Im Herbst, als die zweite Corona-Welle anrollte und ein EU-Land nach dem anderen den zweiten Lockdown ausrief, blickten Ökonomen und Banken mit Sorge nach Zentral- und Osteuropa. Die dortigen Wirtschaftseinbrüche, Kreditausfälle und Massenarbeitslosigkeit könnten für heimische Banken, die besonders stark in der Region tätig sind, zu einem teuren Problem werden. Es sieht jedoch danach aus, dass es zumindest aus wirtschaftlicher Sicht gar nicht so schlimm kommen muss.

Die meisten ost- und südosteuropäischen Länder verzeichnen deutlich niedrigere Wirtschaftseinbrüche als Österreich und andere Euro-Länder. Das hat je nach Land ganz unterschiedliche Gründe - und ist nicht immer auf ein besonders gutes Corona-Management zurückzuführen.

Die heimische Wirtschaft ist im Vorjahr laut den Berechnungen des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo) um 7,3 Prozent geschrumpft. Das liegt einerseits an den harten Lockdowns und der Dauer dieser. Andererseits ist Österreich mit einem Anteil von gut 15 Prozent am BIP besonders stark vom Tourismus abhängig. Deshalb trifft die Pandemie die heimische Wirtschaft auch so hart.

"Die erste Welle im Frühjahr war in CEE (Zentral- und Osteuropa, Anm.) nicht so schlimm wie in Westeuropa", erklärt Richard Grieveson, Vizedirektor des Wiener Instituts für internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) mit Blick auf die ökonomischen Auswirkungen auf die Region. Mit Ausnahme von Kroatien (minus 9 Prozent), wo der Tourismus ein sehr gewichtiger Wirtschaftszweig ist, verzeichneten die meisten CEE-Länder niedrigere Einbrüche als die Euro-Länder.

Kaum Kreditausfälle

"Die Anzahl der faulen Kredite ist 2020 in Zentral- und Südosteuropa gegenüber dem Vorjahr sogar gesunken", sagt Peter Brezinschek, Chefanalyst der Raiffeisen Bank International (RBI). Die Non-performing-loan-Ratio (NPL-Quote) ist von 2,4 auf 2,2 gesunken. Das liege zum Teil an den Kreditmoratorien und den laufenden Corona-Hilfen, so Brezinschek. Aber auch für 2021 wird nur ein geringer Anstieg erwartet. "Die Region ist wirtschaftlich ganz gut durch die Krise gekommen", sagt er.

In Serbien etwa fiel der Wirtschaftseinbruch 2020 mit minus 2 Prozent (laut wiiw, Anm.) der Wirtschaftsleistung besonders niedrig aus. "Serbien hat sehr schnell fiskalpolitisch regiert und die Krise abgefedert", so Grieveson. Auch der Anstieg der Arbeitslosigkeit sei relativ gering ausgefallen, wegen der relativ starken Binnennachfrage und der geringen Abhängigkeit vom Tourismus.

"Die meisten osteuropäischen Länder hatten viel kürzere Lockdowns. Russland überhaupt nur einen. Dort wird seit dem Sommer geimpft", erklärt Brezinschek. Tatsächlich kommt vielen aber auch die relativ schwache Abhängigkeit vom Tourismus zugute. Tschechien etwa ist Berechnungen der Erste Group zufolge mit einem BIP-Einbruch von 5,6 Prozent relativ glimpflich davongekommen. Die Industrie macht dort einen sehr großen Teil der Wirtschaftsleistung aus und diese hat sich, nach einem Einbruch im Frühling, sehr rasch erholt.

Auch das Baltikum wurde wirtschaftlich kaum von der Krise getroffen. "Estland ist EU-weit in puncto Digitalisierung führend", sagt Grieveson. Die gesamte Region hat in den vergangenen Jahren wirtschaftlich stark auf die Digitalisierung gesetzt und konnte so die Krise abfedern.

Mobilität zurückgegangen

Die Daten des wiiw zeigen zudem ein interessantes Phänomen. Obwohl die Lockdowns in einigen Ländern weniger lang und weniger strikt als in Österreich waren, ging die Mobilität dort ähnlich stark zurück. Das sei darauf zurückzuführen, dass viele Menschen Angst vor einer Ansteckung haben und trotz offener Geschäfte und Lokale zu Hause geblieben sind.

Angesichts dieser Wirtschaftsdaten erwartet auch die Erste Group keine großen Kreditausfälle in der Region, wie ein Sprecher bestätigt. Die NPL-Quote liegt derzeit bei 2,4 Prozent. Heimische Banken sind laut Notenbank mit einem Umfang von 231 Milliarden Euro in Zentral-, Ost- und Südosteuropa tätig. Das ist die Hälfte ihres gesamten Auslandsengagements.

Viele Todesopfer

Die gute wirtschaftliche Performance korreliert aber nicht überall mit der niedrigen Anzahl an Corona-Toten. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verzeichnete Österreich bisher 7.902 Corona-Todesfälle. Das sind 890 Fälle pro eine Million Einwohner. In Tschechien liegt dieser Wert bei 1.563 pro Million Einwohner, in Bulgarien bei 1.320.

Die höhere Todesrate liegt Experten zufolge aber nur bedingt an der Dauer und Härte der Lockdowns. Die Gesundheitssysteme in vielen östlichen EU-Ländern waren deutlich schlechter auf die Pandemie vorbereitet als das österreichische. Die Krankenhäuser, vor allem in ländlichen Gebieten, verfügen über deutlich weniger Intensivbetten und sind technisch schlechter ausgestattet. Das hat vielerorts zu Triage und einer schlechteren Versorgung von Covid-Patienten geführt.