser Konkurrenz" mit dem Ziel, Europa ein teureres Produkt anzudienen. Gemeint ist das bereits oben erwähnte Flüssiggas aus den USA, das mehr kostet als russisches Pipeline-Gas. "Solche Handlungen gefallen weder Moskau noch den europäischen Hauptstädten, sie gefallen weder Berlin noch Paris", so der Sprecher. Er wirft den USA einen Verstoß gegen internationales Recht und eine "Ausweitung ihrer künstlichen Dominanz auf den europäischen Markt" vor.

Ähnlich äußerte sich in Deutschland zuletzt auch der Grünen-Bundestagsabgeordnete Jürgen Trittin. Er bezeichnete die Sanktionen als "vollkommen inakzeptabel" und "aggressives Mittel". Sie sollten "offenbar nur einem Ziel dienen: Sie sollen der Energiedominanz der USA Vorschub leisten". Deutschland braucht bei seinem Ausstieg aus der Atomenergie und der Kohlekraft neben dem Ausbau erneuerbarer Energien auch Gas als Übergangstechnologie. Darum gilt Nord Stream 2 dort als wichtig für das Gelingen der Energiewende.

Neben den USA ist auch die Ukraine gegen Nord Stream 2, weil sie befürchtet, ihre Position als wichtigstes Transitland in Europa zu verlieren. Sie befürwortet deshalb Sanktionen. Auch mehrere Länder der Europäischen Union - vor allem Polen und die baltischen Staaten - sind wegen der wachsenden Marktmacht Russlands gegen die Pipeline.