Die zweite Zinssitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) in diesem Jahr wird nach Einschätzung von Volkswirten ganz im Bann des starken Renditeanstiegs bei Staatsanleihen stehen. Volkswirte rechnen damit, dass sich dabei am Donnerstag fast alles darum drehen wird, ob die EZB dagegen einschreitet. Denn EZB-Präsidentin Christine Lagarde hatte stets betont, dass die Notenbank in der Pandemie günstige Finanzierungsbedingungen für die Wirtschaft sicherstellen wird. Genau dies kann der Renditeanstieg aber womöglich gefährden. Am Leitzins, der seit fünf Jahren auf dem Rekordtief von 0,0 Prozent liegt, werden die Euro-Wächter wohl nicht rütteln.

"Während über das ‚ob‘ eines Eingreifens im EZB-Rat weitgehend Einigkeit zu herrschen scheint, gehen die Meinungen in Hinblick über das Ausmaß offenbar auseinander", meint Commerzbank-Volkswirt Michael Schubert. Zuletzt hatten sich mehrere Ratsmitglieder öffentlich geäußert. Aus Sicht von EZB-Vizechef Luis de Guindos muss geprüft werden, ob sich der Renditeanstieg negativ auf die Finanzierungskonditionen auswirkt. Die EZB habe aber die Werkzeuge zu reagieren. "Wir haben Spielraum und wir haben Munition", sagte er der portugiesischen Zeitung "Publico".

Für seinen Direktoriumskollegen Fabio Panetta dagegen ist bereits klar, dass die Renditeentwicklung unerwünscht ist. Ihr müsse entgegengewirkt werden, sagte er auf einem Webinar der italienischen Bocconi Universität. Dabei hat er wie auch de Guindos das Anleihekaufprogramm Pepp im Blick: "Wir sollten nicht zögern, das Volumen der Käufe zu erhöhen und den ganzen Pepp-Rahmen auszugeben oder mehr, falls das nötig ist." Der Kaufrahmen des bereits zweimal aufgestockten Programms liegt inzwischen bei 1,85 Billionen Euro. Rund eine Billion Euro sind davon noch ungenutzt. Bundesbank-Chef Jens Weidmann sprach sich dagegen zunächst für eine sorgfältige Analyse aus. Eine durchgreifende Verschlechterung der Finanzierungsbedingungen sieht er derzeit nicht.

Bondkäufe beschleunigen?

Aus Sicht von Chiara Zangarelli, Volkswirtin beim japanischen Bankhaus Nomura, wurde der Renditeanstieg vor allem durch bessere Wachstums- und Inflationserwartungen in den USA angetrieben. Deshalb werde die EZB ihn wohl als eine verfrühte und unangemessene Verschärfung der Finanzierungsbedingungen einstufen, glaubt die Expertin: "Schließlich weist der Euro-Raum eine weniger günstige Dynamik als die USA auf, wenn es um Impfungen, Wachstum und Inflation geht." Für Nick Kounis vom Bankhaus ABN Amro sind die Anleihenkäufe zunächst das Mittel der Wahl. "Wir glauben, dass eine Erhöhung des Tempos der Anleihenkäufe der erste und naheliegendste Ansatzpunkt für die EZB ist." Den gesamten Kaufrahmen zu erhöhen hält Kounis aber gegenwärtig nicht für notwendig.

Zangarelli geht davon aus, dass die EZB in den kommenden Wochen das Tempo ihrer Pepp-Käufe erhöht und dabei ein ähnliches Niveau wie im zweiten Quartal 2020 anstreben wird. Nach Berechnungen der US-Bank Morgan Stanley hatte damals das Monatsvolumen der Käufe im Schnitt 113 Milliarden Euro betragen und war danach auf im Schnitt 65 Milliarden gesunken.

Im Blickpunkt der Sitzung dürften zudem neue Wirtschaftsprognosen der Notenbank-Ökonomen stehen, die den Euro-Wächtern bei ihren Beratungen vorliegen werden. Auch von ihnen dürfte abhängen, wie stark ihre Reaktion ausfallen wird. Aus Sicht von Commerzbank-Volkswirt Schubert werden die neuen Vorhersagen für ein eher moderates Eingreifen sprechen: "Wir gehen davon aus, dass die Notenbank-Experten ihre Wachstums- und Inflationsprognosen für das laufende Jahr wohl angehoben haben, aber ansonsten von einem praktisch unverändertem Bild ausgehen."

Keine Sorgen wegen Inflation

Bisher rechnet die EZB für heuer mit einem Wirtschaftswachstum im Euroraum von 3,9 Prozent und einer Inflation von 1,0 Prozent. Die Commerzbank erwartet eine neue Wachstumsprognose für 2021 von 4,2 Prozent und für die Inflation von 1,3 Prozent. Die EZB stufte die zuletzt höhere Teuerungsrate im Euroraum eher als eine vorübergehende Entwicklung ein. EZB-Vize de Guindos rechnet damit, dass die Teuerung in den nächsten zwölf Monaten im Schnitt unter der Zielmarke von knapp zwei Prozent liegen wird. Im Februar waren die Lebenshaltungskosten wie im Jänner um 0,9 Prozent gestiegen. Noch im Dezember und in den Monaten davor waren sie im Minusbereich gelegen. (reuters)