Oberbürgermeister Peter Kuras seufzt, wenn er von seinem Bürofenster im Rathaus aus über den fast menschenleeren Marktplatz in Dessau schaut. Die Corona-Pandemie hat das öffentliche Leben in der Bauhaus-Stadt in Sachsen-Anhalt zu großen Teilen lahmgelegt. Doch ausgerechnet mit Dessau sind derzeit große Hoffnungen verbunden, dass sich dies bald ändern könnte. Denn hier sitzt die Firma IDT Biologika, die den Corona-Impfstoff des britischen Herstellers AstraZeneca abfüllt und künftig auch produzieren wird. Das Unternehmen arbeitet sogar an einem eigenen Covid-19-Vakzin.

In dem rund 50 Kilometer entfernten Ort Brehna produziert Dermapharm seit Oktober den Corona-Impfstoff des Mainzer Unternehmens Biontech. Das ostdeutsche Bundesland Sachsen-Anhalt befindet sich plötzlich im Mittelpunkt einer neuen Strategie der Bundesregierung: Deutschland soll das neue Zentrum für die Impfstoff-Produktion in Europa werden. Und es wird groß gedacht: "Geplant wird eine Kapazität von zwei Milliarden Impfdosen jährlich", sagt eine mit der Materie vertraute Person. Das ist ein Vielfaches dessen, was Deutschland zur Versorgung seiner Bevölkerung in der Corona-Pandemie braucht. Deutschland denkt eben als Exportnation.

Komplexität unterschätzt

Dass die Chancen für solche Pläne nicht schlecht stehen, liegt an Unternehmen, die vor Corona kaum einer kannte: Neben Biontech auch die Tübinger Curevac AG. Sie machen mit der eigentlich für die Krebsbekämpfung entwickelten sogenannten Messenger-RNA von sich reden, ein möglicher "game changer" in der Medizin. "Deutschland könnte ein Hub für die mRNA-Technologie werden", schwärmt Gesundheitsminister Jens Spahn. Davon träumt die Bundesregierung seit Juni 2020, als das Forschungsministerium 750 Millionen Euro in die Corona-Impfstoffentwicklung pumpte. Der größte Batzen davon ging an Biontech und Curevac, ein Teil auch an IDT. Biontech verfügt heute zusammen mit AstraZeneca und dem US-Unternehmen Moderna über die einzigen in der EU zugelassenen Präparate – Curevac hofft, bald nachzuziehen.

Doch derzeit ist Impfstoff knapp und die hitzigen Streitereien über wer wann wieviel Dosen liefert zeigen, dass man sich nicht nur um die Entwicklung, sondern auch um die Produktion der Mittel Gedanken machen muss. Dabei hat die Bundesregierung die Komplexität wohl unterschätzt. "Ich glaube, der Bund hat anfangs nicht verstanden, dass es nicht nur damit getan ist, Firmen für Forschung Geld zu geben, sondern auch Produktionskapazitäten aufzubauen", sagt Dessaus Oberbürgermeister Kuras. Zwar hatte das Forschungsministerium bei der Vergabe der Mittel etliche Millionen Euro für die Produktion reserviert. Aber den Beteiligten dämmerte wohl erst nach und nach, dass die Herstellung von Impfstoffen komplizierter ist als die von Schutzmasken.

Sie kann nur ausgeweitet werden, wenn alle Teile der Wertschöpfungskette ausreichend vorhanden sind – von Vorprodukten wie Lipiden bis zu Gläschen zur Abfüllung des Impfstoffes oder Verpackungskapazitäten. Das Problem sei, eine frühere Nischen-Produktion plötzlich auf industriellen Maßstab hochzufahren, sagt Dermapharm-Chef Hans-Georg Feldmeier im Reuters-TV-Interview. Erst am Mittwoch wurde ein Staatssekretärsausschuss der Wirtschafts-, Gesundheits- und Finanzressorts eingesetzt, der sich mit einer Taskforce um Lieferengpässe in der gesamten Produktion kümmern soll.

Forscher-Netzwerk und Kompetenz-Cluster

Sachsen-Anhalt ist ein Beispiel, wie sich industrielle Pharma-Strukturen aufbauen lassen. "Wir haben hier eine 100-jährige Tradition", meint Oberbürgermeister Kuras in Dessau. Der Vorläufer von IDT, das Institut für Bakteriologie der Anhaltischen Kreise, wurde 1921 gegründet. Inzwischen zählt das Unternehmen in Dessau 1500 Beschäftigte. "Wir sind stolz, dass wir einer der größten Anbieter vom Impfstoffen in Europa werden", sagt Firmenchef Jürgen Betzing selbstbewusst. Den Erfolg macht laut IDT-Forschungschef Andreas Neubert auch ein Netzwerk unter Forschern aus: So arbeite das Unternehmen seit 1997 mit der Universität Oxford zusammen, mit der man Impfstoffe gegen Malaria, Aids oder Tuberkulose entwickelt und getestet habe. Man kannte sich, als es um das Coronavirus ging.

Ein weiterer Vorteil ist eine Art Cluster-Bildung in der Region: "Wir haben in Sachsen-Anhalt ein ganzes Kompetenz-Dreieck im Impfstoffbereich, auch wenn dies oft nicht über die Landesgrenzen hinaus bekannt ist", sagt Ministerpräsident Reiner Haseloff im Reuters-Interview. Dazu gehörten neben IDT und Dermapharm auch das Bernburger Serumwerk und der Weinberg-Campus der Uni Halle mit seinen Ausgründungen. IDT-Chef Betzing betont dazu: "Wir haben alles unter einem Dach, angefangen von der Wirkstoffproduktion über das Abfüllen des Wirkstoffs dann in kleine Gläschen, die visuelle Inspektion ... und letztendlich dann die Verpackung."

In Sachsen-Anhalt scheint zudem das Zusammenspiel von lokaler Politik und Unternehmen zu funktionieren – fern aller großen geostrategischen Überlegungen, die man sich in Bundesministerien macht. Als sich IDT vergrößerte, habe es genug Vorhalteflächen gegeben, die die Stadt erschließen konnte, erzählt Oberbürgermeister Kuras. So sei man schnell in der Lage gewesen, Baugenehmigungen zu erteilen. "Es geht darum, immer Ansprechpartner für eine Firma zu sein, wenn es Probleme gibt", sagt Haselhoff, er als Staatssekretär im Wirtschaftsministerium in Magdeburg erstmals 2002 Kontakt zu dem Unternehmen gehabt habe. In dem östlichen Bundesland Sachsen-Anhalt bedeute dies auch, sich um Rückholaktionen von Fachleuten aus dem Westen zu kümmern. Dessaus Oberbürgermeister hat mit der örtlichen Bundesanstalt für Arbeit bereits über mögliche Umschulung von Personal gesprochen.

Standorte im ganzen Land

Beim großangelegten Aufbau der Impfstoffproduktion muss Deutschland also nicht bei Null anfangen. Auch andernorts herrscht Betriebsamkeit: Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht dabei sicher das Werk Marburg, das Biontech 2020 von Novartis erwarb. Dort soll Anfang März eine Produktion anlaufen, die eine Kapazität von 750 Millionen Impfdosen jährlich haben könnte. Im Schulterschluss sorgten Bund, Land Hessen und kommunale Behörden hinter den Kulissen ohne großes Aufsehen, dass die Genehmigungsverfahren schnell durchgingen.

Die US-Firma Baxter produziert in Halle/Westfalen den Biontech-Impfstoff - eine "dreistellige Millionenhöhe" binnen 18 Monaten. Außerdem will Baxter den Corona-Impfstoff der US-Firma Novavax herstellen, der allerdings in der EU noch nicht zugelassen ist. Ende Januar kündigte der französische Pharmakonzern Sanofi an, 125 Millionen Dosen Biontech-Impfstoff in den Produktionsanlagen in Frankfurt zu fertigen. Dermapharma wiederum plant im Mai eine weitere Produktionsstätte in Reinbek bei Hamburg.

Curevac dockte beim Chemie- und Pharmariesen Bayer an, der im Werk Wuppertal Impfstoff produzieren will. Und der britische Pharmariese GlaxoSmithKline will 2021 bis zu 100 Millionen Dosen Curevac-Impfstoff in einem Werk bei Dresden produzieren. Insgesamt will Curevac in diesem Jahr 300 Millionen Impfdosen herstellen. Die Corona-Pandemie hat dazu geführt, dass sich große Konzerne ohne erfolgreiche eigene Entwicklung durch Auftragsproduktion zumindest technologisches Knowhow der kleinen Innovativen abschauen wollen.

In Sachsen-Anhalt kündigte IDT-Chef Betzing an, eine neue Produktionsanlage werde eine Kapazität von 30 bis 40 Millionen Impfdosen pro Monat haben – das macht mehr als 360 Millionen Dosen im Jahr. Das Unternehmen ist weltweit so attraktiv, dass auch die Entwickler des russischen Impfstoffs Sputnik V in Dessau vorstellig geworden sind – der aber auch noch keine EU-Zulassung hat. "Ich kann mir vorstellen, dass die Sputnik-V-Produktion interessant wäre, weil sie IDT auch den osteuropäischen Markt bis China öffnen würde", meint Haseloff.

Dazu kommt, dass Deutschland eben auch über viele Hersteller von Produkten in der Wertschöpfungskette verfügt - beispielsweise mit Schott und Gerresheimer als wichtigen Hersteller von Impfstoffampullen. Evonik und Merck wiederum stellen Lipide her – wenn auch derzeit vor allem in den USA und Kanada. Dermapharm produziert die Lipid-Ummantelungen für Biontech in Brehna. Die Wege sind kurz.

Hub für Europa

Alles zusammen nährt die Fantasien der Politik, aus Deutschland dauerhaft ein neues Zentrum für Impfstoff-Produktion machen zu können. "Wir haben jetzt in Gesprächen mit Herstellern festgestellt, dass es nicht wenige Hersteller gibt, die darüber nachdenken, in Deutschland zu investieren", sagt Spahn, der sofort Förderprogramme ins Gespräch brachte. "An den Finanzen wird es nicht scheitern", fügte ein Sprecher von Finanzminister Olaf Scholz hinzu. In internen Beratungen geben die Vertreter von Pharmafirmen allerdings an, dass ihnen eine langfristige Abnahmegarantie wichtiger sei als Subventionen, heißt es in Regierungskreisen.

In einem, so betont Sachen-Anhalts Ministerpräsident Haseloff, könne der Bund deshalb schon helfen. "Ich bin auf jeden Fall für den Aufbau auch von Reserve-Kapazitäten bei der Impfstoff-Herstellung", sagt er mit Blick auf die geforderte Perspektive der Firmen für ihre Investitionen. Der Staat müsse die Kosten dafür übernehmen, fordert der CDU-Politiker und vergleicht die Situation mit der Lage in der Energiewirtschaft. Dort werde ebenfalls dafür gezahlt, dass mit Blick auf die Versorgungssicherheit Kraftwerke in Reserve gehalten werden. Spahn stimmt ihm grundsätzlich zu und will das Land für künftige Pandemien vorbereiten. Zu langfristigen Perspektive gehört nach Angaben aus Regierungskreisen auch, die Firmen in Deutschland zu halten. An Curevac ist der Bund bereits beteiligt. In der Vergangenheit seien Patente zu oft etwa in die USA verkauft worden.

Allerdings reicht eine rein deutsche Sichtweise nicht aus. Es bräuchte eine europäische Impfstoffallianz, so wie es sie in den USA schon gebe, fordert Betzing. Tatsächlich wird jetzt auch die EU-Kommission aktiv: Industriekommissar Thierry Breton hat eine eigene Taskforce für die Impfstoffproduktion zusammengestellt. "Man braucht europäische und nationale Netzwerke, die Finanzierungsentscheidungen in kritischen Phasen regeln können", meint auch Haseloff. "Das regelt nicht der Markt alleine." (reuters)