Als Kim Jin-suk im Februar endlich am Blauen Haus angekommen war, hätte sie sich ein gründliches Gespräch erhofft, oder wenigstens einen Handschlag. Mehr als 30 Tage war sie marschiert, 400 Kilometer aus der südlich gelegenen Industriestadt Busan bis in die Hauptstadt Seoul. Doch als die 61-Jährige dann vorm Amtssitz des Präsidenten Südkoreas stand, wurde sie nur ignoriert. "Ich bin schon ziemlich skeptisch gegenüber Moon Jae-in geworden", sagt sie Wochen später. "Moon hatte behauptet, er sei der Präsident der Arbeitsplätze. Er ist es wohl doch nicht."

Der Protestmarsch der Gewerkschafterin, der letzten Monat in der Hauptstadt ergebnislos endete, sorgte für viel Aufsehen im ostasiatischen Land. Schließlich ist Kim Jin-suk nicht irgendwer. Sie gehört zu den Ikonen Südkoreas im Kampf um Gleichberechtigung. Der Frau schlossen sich Hunderte an. In der aktuellen Krise wollen sie ihre Würde zurück. "In Korea mal wieder alles auf die Arbeiter abgewälzt", klagt Kim. "Vor allem auf die weiblichen."

Solche Töne sind ungewöhnlich aus Südkorea. Seit die Pandemie ihren globalen Lauf nahm, hat kaum ein Land die Welt so sehr beeindruckt wie dieses. Durch rasches, entschiedenes Handeln - vom regelmäßigen Desinfizieren öffentlicher Plätze über strenge Nachverfolgung der Infektionsketten durch Smartphones bis zur schnellen Produktion von Schnelltests und Schutzmasken - ist Südkorea bis heute relativ wenig von der Pandemie betroffen. Das Land zählt nur rund 90.000 Infektionen und 1.600 Tote. Selbst die Volkswirtschaft schrumpfte 2020 mit 1,1 Prozent nur leicht. Die Welt blickt mit Neid nach Ostasien.

Verwundbare Gruppen

Doch auch hier hat die Pandemie Verlierer hervorgerufen. Und diese sind, wie es die heutige Gewerkschaftsführerin Kim sagt, vor allem die ohnehin schon verwundbaren Gruppen. Kims persönlicher Fall weckt dabei vor allem Erinnerungen daran wach, dass dies eigentlich nichts Neues ist. "Ich wurde 1986 als junge Frau beim Schwerindustriekonzern Hanjin entlassen, nachdem ich mich gewerkschaftlich engagiert hatte", erklärt sie. Bis heute würden Frauen systematisch benachteiligt und sobald sie unbequem werden, schnellstmöglich entlassen.

Tatsächlich ist sie Aktivistin nicht die Einzige, die so etwas sagt. "Covid-19 hat Südkoreas Geschlechterungleichheit noch verstärkt", betitelte Troy Stangarone, Direktor des Korea Economic Institue of America, Ende Februar seinen Essay. Denn während Frauen schon vor der Pandemie rund doppelt so häufig prekär beschäftigt waren und in Einkommensarmut lebten wie Männer, hat sich die Lage nun noch in mehreren Dimensionen verschärft. Einerseits arbeiten Frauen vermehrt in jenen Branchen, die pandemiebedingt durch Überlastung betroffen sind. So ist kaum ein Viertel der Ärzte weiblich, aber etwa 94 Prozent der weiteren Arbeitskräfte im Gesundheitssektor sind Frauen.

Andererseits sind weibliche Arbeitskräfte nun im besonderen Ausmaß von Jobverlusten betroffen. "Frauen machen die Mehrheit der Arbeitskräfte in den Branchen Bildung, Transport, Hotellerie, Gastronomie und Catering aus", berichtet Stangarone. Ebendort sind erheblich Stellen reduziert worden. Und als wäre das nicht genug: Frauen mit Lebenspartnern erledigen daheim auch noch den Großteil der unbezahlten Hausarbeit. Denn auch dies gilt als eine typische Frauensache. Eine typische Erklärung dafür ist, dass Männer, die vom Arbeitgeber eher gefördert werden, durchschnittlich länger im Büro bleiben müssen.

Auch im internationalen Vergleich fällt die Benachteiligung von Frauen in Südkorea auf. Im Global Gender Gap Report des World Economic Forum, der die Geschlechtergleichstellung in den Bereichen Arbeitsmarkt, Bildung, Politik und Gesundheit vergleicht, belegt das Land derzeit Platz 108 von 153. Frauen in Südkorea sind heutzutage gleich gut ausgebildet wie Männer und haben auch den gleichen Zugang zu Gesundheitsleistungen. Besonders ungleich sind die Geschlechter aber in Sachen Repräsentation in der Politik sowie bei der Gleichstellung im wirtschaftlichen Leben. Arbeitgeber gehen häufig davon aus, dass eine Frau ohnehin irgendwann schwangerschaftsbedingt aus dem Job ausscheiden werde. So investiert man auch weniger in deren Fortbildungen.

Mehr Suizidversuche

Und in dieser Pandemie zeigt sich die Ungleichheit sogar bei den Suiziden. Laut den Statistiken nehmen sich zwar Männer ungefähr doppelt so häufig das Leben wie Frauen, diese versuchen es jedoch häufiger. Und sie scheinen aufzuholen. Im ersten Halbjahr 2020, als die Pandemie auch hier für tiefe Einschnitte im Lebensalltag sorgte, schoss die Zahl gelungener Selbstmordversuche plötzlich in die Höhe. Bei Frauen insgesamt stieg dieser Wert um sieben Prozent an, im Alter von 20 und 29 Jahren sogar um 40 Prozent. Kim Jin-suk und auch Troy Stangarone sehen wichtige Gründe in der sozioökonomischen Benachteiligung.

Es ist eine Schieflage, die eigentlich längst begradigt sein sollte. Seit sich Südkorea in den Nachkriegsjahrzehnten durch schnelles Wirtschaftswachstum von einem Agrarland in eine Industrienation transformiert hat, wird hier auch für Gleichheit gekämpft. Und von Anfang an gehörten Frauen zu den treibenden Kräften. Neben Kim Jin-suk gehört die Gewerkschafterin Kim So-yeon zu den Vorbildern, die für den Elektronikkonzern Kiryung arbeite. Als sie nach der Jahrtausendwende jahrelang Proteste organisiert hatte, um den prekären Angestellten reguläre Jobs zu erstreiten, wurde auch sie gefeuert. Der Fall machte große Schlagzeilen, auch weil er in einen Hungerstreik mündete.

Allerdings auch deshalb, weil seither nicht sehr viel erreicht worden ist. Als vor vier Jahren der linksliberale Moon Jae-in zum Präsidenten Südkoreas gewählt wurde, versprach er, den hohen Anteil prekärer Jobs nach unten zu treiben. Insgesamt ist heute jede vierte Arbeitsstelle zeitlich befristet - gut doppelt so häufig wie im Durchschnitt der Industrieländer. Hiervon wiederum sind Frauen rund doppelt so häufig betroffen.

Doch Moons Versuch, dieses Problem durch öffentlich geforderte Stellen zu beheben, ist nur sehr bedingt gelungen.

"Womöglich will er deshalb nicht mit mir sprechen", sagt Kim Jin-suk. Daran, dass sich die beiden nicht kennen, liegt es jedenfalls nicht. Als Anwalt vertrat Moon Jae-in einst die Interessen von Gewerkschaftern, die mit Kim eng zusammenarbeiten.