Heimbewohner, Gesundheitspersonal, über 80-Jährige. Dann kritische Berufe wie Lehrer, Polizisten, Apotheker, über 65-Jährige. Am Schluss alle anderen. Das ist die Reihenfolge des nationalen Corona-Impfplans. So wurde sie von der Bundesregierung per Verordnung festgelegt. Bis zum Sommer sollte der Großteil der Bevölkerung durchgeimpft sein.

Doch Warten, bis man an der Reihe ist, erfordert Geduld. Mitunter viel Geduld, wenn sich der Nachschub an Impfstoffen tatsächlich verzögern sollte. Geduld aufbringen heißt aber auch Zeit verlieren. Vor allem für Menschen, die große Angst vor dem Virus haben und für Menschen mit dem nötigen Kleingeld und Machtbewusstsein. Die vergangenen Tage zeigten: Sie werden nicht warten.

Zahlreiche Bürgermeister, Gemeindebedienstete und Angehörige fanden hierzulande Wege, um sich impfen zu lassen. Dagegen half auch kein Nein, wie von der Feldkircher Ärztin Susanne Furlan. Sie verweigerte die Corona-Impfung für den Bürgermeister. Dieser bestand jedoch darauf und wurde von einem anderen Arzt geimpft.

Fälle wie diese zeigen nicht nur ein fragwürdiges Verständnis von Anstand und Moral, sie belegen auch eine steigende Nachfrage nach Impfungen außerhalb von nationalen Impfplänen. Und wo die Nachfrage steigt, steigt auch das Angebot. So auch hier: im Darknet, am Schwarzmarkt und auf Impfreisen.

Luxusimpfen in Dubai

Die Corona-Impfung in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) ist nur für Bürger und Einwohner mit einer gültigen Aufenthaltserlaubnis vorgesehen, bestätigt die Botschaft in Wien gegenüber der "Wiener Zeitung". Wie jedoch mehrere Medien berichteten, gibt es Ausnahmen für Superreiche. Das Londoner Unternehmen Knightsbridge Circle bietet für 40.000 Pfund (45.000 Euro) Impfreisen nach Dubai an: Erste-Klasse-Flüge, Luxusappartements und eben Corona-Impfungen. Auf der Homepage des Unternehmens heißt es: "Eine sorgfältig kuratierte Mitgliedschaft stellt sicher, dass Kunden einen beispiellosen Zugang zu allem erhalten, was das Leben zu bieten hat."

Auch für impffreudige Kunden ohne Macht und Reichtum gibt es einen Markt. Dieser befindet sich im Darknet auf Webseiten, die von Suchmaschinen nicht erfasst werden. Umgekehrt können hier auch die Kunden surfen, ohne dass ihre IP-Adresse nachverfolgt werden kann. Sie bleiben daher anonym. Denn die unsichtbaren Netzwerke sind nur mit eigenem Browser zu erreichen, der Datenverkehr wird zufällig über viele unterschiedliche Rechner umgeleitet. Ein Ausflug in diese Netzwerke zeigt: es wird alles angeboten, was nicht legal oder nur schwer zu bekommen ist - Drogen, Steroide, Viagra-Pillen und neuerdings auch Corona-Impfstoffe; vom russischen Sputnik V, über den indischen Covaxin und sogar Präparate von Biontech, die bei minus 70 Grad gelagert werden müssen.

In Bitcoin zu bezahlen

Auf Seiten wie "Steriod King" (siehe Faksimile), "White House Market" oder "DarkMarket" bieten anonyme Verkäufer neuerdings auch Impfstoffe an. Die Preise für eine Impfdosis belaufen sich von 80 bis hin zu mehreren tausend Dollar. Die Angebote sind in den allermeisten Fällen aber ein Fake. Das Prozedere ist fast immer das gleiche: Man wird aufgefordert, die gewünschte Kaufsumme in Bitcoin oder einer anderen Kryptowährung auf ein Wallet zu transferieren. Dann werde der Impfstoff zugeschickt. Der kommt aber nie an. Und wenn, dann bekommt man im besten Fall eine Ampulle mit Kochsalzlösung.

Angebotene Impfstoffe im Darknet. - © Screenshot / Wiener Zeitung
Angebotene Impfstoffe im Darknet. - © Screenshot / Wiener Zeitung

Vor kurzem warnte die Apothekenkammer davor, Impfstoffe im Internet zu kaufen. "Bei derartigen Angeboten kann es sich ganz klar nur um Fälschungen handeln", wird Raimond Podroschko, Vizepräsident der Österreichischen Apothekerkammer, in einer Aussendung zitiert. "Der erste zugelassene Corona-Impfstoff (von Biontech, Anm.) muss zwingend bei minus 70 Grad gelagert und transportiert werden. Ein Versand nach der Bestellung im Web würde die Kühlkette unterbrechen."

Erst vergangene Woche wurde ein Web-Marktplatz im Darknet hochgenommen. Mit fast 500.000 Benutzern, mehr als 2400 Verkäufern, über 320.000 Transaktionen, mehr als 4650 übertragenen Bitcoin und 12.800 Monero - das sind in etwa 140 Millionen Euro -, war es der weltweite größte Marktplatz im Darknet.

Die Ermittlungen wurden von der Generalstaatsanwaltschaft Koblenz geleitet. Das Netzwerk bestand aus mehr als 20 Servern in Moldawien und der Ukraine. Gehandelt wurde mit Drogen, gestohlenen und gefälschten Kreditkartendaten, anonymen SIM-Karten. Wie der "Wiener Zeitung" bestätigt wurde, gibt es bisher aber keine Hinweise auf illegale Impfstoffe. Die gesamte Auswertung sei aber noch ausständig, erklärt man vonseiten der Generalstaatsanwaltschaft.

Europol warnt vor Anstieg

"Seit Beginn der Corona-Pandemie wurden alle möglichen Medikamente angeboten, die angeblich vor Corona schützen sollen", sagt Jan Op Gen Oorth von der europäischen Polizeibehörde Europol. "Seit der Zulassung von Impfstoffen werden auch diese angeboten." Doch egal, ob Medikamente oder Impfstoffe. Bisher sei alles fake gewesen, sagt er.

Abseits der meist falschen Internetangebote ist von Indien bis nach Europa ein reger, oft illegaler Handel mit Blutkonserven und Blutplasma von bereits genesenen Covid-Patienten entstanden. In einigen Ländern wird Covid-Patienten mit schweren Krankheitsverläufen Blutplasma verabreicht, das Antikörper gegen das Virus enthält. Das soll angeblich die Symptome lindern und die Genesung unterstützen.

"Wir schließen nicht aus, dass im Darknet künftig auch echte Impfstoffe verkauft werden."

Jan Op Gen Oorth, Europol

Deshalb rufen die Gesundheitsbehörden in einigen zentral- und osteuropäischen Ländern regelmäßig Genesene zum Spenden von Plasma auf, das den Patienten eigentlich kostenlos verabreicht werden soll. In vielen Fällen werden aber auch Spenden gegen Geld angeboten, in verschiedenen Facebook-Foren oder sogar über das Krankenhauspersonal. Der bulgarische Privatsender bTV deckte außerdem vor kurzem eine groß angelegte Telefon-Betrugsaktion auf, bei der 100.000 Euro für vermeintlich notwendige Plasma-Fusionen erbeutet wurden.

Neben staatlichen Einrichtungen sollen Impfstoffe künftig auch auf dem privaten Markt erhältlich sein. Das kündigte zuletzt das indische Serum Institute an, größter Impfhersteller der Welt. Bis zu 1,5 Milliarden Dosen könnten nach Angaben des Unternehmens jährlich hergestellt werden. Auf dem freien Markt heißt auch außerhalb der staatlichen Kontrolle, die ja ohnehin viele Lücken aufweist.

Für Oorth steht jedenfalls fest: "Wir schließen nicht aus, dass im Darknet künftig auch echte Impfstoffe verkauft werden."