Der Deutschland-Chef der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young (EY), Hubert Barth, wird von der Unternehmensspitze abgezogen. Er übernehme innerhalb des Unternehmens auf europäischer Ebene eine andere Aufgabe, teilte EY am Donnerstag mit. Die beiden EY-Manager Henrik Ahlers und Jean-Yves Jegourel übernehmen die Verantwortung für das Deutschlandgeschäft. EY steht in der Kritik, den mutmaßlichen Milliardenbetrug bei Wirecard nicht früher entdeckt zu haben.

"Es ist oberste Priorität von EY, zur Aufklärung des Falles Wirecard beizutragen und verlorengegangenes Vertrauen wieder herzustellen", erklärte der Wirtschaftsprüfer. Eine Expertenkommission unter Vorsitz des früheren deutschen Finanzministers Theo Waigel soll die Vorgänge aufarbeiten und EY bei Veränderungen in Geschäftsprozessen beraten.

Die wegen Wirecard unter Druck geratene Prüfungsgesellschaft übt sich nun in Schadensbegrenzung und lässt die internen Abläufe von unabhängigen Experten unter die Lupe nehmen. EY steht in der Kritik, den mutmaßlichen Bilanzbetrug bei Wirecard nicht früher entdeckt zu haben, durch den Banken, Kunden und Anleger Milliarden verloren.

Bilanzunregelmäßigkeiten übersehen

Barth stand seit 2016 an der Spitze der Deutschland-Tochter. Er hat die Bilanzen von Wirecard nicht selbst geprüft, muss nun aber wie der Chef der deutschen Finanzaufsicht BaFin, Felix Hufeld, und der Vorsitzende der Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR), Edgar Ernst, seinen Hut nehmen. Den Behörden wird vorgeworfen, die Bilanzunregelmäßigkeiten bei dem Zahlungsanbieter nicht gesehen zu haben.

Einige deutsche Unternehmen wie die Deutsche-Bank-Fondstochter DWS und die Commerzbank haben EY in den vergangenen Monaten den Rücken gekehrt. Außerdem ist die Gesellschaft mit Klagen von Wirecard-Geschädigten konfrontiert. Das Unternehmen gehört neben PwC, KPMG und Deloitte zu den vier größten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften der Welt.

Eine Gruppe externer Berater unter Führung von Ex-Finanzminister Waigel soll nun die Abläufe und Prozesse bei EY prüfen. "Uns ist bewusst, dass es erheblicher Anstrengungen bedarf, um das Vertrauen unserer Mandanten, anderer Marktteilnehmer und der Öffentlichkeit in die Qualität der Abschlussprüfung dauerhaft sicherzustellen", sagte Peter Wollmert, Mitglied der deutschen Geschäftsführung. "Die Qualität der Abschlussprüfung ist entscheidend für den Ruf und den Gesamterfolg von EY."

EY hat Testat freigegeben

EY hatte jahrelang die Bilanzen von Wirecard testiert und nach eigenen Angaben nichts von den Bilanzfälschungen gemerkt. Erst eine Sonderprüfung des Konkurrenten KPMG brachte im Frühjahr 2020 Unregelmäßigkeiten zutage. EY verweigerte im Juni Wirecard das Testat für die Bilanz 2019, wenige Tage später meldete der deutsche Zahlungsabwickler Insolvenz an - als erster DAX-Konzern überhaupt. Der frühere Vorstandschef Markus Braun und andere Manager sitzen im Gefängnis, Asien-Vorstand Jan Marsalek ist untergetaucht. Braun und Marsalek sind Österreicher.

Barth soll nach bisheriger Planung Mitte März im parlamentarischen Untersuchungsausschuss vernommen werden. "Wir wollen Aufklärung über die Rolle von EY bei Wirecard", sagte SPD-Politikerin Cansel Kiziltepe. "Die Kunden von EY und die Öffentlichkeit haben das Recht zu erfahren, was schiefgelaufen ist beim Wirecard-Mandat."

Der deutsche Bundesgerichtshof (BGH) stellte erst kürzlich klar, dass die EY-Mitarbeiter sich nicht auf ein Zeugnisverweigerungsrecht über die Wirecard-Bilanzen berufen können. Der parlamentarische Untersuchungsausschuss soll den Finanzskandal aufarbeiten und politische Verantwortlichkeiten klären. Ende November hatten sich zwei EY-Vertreter dort nicht zum Fall äußern wollen und sich auf Verschwiegenheitspflichten berufen. Sie pochten darauf, dass sie der Wirecard-Insolvenzverwalter davon nicht entbinden könne, sondern nur ihr damaliger Auftraggeber - also der in Haft sitzende Vorstandschef. (apa/reuters)