Der Chefökonom der Industriellenvereinigung Christian Helmenstein formuliert präzise und scheut sich auch nicht in Utopien zu denken. Er sieht die Krise auch als Chance.

"Wiener Zeitung": Gibt es Chancen auf einen nachhaltigen Post-Corona-Aufschwung und wenn ja, was sind die Voraussetzungen dafür?

Christian Helmenstein: Die Corona-Pandemie verleitet zu einer Hommage an den Naturforscher und wohl wichtigsten Vordenker der Evolutionstheorie, Charles Darwin. Der Brite hat darauf aufmerksam gemacht, dass es nicht die Stärksten sein würden, die eine Herausforderung wie eine Pandemie überleben werden. Auch nicht die Intelligentesten - sondern die Anpassungsfähigsten. Darwins Aussagen führen uns direkt zum Kern der Sache: Woran müssen wir uns eigentlich anpassen? Was wird sich Post-Corona geändert haben? Und wenn wir diese Frage beantwortet haben, dann lautet die nächste Frage: Wie passen wir uns bestmöglich an?

Ein wahrscheinlich breit konsensfähiges Ziel lautet wohl, dass Österreich auch in Zukunft eines der lebenswertesten Länder der Welt bleibt. Da geht es einerseits um die materiellen Lebensgestaltungschancen, andererseits um immaterielle Werte wie demokratiepolitische Stärke oder soziale Inklusion. Wenn wir uns das Spektrum der Lebensgestaltungschancen ansehen, dann speisen sich diese aus drei Quellen: der Quantität und Qualität des Humankapitals, der Attraktivität als Investitionsstandort sowie der Fähigkeit, die Kreativität der Menschen in Innovationen – institutionelle wie technologische – umzusetzen.

Sehen Sie in der Situation, vor der man nun steht, Parallelen zu den Goldenen 20ern?

Hinsichtlich der These einer einfachen Replikation von Geschichte hege ich Vorbehalte. Geschichte wiederholt sich nicht, schon deshalb nicht, weil sich die technologischen Umfeldbedingungen über ein Jahrhundert hinweg stark verändert haben. Aber auch deshalb nicht, weil Menschen dazuzulernen vermögen. Geschichte ist eine gestaltbare Größe, kein deterministisches Phänomen. Uns allen ist bekannt, wie die Goldenen 20er Jahre des letzten Jahrhunderts zu Ende gegangen sind. Vielleicht ist das eine der wichtigsten Lektionen aus dieser Zeit, nämlich, alles daran zu setzen, aufmerksam zu bleiben und genau zu beobachten, welchen Pfad unsere Demokratien, aber auch Länder, mit denen wir im Systemwettbewerb stehen, nehmen. Für den Augenblick bin ich positiv gestimmt, denn zumindest die wirtschaftspolitische Unsicherheit hat in den vergangenen Monaten abgenommen. Erstens, weil jetzt die Modalitäten des vollzogenen Brexits bekannt sind und zweitens, weil die US-Wirtschaftspolitik unter dem neuen Präsidenten Joe Biden wieder besser planbar erscheint. Beides ist konjunkturell relevant, weil ein Abnehmen der Unsicherheit die Investitionsneigung beflügelt.

Im Gegensatz zu diesen eher kurz- und mittelfristigen Änderungen bei den wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen hat sich in den letzten Jahren jedoch eine Verschiebung tektonischen Ausmaßes in einem ganz anderen Bereich ökonomischer Bestimmungsgrößen ergeben: Was die drei monotheistischen Religionen stets als Zinsverbot über die Jahrhunderte, gar Jahrtausende hinweg gefordert haben, ist heute Realität. Wir erleben aufgrund der digitalen Revolution Nullzinsen auf sichere Anlagen. Das kommt zumindest in dieser Hinsicht paradiesischen Verhältnissen gleich, die zu Investitionen anspornen. Die Nullzinsen werden morgen nicht verschwunden sein, ebenso wenig wie das Internet. Zumal beides miteinander in einem Zusammenhang steht. Die Nullzinsen sind eine direkte Folge der digitalen Revolution. Vor 20 Jahren brauchte es noch rund eine Milliarde physisches Vermögen in Form von Maschinen und Anlagen, um eine Milliarde an Börsenbewertung zu erzielen, und das setzte wiederum eine Milliarde Euro an Ersparnis voraus. Und heute? Facebook und andere Digitalgiganten benötigen heute nur mehr 40 Millionen Dollar, um eine Milliarde Dollar Börsenbewertung zu generieren. Das ist ein dramatischer Rückgang an physischem Kapitalbedarf um 96% in einer digitalisierten Welt! Bei einem weitgehend unveränderten Kapitalangebot treibt dies die Zinsen gegen Null.

Werden die Zinsen niedrig bleiben?

Ja, und nicht nur das. Ein Papier der Federal Reserve Bank of San Francisco ergibt, dass mit weiteren Zinsrückgängen zu rechnen ist – allerdings nicht kurzfristig, sondern der pandemieinduzierte Angebotsdruck nimmt erst in den nächsten Jahren Fahrt auf. Das bedeutet wiederum, dass gesellschaftlich hochrelevante, extrem ambitionierte Projekte durchführbar werden, die andernfalls schon an ihren Finanzierungskosten scheitern würden. In diesem Umfeld werden erstmals solche Vorhaben betriebswirtschaftlich rentabel, die zwar einen sehr geringen projektspezifischen Ertrag versprechen, deren volkswirtschaftliche Rendite aber aufgrund von Spill-over-Effekten viel höher ausfällt.

In der Vergangenheit wurden die Proponenten solcher Projekte häufig in den finanziellen Ruin getrieben – der Panamakanal oder der Eurotunnel mögen als Beispiele dienen. Aber die Menschheit profitiert bis heute immens von dieser Infrastruktur. Anders als früher nähern sich die Finanzierungskosten solcher Vorhaben in den kommenden Jahrzehnten der Nullmarke. Diese geradezu historische Chance sollten wir nutzen, um die Welt zu verbessern. Nahezu jeden Winkel dieser Erde könnte man mit sauberem Trinkwasser versorgen und damit die Lebensbedingungen der Weltbevölkerung immens verbessern. Gleichzeitig sind riesige Photovoltaik-Anlagen finanzierbar, in denen Wasser zu Wasserstoff und Sauerstoff aufgespalten wird. Diese speicherbare Energie könnten sonnenreiche Länder des Südens dann einkommensgenerierend exportieren und dadurch zugleich die Energiewende – und darin eingebettet die Mobilitätswende –, unterstützen.

Das kumulative Wirken der Folgen der Digitalisierung einerseits und der Pandemie andererseits wird finanzielle Rahmenbedingungen für Investitionen hervorrufen, welche bis dato geradezu utopisch erscheinen mussten. Das ist die faszinierende Perspektive für die Zwanzigerjahre dieses Jahrhunderts – und darüber hinaus.

Also können wir auf Roaring 20ies hoffen?

Ja, aber dabei ist die Konditionalität aller diesbezüglichen Aussagen zu beachten. Wir leben nach wie vor in einer Welt, in der höhere Erträge mit höheren Risiken einhergehen. Das hat sich weder durch die Digitalisierung noch durch die Covid-Pandemie geändert. Verändert haben sich lediglich die verwendeten Begrifflichkeiten. Heute ist die Rede von Effizienz versus Resilienz. Ein Beispiel: Die Konzentration der Antibiotika-Produktion in Clustern in den chinesischen Provinzen Zhejiang, Jiangsu und Shandong. Cluster dieser Art sind maximal effizient, aber will man wirklich an einem Ort der Welt 80 Prozent aller Antibiotika-Wirkstoffe produzieren? Das geht auf Kosten der Resilienz. Allerdings spricht das soeben Ausgeführte nicht gegen die Globalisierung. Die μ-σ-Regel gilt weiterhin. Es wurde auf das μ – also die Effizienz – viel Wert gelegt, dabei geriet das σ – das Risiko – aus dem Fokus. In Reaktion darauf werden wir in Zukunft ein Mehr an Globalisierung sehen, kein Weniger. Denn die Resilienz lässt sich durch Diversifizierung der Lieferbeziehungen erhöhen, das heißt aber auch, dass die Produktionsstandorte noch stärker über den Globus verteilt werden. Es könnte sich also die durchschnittliche Länge der Lieferketten verringern, während deren Anzahl zunimmt.

Ebenfalls zur Konditionalität zählt, dass heute ein anderes Regulierungsregime als vor 100 Jahren herrscht. Wir benötigen nicht mehr, sondern eine bessere Regulierung, die widerspruchsfrei und anreizkompatibel dazu beiträgt, dass ein höherer Wohlstand möglich wird. Durch unintelligente, zu spät einsetzende oder gar fehlende Regulierung lassen wir uns ein unglaubliches Potenzial entgehen.

Und was, wenn wir aus der Corona-Depression nicht herausfinden?

Wenn wir es nicht schaffen, uns an die neuen technologischen, finanziellen und institutionellen Bedingungen anzupassen und die damit verbundenen enormen Chancen zu nutzen, werden wir in eine ähnliche Situation wie vor 90 Jahren geraten, nämlich dass sehr viele Menschen un- oder unterbeschäftigt sein werden. Zweifellos stehen uns heute viel besser ausgebaute soziale Sicherungssysteme als in den 1930er Jahren zur Verfügung. Das ändert aber nichts daran, dass Menschen aus Beschäftigung nicht nur Einkommen, sondern auch Lebenszufriedenheit und Selbsterfüllung beziehen. Daher gilt es die soziale Kohäsion nicht nur zu erhalten, sondern wieder zu stärken. Post-Covid werden wir einen hohen Produktivitätszuwachs, gerade im Dienstleistungssektor, erleben. Das bedeutet, dass wir das gegebene Produktionsniveau mit viel weniger Arbeitskräften bewältigen können. Also müssen weitere Aktivitäten gefunden werden, damit das Produktivpotenzial der Menschen, die ihre bisherige Beschäftigung verloren haben, sinnvoll genutzt wird. Ein weiterer Punkt, um die Zukunft zu gewinnen: Die Staaten müssen sich in ihrem Selbstverständnis als Betreiber großer Transfersysteme, also von Umverteilungsmechanismen, weiterentwickeln und – wie nach dem Zweiten Weltkrieg – wieder verstärkt als Co-Investoren für die Bildungs‑, Infrastruktur- und Umweltschutzerfordernisse der Zukunft auftreten.

Sie fordern einen Nachtwächterstaat?

Kategorisch Nein! Es braucht auch keinen in die Defensive gedrängten Staat. Was es braucht, ist ein Nachdenken über einen wesentlich veränderten Staat, der sich aktiv in die Stärkung des Produktivkapitals einbringt. Wenn die Diskussion um "Beyond GDP" etwas gebracht hat, dann die Erkenntnis, dass wir nicht nur eine Stromgrößenrechnung in Form des Bruttoinlandsproduktes, sondern auch eine Bestandsgrößenrechnung in Form einer (materiellen und immateriellen) Vermögensbilanz benötigen. Staatliches Handeln jedweder Form – durch Regulierung, durch Ausgaben- und Einnahmengestaltungen – wird dieses Vermögen mehren oder schmälern. Eine Politik ist dann erfolgreich, wenn sie dieses Vermögen vermehrt. Nicht nur wirtschafts-, sondern auch demokratiepolitisch wäre es höchst wünschenswert, ein solches Instrument zur Verfügung zu haben, um dessen Befunde bei Wahlen mit ins Kalkül ziehen zu können.

Was verstehen Sie darunter?

Die Rentabilität einer jeden privaten Investition hängt mit der Leistung des Staates eng zusammen. Wenn die Infrastruktur, die Bildung oder der soziale Zusammenhalt nicht mehr passen, dann sinkt – ceteris paribus – auch die Rentabilität der privaten Investitionen. Auf den Punkt gebracht: Was Unternehmer oder Unternehmerinnen auf ihrem Firmengelände machen, unterliegt ihrer eigenen Kontrolle. Aber am Firmentor endet dieser unmittelbare Einfluss. Spätestens von dort an ist ein Unternehmen zwangsläufig auf die Qualität der öffentlichen Leistungserbringung angewiesen.

Welche Rolle wird - sobald die Impfungen greifen – der zu erwartende Stimmungsumschwung spielen?

Es gibt meiner Einschätzung nach sechs Punkte, warum sich die COVID-Rezession von den vorhergehenden Rezessionen unterscheidet.

Erster Punkt: Die Tiefe der Rezession. Man könnte argumentieren, dass allein die Stärke des Einbruchs erwarten lässt, dass wir einen überdurchschnittlich starken Aufschwung erwarten können.

Und zweitens?

Die Erreichbarkeit insbesondere der Fernmärkte gestaltet sich bis zum heutigen Tage schwierig – wenn selbige wiederhergestellt ist, werden die Exporte kräftig anziehen.

Drittens: Wir beobachten eine außergewöhnlich hohe Sparquote, die sich im Zuge von COVID-19 in etwa verdoppelt hat. Dieser Anstieg der Sparquote ist einerseits auf ein Zwangssparen zurückzuführen, welches in einer normalen Rezession nicht auftritt: dass nämlich Güter oder Dienstleistungen aufgrund der Lockdown-Maßnahmen schlichtweg nicht verfügbar sind, obwohl Konsumentinnen und Konsumenten die Absicht hätten, selbige zu erwerben oder zu nutzen. Der andere Faktor ist das Keynessche Vorsichtssparen. John Maynard Keynes führte auf Basis der Erfahrungen in der Großen Depression aus, dass die Menschen anfangen, den Gürtel enger zu schnallen, sobald sie um ihren Arbeitsplatz besorgt sind. Das Zwangssparen verschwindet sehr rasch, sobald die Güter und Dienstleistungen wieder zugänglich sind, man also wieder in allen Geschäften einkaufen und auf Urlaub fahren kann. Aber das Vorsichtssparen wird zunächst zumindest teilweise beibehalten, solange die wirtschaftliche Lage angespannt bleibt. Trotzdem: Wenn wir von der derzeitigen Sparquote von 14 Prozent kurzfristig wieder auf – sagen wir – neun Prozent und nicht wie früher sieben Prozent zurückkehren, dann landen wieder 11,25 Milliarden Euro zusätzlich im Konsum.

Vierter Aspekt: Die Investitionsprämie betrifft ein Investitionsvolumen von rund 30 Milliarden Euro. Wenn man sich vor Augen hält, dass das Investitionsvolumen in der Industrie ohne Energieversorger ungefähr 8,5 Milliarden Euro pro Jahr ausmacht, dann lässt sich schon daran erkennen, dass wir einen Investitionsschub in der Pipeline haben.

Den fünften Punkt habe ich bereits erwähnt: Die Abwahl von Donald Trump und der nun vollzogene Brexit bringen eine bessere Planbarkeit.

Sechster und letzter Punkt: Die Überwindung von Covid-19 durch Impfstoffe und Therapeutika lässt sich als größtmögliches Kompliment an die medizinische und ökonomische Leistungsfähigkeit der Menschheit verstehen. Es handelt sich um eine beeindruckende Demonstration dessen, was möglich ist, wenn die Kreativität der Wissenschaft mit dem Skalierungsvermögen der Industrie zusammentrifft.

In der Tat, die Forschung hat extrem schnell Impfstoffe entwickelt, aber haben nicht die Pharma-Manager versagt, die bei den Produktionsanlagen nicht mitgehalten haben?

Überhaupt nicht. Sowohl die Produktion als auch die Logistik wurden hervorragend organisiert. Daher würde ich einen anderen Schluss ziehen: Warum liegen die Kontinentaleuropäer im Vergleich zu Briten und Amerikanern – von Israel und anderen kleineren Staaten überhaupt absehend – was das Impfen betrifft so weit zurück? Das ist kein Zufall, sondern zeigt, dass die US-Gesellschaft einschließlich der Politik nach wie vor einen anderen Zugang zu den Themen Technologie und Innovation verfolgt. In den USA herrscht das Innovationsprinzip, das heißt, man probiert aus, was Innovationen bringen könnten, während in Europa das Vorsorgeprinzip dominiert: Man versucht zu antizipieren, welche negativen Folgen auftreten könnten, um diese möglichst von vornherein zu minimieren. Der EU-Kommission ging es (zu) lange um die Frage der Haftungen für allfällige gesundheitliche Folgenwirkungen durch die Impfstoffe. Post-Covid hoffe ich auf einen gesellschaftlichen Diskurs darüber, ob wir nicht in vielen Fällen in Europa zu risikoavers und zu innovationskritisch agieren. Denn nun ist evident geworden, dass wir einen hohen Preis für diese Skepsis bezahlen.